Sziget II: „Do you fucking love Rock ’n‘ Roll?“

Auf 60 Bühnen gabs am Sziget-Festival in Budapest einiges zu entdecken. Nicht alles war gleich Rock ’n‘ Roll. Manches schon – Post Malone zum Beispiel verlor erfrischenderweise seine H&M-Shoppingtour-Aura.

Post Malone war eine Wucht. Vielleicht lags daran, dass es der erste Hauptact war, den wir am Sziget sahen (ja, wir kamen zu spät für Ed Sheeran, Franz Ferdinand, Macklemore etc.). Zu Hause gefällt mir sein Rap-RnB-Sound nämlich nicht so. Er erinnert mich zu sehr an eine Einkaufstour durchs H&M. Aber dort auf der VIP-Tribüne mit Unicum Zwack (etwas wie der ungarische Jägermeister) im Blut riss mich seine Energie mit. Bis ganz hinten bebte die unglaubliche Menschenmenge. Und ich wurde nicht müde mitzuhüpfen. Fast so bouncy wie Smudo und Michi oder wie Stress jeweils. Der soll ja der Meister im Gumpen sein. Bei Hits wie „Better Now“ und „Rockstar“ gabs kein Halten mehr. Posty war allein auf der Bühne und vermochte die tausenden von Leuten zu stemmen und unterhalten. Das beeindruckt mich immer masslos.

Post Malone hat …
… ziemlich viele Fans.

Tom Odell schaffte es am Tag darauf in der Mittagshitze der Donauinsel weniger, mitzureissen. Obwohl er seinen kompletten Blazer durchschwitzte, auf den Flügel sprang, einem Zuschauer den Hut stahl (und später selbstverständlich zurückgab – der Brite ist ein Gentleman). Das Publik sass am Boden im Staub – eine las sogar ein Buch. Odell war trotzdem zu Recht auf der Hauptbühne. Sein virtuoses Klavierspiel beeindruckte und als er ein Medley aus Pour Elise und Imagine anstimmte, blieb wohl kaum ein Höschen Auge trocken.

Tom Odell und die Hitze.

Im Colosseum und dem Bacardi-Arena spielte derweil die elektronische Musik. Heftige Bässe von bekannten DJs dröhnten übers halbe Gelände. Wer das nicht aus nächster Nähe hören wollte (wir zum Beispiel), hielt sich an die Bühnen. Dort gabs richtig viele Gitarren. Catfish and the Bottlemen zum Beispiel. Sie waren live viel aussergewöhnlicher als auf der CD und kamen verwegener rüber als einige ihrer College-Rockig Nummern vermuten lassen.

Gar nicht college-rock-mässig. Catfish and the Bottlemen.

Frank Carter & the Rattle Snakes waren auch gitarrig. Ich habe die übrigens die ganze Zeit mit Frank Turner & the Sleeping Souls verwechselt, die standen auch auf dem Line-Up. Ist aber nicht das Gleiche. Und mit Jay vo dä Souls hats auch nichts zu tun.

Jedenfalls war Frank Carter und seine Schlangen eigentlich ganz cool. Aber: Am Sziget sind ja wie gesagt Talks zu Liebe, Menschenrechte und Klima eingeplant. Wenn die Acts dann die ganze Zeit in die selbe Kerbe schlagen und die Welt verbessern wollen, wirkt das immer etwas aufgesetzt. Und wenn sie, wie Frank Carter, stundenlang über ihre Kinder sprechen, ist das ja schon süss. Sie könnens aber mit noch so vielen „Fuckings“ spicken („I fucking love my daughter more than any fucking one else“) es wirkt halt nicht so Rock ’n‘ Roll, genauso wenig wie wenn man immer wieder für die Security und die „Trahs-Heroes“ klatschen muss.

Frank Carter. Ausnahmsweise am Singen und nicht am Reden.

