Thank you, Iggy

Fuck! Das ist IGGY!

Sommer 1998: Frauenfeld. Ich war 20 Jahre jung und zum ersten Mal auf einem Festival. Am ersten Tag spielten meine damaligen Helden: die Rolling Stones.  Später dann unter anderem Bob Dylan und Björk. Aber irgendwo dazwischen, da war Iggy. Iggy Pop! Und er liess alle anderen Acts alt aussehen. Niemals zuvor oder danach hab ich solch eine leidenschaftliche Performance gesehen. Er war schlicht unglaublich: I’m the world’s forgotten boy, the one who searches, searches to destroy. Ich glaubte ihm jedes Wort.

20 Jahre später, im Zug von der Provence zurück nach Biel: Spotify empfielt: Here’s an album for you: „Teatime Dub Encounters“ von Underworld. Yeah! I’m in! Ich liiiiebe Underworld. Ihr Album „Beaucoup Fish“ haben wir damals in den Neunzigern rauf und runter gehört. Wir nannten es das blaue Album, in Anlehnung an das White Album der Beatles. Was? Underworld? Die gibts noch? Seit mindestens 15 Jahren nie mehr gehört… Okay, lass ma hören: Bier auf und los. Yeah, klingt grossartig! Und auf einmal erklingt diese vertraute Stimme und sinniert:

If I had wings, I wouldn’t do anything beautiful or transcendent
No, I’d get my finger into everything I wanted
I’d do all the beautiful things, those thing you can’t do
Because nobody wants you to be able to do the things that make you feel good
Like you can’t smoke on the airplane
I remember smoking on the airplane

Fuck! Das ist IGGY! Welch eine perfekte Verbindung: Iggy Pop und Underworld. Let’s drink, deeper and deeper into the matter… Cheers! Iggy zelebriert das Rauchen im Flugzeug als ultimative Form der Anarchie und gesteht sich ein, dass er einen Fehler machte als er high auf Kokain wurde, um mutig genug zu sein, die Stewardess nach ihrer Nummer zu fragen: The stewardess would have been better than the cocaine. I made an error of judgement. Er resümiert: If I had wings, that would be a bad idea…. Glaub ich ihm aufs Wort.

In „I’ll See Big“ reflektiert Iggy darüber, welche Freunde man hat, und nach welchen Kriterien man sie sich aussucht, und wie sich diese Kriterien und konsequenterweise auch die Freunde im Verlauf des Lebens ändern. Sein Fazit: Man muss anspruchsvoll sein gegenüber sich selbst, um im Leben zu reüssieren. Er beendet den Song mit der Überlegung, was seine Freunde einmal über ihn sagen werden, wenn er stirbt.

Der Song „Trapped“ klingt verdächtig nach der Band Suicide. Ich sehe ihn als eine Verbeugung vor dem Schaffen vor Alan Vega und Martin Rev, den ersten Electropunks. Ein wunderbarer Song über einen Typen Namens Johnny, der ne Hypothek auf ein Haus aufgenommen hat und nun gefangen ist im System von Zahlungen, Bürgerlichkeit und den Fängen einer Beziehung. Klar, doch Iggy lebt seit seiner Kindheit in Trailers und offenbar weiss er weshalb…

Und die Musik? Meines Erachtens passt dieses elektronische, repetitive Klanggewebe perfekt zu Iggys Erzählungen, zu seinen Gedanken über die Freiheit, die Bedeutung von Freunden, den Fängen des bürgerlichen Lebens und dem Verlust seines Shirts. Einzig diese kitschigen Frauenbackingvocals vor allem im letzten Song „Get Your Shirt“ wirken in meinen Ohren deplaziert. Was mir an diesem Album so gefällt ist die Kombination von elektronischer Präzision, Wiederholung und Monotonie mit dem spontanen Erzählstil des Erzählers. Ich war immer der Meinung, dass Punk und Electro vieles gemeinsam haben und diese EP ist ein perfekter Beweis dafür, wie es funktionieren kann.

Mein Lieblingsmoment ist, als Iggy am Anfang des Songs I’ll See Big sein Mikrofon checkt und fragt: „Hey is that me?“ Hey, Iggy, yes it is! And I love you! You make the difference in a world gone mad. Ich hab selten soviel gelernt in knapp 27 Minuten. Thank you Iggy!

 

UNDERWORLD & IGGY POP: „Teatime Dub Encounters“, out (Caroline International)

 


GUESTLIST:
Jachin Baumgartner ist Sänger von Dream Pilot, Gitarrist bei Chicken Reloaded, Produzent und Mitinhaber des Studios Heaven BNC.

 

 

 

 

(Bilder: Internet / Jachin Baumgartner)

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