Wir ignorieren Steff la Cheffe jetzt einfach mal

Steff la Cheffe hat in den letzten fünf Jahren wahnsinnig geliebt, und gelitten, Käse verkauft, neue Musik veröffentlicht und im gleichen Zug mehr denn je von sich preisgegeben. Und mich hat die Berichterstattung über „Härz Schritt Macherin“ mal wieder den ganzen Musikjournalismus hinterfragen lassen. Und zwar nicht etwa, weil alle einstimmig von dem Album schwärmen.

„Härz Schritt Macherin“ ist auch für mich eines der besten und berührendsten Alben, das die Schweizer Musikszene je hervorgebracht hat. Auch ich bin hin und weg von dem neuen Gesicht der Berner Rapperin, die sich nach ihrer Krise so ernsthaft, so poetisch, so enorm gefühlvoll und todehrlich zeigt. Ich schicke sogar Whatsapp-Nachrichten in der Gegend herum, in denen ich den Leuten empfehle, diese Platte zu kaufen. So Fan bin ich. Gleichzeitig habe ich überhaupt keine Motivation, meine Begeisterung in einer Review zu begründen. Jedes erdenkliche Blatt hat über Steff la Cheffe und ihr „Härz Schritt Macherin“ geschrieben, leider ziemlich deckungsgleich: hat Käse verkauft, hat an Liebeskummer gelitten, hat ein geniales Album vorgelegt … beliebte Formulierung: „Käseverkaufen als Brotjob“. Ich gebe zu, mir kommt kein neuer Aspekt in den Sinn, ich könnte mich jetzt nur noch in die Reproduktionskette eingliedern.

Gelesen hab ich trotzdem alles, was mir in den letzten Tagen zu Steff  la Cheffe begegnet ist, die Frau interessiert mich ja, und was sie macht auch. Aber nur zwei Texte waren wirklich unverzichtbar: Ein sehr lesenswertes Porträt im Magazin – von Christof Gertsch. Da lernt man Steffe la Cheffe als „Gesamtkunstwerk“ kennen und erfährt unfassbar viel über sie als Mensch und über ihr Leben. Eine wunderschöne Ergänzung dazu ist die Kritik in der NZZ am Sonntag. Von Bänz Friedli, der sich – ein bisschen wie wir – die Freiheit nimmt, vorwiegend über Musik zu schreiben, die ihn umhaut (ihr erinnert euch), anstatt wertvolle Zeit mit Verrissen zu verplempern.

Ich will überhaupt niemandem in den Rücken fallen, mir sind die Mechanismen vertraut. Doch eigentlich wäre das Land mit den eben genannten Texten vollumfänglich bedient gewesen. Und man müsste nicht zwingend auch noch lesen, wie 20 andere die Stichworte Liebeskrise, beeindruckendes Comeback und Käse verwurstelt haben.

Ich bin für mehr Vielfalt und weniger Massenberichterstattung. Eine Musikredaktion ist ja nicht unprofessionell, wenn sie mal ein Album ignoriert, dafür gibt es viel zu viel gute Musik in der Welt. Und wenn etwas nicht ignoriert werden will, weil es so einzigartig und so überzeugend ist, dann muss das ein Leser aber auch spüren können. Pflichtstoff im Kontext von Musikberichterstattung ist einfach so gruusig – und der Wohnsitz im Einzugsgebiet, ein Platz in den Charts oder eine Einladung an die Swiss Music Awards noch lange kein Gütesiegel (ich rede jetzt NICHT mehr von Steff la Cheffe!).

Ich will mich doch einfach um nichts anderes kümmern müssen als um Musik. Und wenn ich sie liebe, dann will ich jubeln, hypen, durchdrehen wie Friedli, und im Gegenzug dazu aber auch mal was übergehen dürfen. Nur so lesen wir nicht an jeder Ecke dasselbe und nur so haben alle Künstlerinnen und Künstler dieser Welt die Chance, dass irgendwer irgendwo mal über sie schreibt. Weil es wieder Platz gibt für eigene Meinungen, unterschiedliche Blickwinkel, ein vielseitigeres Lesevergnügen.

Deshalb wollen wir Steff la Cheffe jetzt einfach mal ignorieren und erst dann zu einer Rakete einladen, wenn der ganze Trubel um „Härz Schritt Macherin“ ein bisschen durch ist. Und wir werden NICHT das Thema Käse anschneiden.

STEFF LA CHEFFE: „Härz Schritt Macherin“, out (Bakara)

LIVE: 10.05. Südpol, Luzern; 12.05. Dachstock, Bern (Plattentaufe), 19.05. Moods, Zürich; weitere Daten findet ihr hier.

(Bild: Facebook)

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