Sprich darüber – auch über deine verschissenen Unterhosen

Krank heisst nicht nur Robin Rehmanns Zürcher Punkband – krank macht es ihn auch, dass die Gesellschaft über die gut 50 Prozent des Lebens, die sich nicht um Einhörner und Katzenvideos drehen, nur ungern spricht und lieber unter den Teppich kehrt, dass es chronische Krankheiten, zerrüttete Familien und psychische Probleme gibt. Während er in seiner Sendung „Sick of Silence“ anderen eine Stimme gibt, veschafft sich der Moderator mit seinem Buch „Steine im Bauch – Mein Leben mit Colitis ulcerosa“ selbst Gehör.

Was ich in den letzten Wochen so auf Instagram gepostet habe: Katzenbildli, Herbstfarben-Selfies, Konzert-Pics. Eine ähnliche Themenschnittmenge haben auch gut 90 Prozent der Gespräche, die ich im Alltag so führe. Nicht nur auf Social Media und Co. leben die meisten von uns in einer schönen heilen Welt. Als ich vor einigen Jahren während einer für mich sehr schwierigen Zeit wagte, einen eher depressiven Status zu schreiben und einen vom Ton her tief düsteren Kommentar in einem Chat zu posten, wurde ich doch glatt von meinen „Freunden“ verhöhnt, dass das doch wirklich nicht sein müsse. Ich meine hey, hatte ich es wirklich gewagt, mal ehrlich zu sagen, dass es mir gerade beschissen ging? Geht ja gar nicht.

Als ich kürzlich kraftlos von der Kloschüssel fiel, weil ich mir eine Magen-Darm-Grippe eingefangen hatte, dachte ich „das ist er nun, der erniedrigendste, trostloseste Moment in meinem bisherigen Leben“. Ich muss dazu sagen – Magen-Darm hatte jeder schon mal, da ich aber nicht nur hochsensibel auf viele Reize reagiere, sondern auch mit einem Reizdarm „gesegnet“ bin, sind bei mir solche Beschwerden dann halt immer ein wenig „beschissener“, als sie es bei anderen wären. Würde ich, wieder gesund und zurück am Arbeitsplatz, jemandem erzählen, wie schlimm ich mich in diesem Moment gefühlt habe? Kaum.

„Da sitze ich auf meinem Thron aus Keramik und werde von Krämpfen geschüttelt.
Keiner hört mich, als ich vom Toilettenring langsam auf den Badezimmerboden gleite
und die Kontrolle über meine Ausscheidungen verliere.“
(Steine im Bauch, Seite 17)

Robin Rehmann hätte, kaum wieder auf den Beinen, einen Vlog darüber gemacht und die Welt wissen lassen, wie es ihm gerade ergangen ist. Nicht etwa, weil er jammern, sondern weil er fucking ehrlich sein will: „Zu Beginn meiner Krankheit habe ich versucht, diese herunterzuspielen. Dabei habe ich insgeheim gehofft, dass meine Ärzte und mein Umfeld schon irgendwie merken, wie schlecht es mir wirklich geht“, so Robin Rehmann im Vorwort seines Buches „Steine im Bauch – Mein Leben mit Colitis ulcerosa“. 

Noch heute ziehe er oft eine Maske auf, die er erst hinter verschlossener Badezimmertüre, geschüttelt von Bauchkrämpfen, ablegen kann. Trotzdem nimmt er die Welt über seine Vlogs in jeglichen erdenklichen Situationen mit und zeigt offen, was seine chronische Krankheit ihn alles durchmachen lässt. Ob im Spital oder vor dem Darmeinlauf – der Moderator hat immer eine Kamera dabei: „Es gibt ja Leute, die mir immer sagen, Robin jetzt stress dich doch nicht noch mit diesen Videos, wenn du schon krank bist – aber für mich ist das kein Stress, sondern eine Art Therapie“.

Mein liebster Youtube-Moment: Wenn Rehmann strahlend erzählt, dass er sich auf seine kommende Darmspiegelung freut, weil er dann Propofol bekommt, „mein einziger Flash“, da er keinen Alkohol mehr trinkt. Und ich kann dir nur zustimmen, Robin, die Propofol-vernebelte Zufriedenheit nach der Darmspiegelung ist richtig geil – auch ich habe mich selten so auf rosa Wolken gefühlt. Ob ich das bisher jemandem erzählt habe? Natürlich nicht. Dann hätte ich ja über die DARMSPIEGELUNG sprechen müssen, die ich im übrigen gleich zweimal über mich ergehen lassen musste. Einmal in Kombination mit einer Magenspiegelung – geil (nicht).

Manchmal zeigt sich Robin Rehmann mit einer an ADHS grenzenden Dringlichkeit von seiner verletztlichen Seite. Die harten Macker und fucking Smilers da draussen werden ihm nur allzu gern attestieren, ein „Jammerfüdli“ zu sein. Für all diejenigen, die genau für diese Schönwetterfreunde jahrelang ihre Schmerzen und ihre wahren Gefühle verheimlicht haben, ist Robin Rehmann aber eine Art Rettungsanker, der ihnen vorlebt, dass sie sich auch oder gerade in den Momenten offen zeigen können, in denen sie mal nicht perfekt glowen und nicht Selfie-tauglich daher kommen. „Vom Verlorengehen, Sich-wieder-Finden und nach dem rechten Weg fragen – davon handelt dieses Buch. Keine Memoiren, um zwischen den Zeilen meine Trauer zu bekunden“, schreibt der Moderator im Vorwort. Dass er die Diagnose, die er mit Anfang 30 erhalten hat, nicht nur als Schicksalsschlag erachtet, macht er ebenfalls klar: Während sich die einen auf den Jakobsweg zur Selbstfindung begeben, suche ich mir eine schwere Darmkrankheit aus“.

