Souvenirs: Pearl Jam und ich

Vor 25 Jahren erschien das erste Album „Ten“ von Pearl Jam. Diese Band ist, ganz plump, meine Lieblingsband. Seit der ersten Stunde verfolge und sammle ich alles, was irgendwie mit der Band zu tun hat. Während die anderen der sogenannten „Big Four“ aus der Seattle-Hood (ach, Nirvana, oh, Soundgarden und die etwas weniger bekannten Alice in Chains) eher von Metal und Punk beeinflusst wurden, waren Pearl Jam immer ein bisschen mehr Hard Rock. Also schon Grunge, natürlich. Bis jetzt sind 10 Studioalben und unzählige Bootlegs erschienen. Seit dem Jahr 2000 wird jedes Konzert aufgenommen. Zeitweise waren deshalb bis zu zwanzig Pearl Jam Alben gleichzeitig in den US Charts vertreten. Bessere und genauere Infos zur Band gibts auf einschlägigen Webseiten – oder natürlich auf Pearljam.com. Was dort aber nicht steht, ist, dass diese Band die beste Liveband der Welt ist. Ich habe nachgezählt: Ich war in 20 Jahren auf insgesamt 19 Pearl Jam Konzerten. Alle waren komplett unterschiedlich, wegen den verschiedenen Bühnen, aber auch, weil sie immer eine andere Setliste spielen. Kein Lied wurde auf allen Konzerten gespielt. Nicht einmal „Alive“ oder „Even Flow“.

Also, hier, Pearl Jam und ich, live seit 1996:

09.11.1996, Hallenstadion, Zürich

Mein erstes Pearl Jam Konzert. Tante Käthi nahm mich mit. PJ spielten „Better Man“, ein Lied, dass ich damals noch nicht kannte. In der Folge musste ich Käthis komplette CD-Sammlung durchhören. Shazam, Setlist.fm und andere moderne Fan-Annehmlichkeiten gab es nämlich noch nicht. Für meine Tante war dieses Konzert eine Zäsur. Zum ersten Mal wurde sie gesiezt und gefragt, ob sie nicht auf ein paar Jacken aufpassen könne. Sie war damals… zarte 27 Jahre alt.

11.06.2000, Rock im Park, Frankenstadion, Nürnberg

PJ hauen nach Meinung vieler Fans die ultimative Version von „Nothing as it Seems“ raus. Überhaupt, das Line-up dieser Ausgabe des Rock im Park war das beste ever ever. Lasst euch das Mal auf der Zunge zergehen: Sting, Santana, Rage Against the Machine, Muse, Queens of the Stone Age, Deftones, Die Toten Hosen, Bush und Korn. And I was fucking there. Dank der Buechibärger-Gang von Martin, denen ich mich aufgeschwatzt habe und die wohlwollend den kleinen, uncoolen Marcel mitnahmen.

18.06.2000, Residenzplatz, Salzburg

Wieder mit Tante Käthi, die damals in Österreich wohnte. Salzburg, Freiluft, mitten in der Altstadt. Vor der Vorband, an die ich mich leider nicht erinnern kann, kam ein unscheinbarer Mann mit der Akustikgitarre auf die Bühne, spielte ein Liedchen und wünschte viel Spass mit der Vorband. Es war PJ-Frontmann Eddie Vedder himself, er macht sich häufiger den Spass draus, überraschend auf die Bühne zu kommen oder vor einem Konzert irgendwo aufzutauchen und mit seinen Fans sein Liedchen zu singen. Jörg Staude, absolute Koryphäe des Visions Magazin, schrieb mir auf Anfrage, dass Eddie das Lied „Throw your arms around me“ von Hunters and Collectors gespielt hat.

13.09.2006, Bern Arena, Bern

Wahrscheinlich einer der Gründe, warum Pearl Jam nicht mehr in der Schweiz spielen. So viel schlechte Akustik und Organisation für so viel Geld. Gab es eigentlich seither noch ein Konzert in der Arena? Item, think positive, die Vorband war My Morning Jacket, zum ersten Mal also eine wirklich gute Vorband. PJ spielten „Marker in the Sand“ vom damals aktuellen Album „Pearl Jam“ (das mit der Avocado vorne drauf).

