Benjamin von Stuckrad-Barre ist wieder geilomatik

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Es gab eine Zeit, da hegte ich amouröse Gefühle für Benjamin von Stuckrad-Barre. Und zwar nach Erscheinen seines Debütromans „Soloalbum“ (1998), den ich umwerfend fand, liebte, jedoch wie alle Bücher, die ich vor mehr als drei Wochen gelesen habe, nicht mehr aus dem Stegreif resümieren kann. In dem Sinne kam die Lesung, die ich ein paar Jahre danach im Berner Gaskessel besuchte, zu spät. Da war ich schon schwanger – und überhaupt gerade nur mittelmässig zufrieden mit den Arbeiten, die der Autor nachgeschoben hatte (im Vollrausch, wie ich heute weiss).

Doch jetzt, schlagartig, ist meine alte Zuneigung wieder aufgeflammt (Ninas übrigens auch!). Ich bin hingerissen von Stuckrad-Barres neustem Buch „Panikherz“, staune Schneemänner über seine Offenheit und mehr noch über seine Sympathie. Ja, früher mochte ich ihn, weil er etwas Arschlochiges ausstrahlte (Bad-Boy-Syndrom), heute weil er so ein Guter ist.

Das muss man natürlich herausspüren. Denn in „Panikherz“ schreibt der 41-Jährige über die verreckteste Zeit in seinem Leben. Drogensumpf, Selbstüberschätzung, Essstörungen, man bringt selber nichts mehr runter, so gnadenlos gruusig protokolliert er seine jahrelange Sucht und Überheblichkeit. Aber es geht eben auch um anderes, um Freundschaft, Vergebung, Einsicht, und sehr oft um Musik, im Speziellen um jene von „yeah, godong, godong“ Udo Lindenberg. Und ich will jetzt nicht sagen, der Panik-Rocker sei der Hauptgrund, warum dieses Buch nicht nur entstanden, sondern erst noch wahnsinnig gut gelungen ist. Oder doch: ich will.

Gerade werd ich flatterig, weil mir kreuzweise die vielen herrlichen Anekdoten einfallen, die Stuckrad-Barre aus weggekoksten aber auch aus nüchternen Zeiten erzählt. Zum Beispiel jene, als er eins von vielen Malen bei Udo Lindenberg anklopft, seinem „geistigen Zuhause“ (Brauchste Socken, fragte Udo unvermittelt, schnelle Socken, flinke Sohle, Frischfussindianer und so?). Oder als die beiden zusammen nach Los Angeles reisen (Ach, Udo erzählt ihm gerade, er und ich, wir seien Strassenkatzen, deshalb könne man noch gar nicht genau sagen, was wir hier machen würden und wo, das werde man ja dann sehen, ne?), oder jaaa, als Stuckrad-Barre mit Thomas Gottschalk ein Brian Wilson-Konzert besucht, an dem Wilsons Familie einen Geburtstagskuchen auf die Bühne bringt (Aha, The Mamas & The Papas, du liebes bisschen, sagt Gottschalk, und aus der Ferne kann man jetzt nicht mehr mit Bestimmtheit ausmachen, wo der riesige Kuchen aufhört und Brian Wilson anfängt oder ob da nicht sowieso die ganze Zeit ein Kuchen am Klavier gesessen hat). Hilarous! Dann wären da noch all diese musikalischen Bezüge, Elvis Costello, Coolio, Nirvana und immer wieder Udo. Songs, die man sofort youtubeln, Texte, die man sogleich in voller Länge nachlesen und wie Benjamin von Stuckrad-Barre es zwanghaft tut, auswendig lernen möchte. Sonst noch was? Die drei Wochen nach der Lektüre sind noch nicht vergangen, noch könnte ich von meiner lebendigen Erinnerung profitieren.

BENJAMIN VON STUCKRAD-BARRE: „Panikherz“, Kiepenheuer & Witsch (2016)
Lesung: 19.11. Schauspielhaus Zürich

Die „Zeit“ hat Benjamin von Stuckrad-Barre und Udo Lindenberg im Duo interviewt. Für Fans des einen und/oder des anderen: lesenswert.

(Bilder: Pressebild/buch.ch)

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