„Obwohl ein ganz tragisches Lied spielte, tanzte man einen Gangnam-Style darüber -,
bis es einen umhaute. Herzinfarkt, ausgebrannt, Schiss in der Buxe.“
(Steine im Bauch, Seite 62)

Während er den „Rauch“ jahrelang ignoriert habe, stehe sein „Haus“ mittlerweile in Flammen – die Entzündung im Dickdarm, eine Autoimmunkrankheit, sei Zeichen eines Kampfes gegen sich selbst: „Das einzige, das genügend Kraft hat, mir in den Arsch zu treten, bin ich selber!“

Geteiltes Leid ist vermutlich doch halbes Leid

Marc Vogel, ein Freund aus Kindertagen, half Robin Rehmann, für „Steine im Bauch“ seine Gefühle in Worte zu fassen. Denn: „Beim Versuch, diese Zerrissenheit auf Papier zu bringen, bin ich kurios gescheitert.“ Sein Unvermögen habe ihm dann aber Tür und Tor geöffnet, einen neuen Menschen in sein Leben zu lassen. „Denn eins hat mich meine Krankheit gelehrt: Das schafft keiner allein. Ohne all die lieben Menschen, die mich auf meinem steinigen Weg begleiten, hätte ich meinen optimistischen Ausblick schon längst verloren.“

„Ich war überrascht, wie viele Menschen es waren, die mit den Umständen einer
chronischen Krankheit zu kämpfen hatten.“
(Steine im Bauch, Seite 60)

„An alle, die Angst haben, sich zu öffnen: bis jetzt ist bei mir noch nichts Negatives
daraus entstanden,
und all meine Ängste haben sich nicht erfüllt. Im Gegenteil.
Geteiltes Leid ist vermutlich doch halbes Leid“.
(Steine in Bauch, Seite 62)

Nicht immer will der Entertainer ein Motivator sein

So lässig es auch ist, Robin da bei seinen Abenteuern zuzusehen und so erfrischend, dass da jemand mal offen und ehrlich über die ganze Scheisse in seinem Leben (wortwörtlich, sorry Robin, der Plattwitz musste sein) spricht – es ist der Mensch, der mit sich und seinem Schicksal hadert, der einem so ans Herz geht, dass man ungewollt sentimental wird und beginnt, über sich selbst nachzudenken.

„Genau das klingt so fucking amerikanisch – Yes, we can do it. Man kann alles schaffen, was man will. Da ist etwas dran, definitiv. Es gibt Phasen, wo ich das brauche und mir sage, du besiegst das. Aber auf der anderen Seite ist da auch die Akzeptanz, dass es halt nicht mehr so ist, wie es einmal war und nicht mehr geht, wie es mal ging. Man tut oft, als wäre alles gut – aber mengmol schiessts ein eifach nur a“.

In manchen Momenten will der Entertainer dann nicht einmal mehr der Motivator sein, der sagt, dass man auch eine chronische Krankheit besiegen kann. „Nein, kann man wahrscheinlich eben nicht. Aber das muss ich auch nicht“

„Nicht falsch verstehen, ich bin Mitglied der Sterbehilfeorganisation EXIT-Schweiz
und empfinde selbstbestimmtes Sterben als Grundrecht. Aber nie werde ich mich
kampflos meinem Schicksal ergeben. Nie. Nie. Nie.“
(Steine im Bauch, Seite 2016)

„…wenn es sein muss mit verschissenen Unterhosen“

Profan, etwas esoterisch angehaucht, könnte man sagen, dass jeder nur die Bürde zu tragen hat, die er auch tragen kann. Wenn es einem dann aber einfach nur beschissen geht, will man solchen Bullshit natürlich nicht hören. Trotzdem hat die Krankheit Rehmann nun mal auf den Weg gebracht, den er geht. Und die zahlreichen Reaktionen, der Erfolg seiner Sendung bei SRF Virus und nicht zuletzt die ehrlichen Gespräche mit seinen Gästen zeigen, dass die Welt ein paar Rehmanns braucht, die die Dinge beim Namen nennen.

„Aber genau das soll meiner psychischen Gesundheit guttun: Mich selbst anzunehmen.
Mit allem, was dazugehört. Wenn es sein muss mit verschissenen Unterhosen.“
(Steine im Bauch, Seite 210)

Woher die Krankheit Colitis ulcerosa kommt, ist bis heute nicht klar. Dass die Psyche eine grosse Rolle spielt, betont auch Robin Rehmann: „Ich war mit meinem Gefühl nicht allein, dass psychischer Druck einen enormen Einfluss auf meine Krankheit hätte. In meiner Radiosendung Sick of Silence wurde mir das von anderen chronisch Kranken bestätigt“. Auch deshalb drängt der Moderator heute, dass man sich nicht verschliessen, sondern über seine Probleme sprechen soll: „Wenn du deine Hand ausstreckst, wirst du überrascht sein, wie herzlich diese gehalten wird“.

Auch sein aktuellster Studio-Gast, Bigu, betont: „Es ist mega wichtig, dass du dir selbst mehr Aufmerksamkeit und Liebe gibst und anfängst, deinen Körper mehr zu spüren.“

Aus Erfahrung kann ich sagen: Wenn du ihm nicht zuhörst, wird dein Körper sich irgendwann Gehör verschaffen. Und scheiss auf die Freunde, die dich für einen Jammeri, ein Sensibelchen oder für krank halten – um KRANK zu zitieren: FUCK THEM ALL.

ROBIN REHMANN/MARC VOGEL: „Steine im Bauch – Mein Leben mit Colitis Ulcerosa“

(Bild: Zvg)

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