12.06.2007, Olympiahalle, München

Beeindruckende Halle. Viele Bier, viele gute Konzert. Viele selten gespielte Songs, wie „No More“ oder den Neil Young Song „Throw Your Hatred Down“. Wir viele betrunken.

23.06.2007, Southside, Neuhausen ob Eck

Kürzestes PJ-Konzert out of 19. Nur 20 Songs in etwa 90 Minuten, keine langsamen Sachen. Den Orgelmenschen brauchte es nur während dem Lied „Modern Girl“ von Sleater Kinney.

15.08.2009, Wuhlheide, Berlin

Eine der schönsten Freilichtbühnen Europas, obwohl von den Nazis gebaut. Geschichte geschrieben haben hier die Stones mit ihrem legendären Krawallkonzert. Wir (mi Brüetsch und ich) sassen oben. Ed bat die Leute unten auf sein Zeichen hin, drei Schritte zurückzugehen. Das machen sie seit dem tragischen Vorfall im Jahr 2000 in Roskilde regelmässig, weil dort während eines Konzertes von Pearl Jam im Gedränge Menschen verstarben. Sie spielten „Blitzkrieg Bop“ von den Ramones, „Angie“ von den Stones und mit den eigenen Songs „Bee Girl“ und „Arc“ wiederum absolute Raritäten.

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22.06.2010, The 02, Dublin

„Kick out the Jams Motherfucker“ von MC5 wurde verpunkrockt. „Yellow Ledbetter“ wurde mit Thin Lizzy veredelt. Auch so eine PJ-Masche, irgendwas mit Lokalkolorit oder Aktualität in die Setliste zu mischen. Auf dem Hinflug lernten wir einen vermeintlichen DJ kennen, der sich als Folkmusiker herausstellte. Gerry Paul nahm uns mit nach Dublin, platzierte uns bei seinen Freunden in einem Pub, während er kurz weg musste, um in einer TV Sendung aufzutreten. Oha, jemand mit Fame! Danach lernten wir noch den jungen Holländer Christof van der Ven kennen, welcher dieses Jahr (also jetzt, hier, im 2016) als Gastmusiker mit „Bear’s Den“ durch Europa tourt.

23.06.2010, Odyssey Arena, Belfast

Auf der Zugsfahrt von Dublin nach Belfast lernten wir die Amis Shannon und ihren Mann sowie zwei irische Brüder kennen. Die beiden Iren organisierten uns Tickets und Hotelzimmer. Endlich spielten PJ „Jeremy“ wieder. „I will Follow“ wurde in „Yellow Ledbetter“ eingebaut. Das Bier kostete halb soviel wie in Dublin.  Scheinbar gibt es in Belfast zwei Flughäfen. Das wussten wir nicht, wir gingen davon aus, dass wir vom „George Best“ abfliegen würden. Nun, auf der Taxifahrt zum richtigen Flughafen bekamen wir noch eine kleine IRA-Geschichtsstunde des Taxifahrers, der uns zeigte, wo früher überall Strassensperren waren.

25.06.2010, Hyde Park, London

Mein Bruder und ich unterhielten uns in Belfast darüber, wie cool es wäre, wenn Pearl Jam ein Konzert mit „Given to Fly“ beginnen würden. Die Freude war gross, als sie zwei Tage danach im Hyde Park (vor 70’000 Leuten!) genau damit anfingen. Zuvor gab es schon eine andere Überraschung, Ed spielte im Vorprogramm zusammen mit Ben Harper „Under Pressure“. Beeindruckend an so einer Grossveranstaltung wie jener im Hyde Park ist, dass man trotz der gewaltigen Menschenmassen weder fürs Bier holen noch fürs Pipi machen danach anstehen muss. Glückselig liege ich irgendwann im Rasen und schaue mir die Sterne an.

