„Leiden nützt ja eh nichts“

Sven Regener liegt in einem blauen Ledersessel backstage Bierhübeli. Der Rest von Element of Crime treibt sich im Nebenzimmer rum, es gibt Apéro, den niemand zu essen scheint. In Regeners Hand ein Pappbecher, auf dem Tisch liegt eine Ingwerknolle. „Ingwerwasser ist gut für die Stimme“, erklärt er, und schaut durch riesige Brillengläser (die Brille nimmt er dann ab fürs Foto). Wenn er aufsteht, um neues heisses Wasser nachzufüllen in sein kleines Becherli, knarrt der Holzboden, aber Herr Regener ist irgendwie behende unterwegs, fast elegant schwebt er zum Samowar, füllt auf, knarrt zurück und lässt sich wieder fallen.

Miriam und ich sind hier, um ihn – vor dem Konzert – zu befragen, und zwar ausschliesslich anhand Zeilen aus seinen Liedern. Das gelingt uns so halb.

„Frag mich nicht, woher ich komme, sag, du freust dich, mich zu sehn.“
(„Mittelpunkt der Welt“)

Rocketten: Wenn wir fragen würden: Woher kommen Sie eigentlich?

Sven Regener: Dann würd ich sagen, das geht Sie gar nichts an. Das ist ja auch keine vernünftige Frage. Man könnte fragen, woher kommen Sie gerade, dann kann ich sagen, ich komm grad von der Arbeit oder von zu Hause, aber normalerweise stellt man ja so eine Frage gar nicht.

Doch! Woher kommen Sie ursprünglich!

Ach so! Aus Bremen. Ich würde niemals sagen, ich bin Berliner, ich würde sagen, ich bin Bremer, der schon sehr lange in Berlin lebt.

„Why have you gone? What do you do? Where are you now? Do you think of me, too?“ („Moonlight“)

Where are you now?

Das ist aus „Moonlight“, ne? Ich würde mir von dieser Art Frage nicht zu viel versprechen! In Bern in der Backstage.

„Die Frage ist nur, was du reden sollst,
wenn der Nostalgiequatsch nichts mehr bringt
und du merkst, dass der Klang deiner Stimme mir
keine Liebeslieder mehr singt.“ („Still wird das Echo sein“)

Was reden, wenn der Nostalgiequatsch nichts mehr bringt?

Mit manchen Leuten verbindet einen eben nur so nen Nostalgiequatsch. Mit manchen Leuten hat man nur die Vergangenheit, man hat weder die Gegenwart noch die Zukunft. Und dann ist im Grunde genommen alles, worüber man reden kann, Nostalgiequatsch. Ich glaube, davon handelt dieses Lied. Das ist dann eben Pech. Man kann aber auch mit Leuten in Erinnerungen schwelgen, das ist was anderes, das ist dann kein Verweis drauf, dass man nichts anderes hat. Insofern kann man das so allgemein nicht sagen.

Kennen Sie denn Leute, mit denen Sie nur noch Nostalgiequatsch bereden können?

Ja, gut, es gibt Leute, die man ewig nicht sieht, und dann wiedertrifft, und dann ist es, als wären sie nie weg gewesen. Aber es gibt auch Leute, die sind halt einfach weg gewesen. Mit zunehmendem Alter kennt man das, es gibt Verbindungen, wo einfach nichts mehr ist.

Wenn Sie nach Bremen gehen zum Beispiel?

Ich hab auch Verwandte und Freunde dort, mit denen ist das überhaupt kein Problem. Ich kenn auch Leute aus Bremen, die ich überhaupt erst kennengelernt habe, nachdem ich aus Bremen weggezogen bin. Insofern darf man das nicht so sagen. Es gibt auch Leute in Berlin, mit denen ich nichts mehr zu reden habe. Es ist dann auch wichtig, dass man sich nicht unter Druck setzt, man muss ja nichts konstruieren.

„Ich hab jetzt Sachen an, die du nicht magst
und die sind immer grün und blau
Ob ich wirklich Sport betreibe,
interessiert hier keine Sau.“ („Delmenhorst“)

Treiben Sie Sport?

Ähm, ich bin kein grosser Sportler. Aber … ich hab im Alter von 38 Jahren einst skifahren gelernt.

Oh!

Ja, ja! Und deshalb war ich auch heuer wieder skifahrn. Über Ostern.

Wo denn?

In den Dolomiten.

Schön. Sind Sie gut?

Ich komm heil rauf. Und wieder runter. Mir ist jetzt noch nichts passiert, und das ist das Wichtigste. Wenn man, wie in meinem Fall, über Ostern skifahrn geht und dann zwei Wochen später eine Tournee beginnt, ist es nicht klug, sich zu verletzen, das wäre echt blöd. Wobei man sagen muss, so wie ich skifahre, ist es gefährlicher, wenn ich in Berlin Fahrrad fahre.

Sie fahren also langsam.

Ja klar, aber ist ja auch nicht bescheuert, ich bin 55 Jahre alt.

Fahren Sie im Skianzug oder in Jeans?

Ich, he, he, ich hab ne Skijacke, aber die Hose, die ich hab, passt mir nicht mehr so richtig, die ist zu eng geworden. Deshalb fahr ich meistens in Jeans oder in Hosen, die ich gerade anhabe. Das geht dann aber nur, wenn man zu einer Jahreszeit fährt, wo es nicht so kalt ist. An Ostern zum Beispiel.

Und wenn man nicht hinfällt.

Das find ich überschätzt. Man kann ruhig mal hinfallen, wenn der Schnee einigermassen ok ist! Wenn er nicht total pappig ist. Wenn das so ein Haxenbrecher ist, dann ist wahrscheinlich sowieso vorbei, wenn man hinfällt. Wenn er gut ist, dann kriegt man auch nicht sofort einen nassen Arsch. Das ist also gar nicht so schlimm. Aber man muss sehen, dass ich auch relativ schnittig aufsteh.