So aber fertig gehated. Zu Florence and the Machine kann ich mich aber nicht retten. Ich habe sie verpasst. Leider. Es war einfach zu viel. Manchmal muss man ja essen, sitzen und übers Leben und die Liebe philosophieren. Und dann gibt’s ja noch die anderen 59 Bühnen. Das Zelt zum Beispiel. Dort war es bei den Idles, bei Black Mountain und den Valeras richtig gitarrig. Genauso wie bei einer ziemlich lustigen ungarischen Rockband Nomad. Die ihre drei Zuschauer (zwei davon sicher die Eltern des Leadsängers) anschrie und zum Mitsingen aufforderte.

Manchmal muss man essen.
Wenig Zuschauer – viel Rock ’n‘ Roll.

Eine besondere Entdeckung war Alma. Eine saucoole junge Frau aus Finnland. Dann war da Bosse (jööö, er war unser allererster Phoner-Partner!). Der liess mich auf einem Spaziergang zur Jazz-und-Klassikbühne innehalten. Die Zuschauer gingen vor der Europe-Stage bei ihm dermassen ab, dass man einfach hinschauen musste. Der Deutsche Rocksänger spielte wohl gerade die Show seines Lebens. Die Europa-Stage war sowieso gut für Entdeckungen. Sophie Hunger kannte ich schon. Ein kleines Highlight war auf eben dieser Bühne Maruja Limón. Wenn man sagt, Rosalía binde Flamenco-Elemente in ihre Songs, sollte man mal diese Spanierinnen sehen. Die wunderschönen Frauen tanzten, klatschten und spielten Gitarre und Trompete – wirklich flamenco like und mit einer vergleichbaren Attitude wie Rosalía. Nur irgendwie nahbarer.

Die super coole Alma aus Finnland.
Flamenco von Maruja Limón

Natürlich waren wir dann auch am Konzert von Twenty One Pilots. Sie spielten die exakt gleiche Show wie auf dem Gurten. Entgegen aller Kritik, die ihre Show in Bern erntete, fand ich sie auch am Sziget super. Mich störte die fehlende Linie nicht so. Ich fand das abwechslungsreich. Wenigstens erweckte ihr Konzert nicht den Eindruck, ihr Set bestünde aus zwei Ähnlichen und einem gleichen Song. Ich bin ausserdem ein bisschen in Nick Thomas verliebt. Er hat so ein süsses Gesicht, wenn er mal die Sturmmaske auszieht.

„Do you fucking love Rock ’n‘ Roll? – I fucking love Rock n Roll“ hiess es dann bei den Foo Fighters. Die hatten schon eine deutlichere Linie. Daran liess Dave Grohl von Anfang an keinen Zweifel. Das letzte Konzert auf der Hauptbühne war wieder rockig und gitarrig mit viel Geschrei und wenig Weltverbesserung.

Obwohl ein Gewitter im Anzug war („they say it’s gonna rain – you know what, i don’t fucking care“, sagte Grohl. Ja, ja schon gut. Auf der gedeckten Bühne und im fancy Backstage würd ich auch nicht caren) war der Platz vor der Hauptbühne so voll wie noch nie. Die Hits wie „Pretender“ hauten von Anfang an rein und man durfte sich auf eine tolle Show freuen. Die Foo Fighters würden zwei Stunden spielen. Das war aber offensichtlich etwas zu viel für ihr Set. Immer wieder verloren sie sich in eeeewig langen Soli von jedem Musiker und das war der aufgeladenen Stimmung nicht unbedingt zuträglich. Jedenfalls entscheiden wir, vor dem Regen und vor dem Ende des Konzerts zu gehen. Ich war etwas untröstlich, hatte ich mich doch auf das Konzert gefreut. Vor dem Ausgang hörten wir den Jubel, den es nur bei den ersten Takten von Hits gibt. Also liefen wir zurück und und tanzten und weinten ein bisschen zu „Walk“. Danach konnte ich getrost heim und den Rock ’n’ Roll auf der Donauinsel Rock ’n’ Roll sein lassen.

Tschüss Sziget.
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