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26.06.2012, Ziggo Dome, Amsterdam

Erstes PJ-Konzert mit Domi(nique). Kennengelernt hatten wir uns, ja, tatsächlich so kitschig, über Pearl Jam. Im 2011 moderierte ich mit einem gemeinsamen Bekannten eine Sendung auf Radiologisch.ch zu Pearl Jam und Pavement, in der sie sich den Song „I am Mine“ wünschte. Die ganze Story würde den Rahmen dieses Blogs sprengen. Meine Hauptsorge nach der romantischen Vereinigung war jedoch: Kommt sie mit zu Pearl Jam? Tour 2012? Ja, sie kam. Ich war noch mehr verliebt.

Eben, erster Abend in Amsterdam. Als erste Rockband (und als zweite Band überhaupt) spielten Pearl Jam im neu eröffneten Ziggo Dome. (Das erste Konzert gab ein holländischer Schlagerfuzzi, Marco Bosato. Domi hat eine CD zu Hause. Sie darf sie niemals nie abspielen).

Ed hat so eine Macke, er hält beinahe sakrale Ansprachen in der jeweiligen Landessprache. Und natürlich hat er keine Ahnung, was er da eigentlich von sich gibt. Also, Ed las auch was auf Holländisch vor. Irgendein gewitzter Holländer schrieb Eddie „Mijn nederlands is kloten“ hin. Was so viel heisst wie „Mein Holländisch ist Scheisse“. Nur das Kloten Hodensack heisst (darum finden übrigens die Holländer unseren Zürcher Flughafen auch sehr, sehr lustig). Ed schien etwas erstaunt, dass der ganze Dome lachen musste.

27.06.2016, Ziggo Dome, Amsterdam

Die Setlist der zweiten Amsterdam-Show durfte ein langjähriger Fan zusammenstellen. Mit kleinen Änderungen spielten Pearl Jam Rarität um Rarität. Unter anderem eine Killerversion von „Not for you“ und endlich wieder „Last Kiss“. Nach dem Konzert trafen wir die Amis Shannon, ihren Mann und Leah (Remember: Dublin, Belfast). „Oh my God, they played Bugs!“ Shannon konnte ihr Glück kaum fassen. Für Pearl Jam Fans ist es wie Paninibildlisammeln. Wer hat welchen Pearl Jam Song schon live gehört? Bugs zum Beispiel wurde seit der Veröffentlichung 1994 erst zum zweiten Mal live gespielt (I love Setlist.fm statistics). Domi meinte nur, ist ja logisch, bei dem Song. Trotzdem, Pearl-Jam-Fans tragen so ein Ereignis wie eine kleine Trophäe stolz vor sich her. Eddie erklärte den Ziggo Dome endgültig zur Hall of Rock, da nach dem Konzert des Vorabends jemand in eine Ecke gekotzt und die Hallen somit stilgerecht eingeweiht hatte.

29.06.2012, Rock Werchter, Belgien

Für mich wohl das schönste Festival. 74’000 Leute, leicht abschüssige Rasenfläche und Bands wie Gossip, anderer Orts Headliner, spielten bereits um 17 Uhr. Jack White eröffnete in der Dämmerung den Headliner-Reigen. Es war eines der besten Konzerte ever. Nach der bombastischen Show konnten weder die Local Heroes dEUS noch Pearl Jam dem Jack das Wasser reichen. Oder den Wein. Eddie hat an dem Abend wohl ein bisschen tief ins Glas geschaut. Gibts. Dazu ein weiterer Eddie Fun Fact: Er trinkt während der Konzerte meist eine Flasche Rotwein. Natürlich aus der Flasche.

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30.06.2012, Mainsquare Festival, Arras, Frankreich

Geblieben sind mir der Song „Wishlist“, die Tatsache, dass Eddie sich ab der zu lauten Musik auf der zweiten Bühne nervte sowie eine seltsame einheimische Spezialität, „Tartelette“ oder so ähnlich. Das ist so Härdöpfelgratin im Brot. Andere Franzosen bestellten sich Pommes im Brot. Uns wurde beim Anblick ein bisschen übel.