„Doch alten Resten eine Chance, mal sehen, ob es noch klappt
Und was nützt das viele Leiden, wenn man sich nicht auch vergnügt.“ („Alten Resten eine Chance“)

Was nützt das viele Leiden, wenn man sich nicht auch vergnügt?

Äh, ja, nichts. Das ist, ähm, … das bringt nichts. Leiden nützt ja eh nichts. Es ist nichts, woraus man etwas Gutes konstruieren kann.

Aber kann man sich vergnügen, wenn man leidet?

Naja, das geht jetzt ein bisschen zu weit, weil ich glaube, so kompliziert wars da nicht gemeint in dem Lied. Es ist auch ein Beispiel für etwas, das ich gerne mache in Liedtexten, so ein bisschen übertreiben. So schwachsinnig übermässig, das macht mir immer ganz gut Spass. Das ist ein bisschen Brot und Butter dieser Art von Songschreiben, dass man sowas machen kann. Weil es mit der Musik auch gut zusammengeht. ’n bisschen hysterisch und so.

„Warum ich, wer bin ich, dass du mir damit kommst
Was hab ich getan, dass du mich damit quälst
Und hör auf so zu grinsen, ob ich neidisch bin? Ha! Ich doch nicht, dummes Huhn.“ („Geh doch hin“)

Sind Sie neidisch?

Da gibts ein schönes Lied von Andreas Dorau: „Hier kommt der Neid, bist du für ihn bereit, lass ihn doch geschehen, es wird dir besser gehen.“ So ungefähr. Ich bin nicht sicher. Neid ist ein Gefühl, das man bekämpfen sollte. Weil er einen sonst auffrisst. Weil es auch nichts bringt.

Was könnte Sie denn neidisch machen?

Das würd ich niemals rumerzählen. Das wäre eine Form von Selbstentblössung, die mir gar nicht liegt. Neid bedeutet immer, dass jemand anders etwas hat, das man gerne haben würde. Das ist ein negatives Sentiment. Das sollte man versuchen, unter Kontrolle zu haben. Unter Künstlern ist ja der Neid ein unfassbar verbreitetes Phänomen. Oft beruht das auf einem Missverständnis. Nämlich darauf, dass man glaubt, die Liebe des Publikums sei eine abstrakte Grösse. Das Publikum habe nur so und so viel Aufmerksamkeit zu vergeben, und dann bleibe nichts mehr übrig. Das ist der Irrtum, der künstlerischem Neid zugrunde liegt. Na. Aber das ist falsch. Das ist ein Stimmungskiller, ein Abtörner. Ich bin nicht für so was.

„I saw you with a gun last night,
who did you wanna shoot?“ („No God Anymore“)

Who did you wanna shoot?

Bitte?

Who did you wanna shoot?

Nee, das ist ja nichts Gutes, das ist mir fremd.

EOC-Album2014_04_Charlotte Goltermann

„Merkst du denn
Wie weit der Horizont sich neigt
Das leise Zittern, wenn das Schiff ganz langsam in die Höhe steigt
Wie eine alte Frau, die sich mit Mühe aus dem Sessel hebt.“ („Schwere See“)

Merken Sie, wie weit der Horizont sich neigt?

Gut, das bezieht sich ja auf Seefahrt, ne. Ich hatte immer eine grosse Neigung zur Seekrankheit, bin aber auf einem Segelboot quasi aufgewachsen. Auf dem Meer, auf der Nordsee, das ist eine der übelsten Gegenden, wo Sie mit einem Boot hinfahren können. Extrem hart und ruppig. Also: Ja, das merkt man dann ziemlich schnell.

„Die eine grosse Frage bleibt ungefragt,
wenn der Wolf schläft, müssen alle Schafe ruhn.“
(„Wenn der Wolf schläft“)

Welche grosse Frage bleibt immer ungefragt?

Naja, die, die man sich nicht stellt. Die man sich nicht zu fragen traut.

Und die verraten Sie uns jetzt nicht?

Das ist ja das Problem, wir reden ja jetzt im Kontext von Liedern. Und da mag ich jetzt nicht so einen prosaischen Beipackzettel beitun. Das ist nicht so cool.

Sie haben alle Lieder erkannt.

Ja, weil ich ein gutes Gedächtnis hab. Ich brauche auf der Bühne auch keinen Teleprompter, hä, hä. Mir wär das nicht ganz geheuer. Man braucht ja auch jemanden, der diesen Teleprompter bedient. Und Computer fallen ja auch mal aus.

Sie haben nie Mühe mit Texten?

Doch, schon, man kann auch Texte vergessen, aber ich kann ja immer schnell nachschlagen im Songbuch.

Wie wärs mit einem Souffleur?

Nein, das geht nicht mit Musik. Man könnte ihn nicht hören. Im Theater geht das schon, aber wir haben Zwangs-Timing. Während ich singe, müsste ich mir schon anhören, was als nächstes kommt. Das will ich nicht. Das ist nicht cool.

Vielen Dank, Herr Regener.

Ja, gern geschehen, das ging ja flott!

Sie haben ja auch ein Zwangs-Timing!

IMG_0650

Sven Regener bietet uns noch eine von vielen Brezn an, die er, wie er betont, nicht bestellt hat, wir lehnen ab und huschen davon. Er bleibt im Ledersessel sitzen.

„Und dennoch, was solls?
Und dennoch, was solls?
Und dennoch, was solls?
Warum was verschrein?“ („Ganz leicht“)

(Bilder: privat und Pressebilder)

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