02.07.2012, O2 Halle, Berlin

Jungsausflug. Ich hatte nur Tickets für den zweiten Abend kaufen können. Aber wofür hat man gute Freunde mit noch besseren Kontakten. So konnten für diesen Abend VIP-Tickets organisiert werden. VIP! MDF, Gertsch, Christian und ICH auf der Gästeliste von Pearl Jam! Das ist noch besser als „Bugs“ live zu hören. PJ-Gästeliste. Check.

03.07.2012, 02 Halle, Berlin

Meine gekauften Plätze waren natürlich wesentlich schlechter als die VIP-Plätze. Das passte dem einen Zürcher unter uns gar nicht. Aber wir hatten ja noch die VIP-Bändeli vom Vorabend, also schlichen wir uns zurück in den VIP-Bereich. „Blood“ bleibt im Gedächtnis , ebenso „Eruption“, der Gitarrensong von Eddie van Halen.

20.06.2014, Stadio San Siro, Mailand

Wieder mit Domi auf Pearl-Jam-Tour. „Alive“ im San Siro war magisch, 68’000 Italiener sangen lauthals den Choral mit. Bekanntermassen sind die Italiener dankbare, wenn nicht die besten Rockfans. Grazie Mille Ragazzi. In der Musikpresse wurde tags darauf ein anderes Lied gehypt. „Let it go“ aus dem Disney-KINDERfilm „Frozen“. Das haben PJ in „Daughter“ eingebaut, wegen der Kinder von Eddie. La familigia Vedder war auch da, wieder eine herzzerreissende Ansprache in einer Sprache, die Herr Vedder nur ablesen konnte. Herr und Frau Vedder haben sich anno dazumal in Milano kennengelernt. Amore per sempre.

22.06.2014, Stadio Nero Rocco, Triest

40 Grad im Schatten und Pearl Jam spielten „Let me Sleep, it’s Christmas“. Eddie sah im Publikum einen Fan mit einem Mother Love Bone Shirt und spontan spielte seine Band „Chloe Dancer/ Crown of Thorns“ nur für ihn. Wir durften aber auch bleiben. Und, mein ganz persönliches Highlight: ICH HABE EDDIE BERÜHRT! Er klatschte die Fans in ersten Reihe ab und traf auch meine Hand. Die wurde logischerweise seither nicht mehr gewaschen.

25.06.2014, Stadthalle, Wien

Der Pearl-Jam-Päärliabend. Wir trafen unsere Zürcher Buddies Sarah und Christian, es sollte ein lustiger Neil-Young-Gedenkabend werden. Weil Neil Young kurz darauf auch in der Stadthalle spielte, haben Pearl Jam ein paar Neil-Songs ins Repertoire genommen. „The Needle and the Damage done“ spielten sie, weil sie davon ausgingen, dass es Neil selber wohl nicht tun würde. Und wir sollten dann Uncle Neil grüssen.

26.06.2014, Wuhlheide, Berlin

Die Band hatte das „Frozengate“ mitbekommen und machte sich darüber lustig. Gitarrist Stone Gossard, welcher sehr, sehr selten singt, also eigentlich nie, stimmte es mit einem breiten Grinsen kurz an. Beim Ramones Cover „I believe in Miracles“ war Domi kaum mehr zu halten. Vielleicht war sie auch deshalb etwas angeschlagen, als sie am nächsten Tag einen Artikel fürs Bieler Tagblatt schrieb. Irgendwo in einem Internetcafe zu Berlin. Aber da musste sie durch. Es ging schliesslich um Pearl Jam.

2017?

Vielleicht kommen Pearl Jam nächstes Jahr wieder auf Europatour. Es waren Gerüchte im Umlauf, dass sie schon dieses Jahr in Europa hätten touren sollen. Ich vermute mal, dass sie Bedenken hatten aufgrund der Ereignisse letzten November in Paris.

 

Marcel ist Rockette Man durch und durch. Gelegentlich bloggt er für die Solothurner Kulturagenda Zmitz, viel lieber redet er als Musikexperte und DJ seiner Freundin, Rockette Dominique, rein. Im Übrigen danken die Rockettes ihren Rockettieren für, ja, eigentlich für alles.

Bilder: privat/Karen Loria @pearljam.comsetlisting.com/

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