Thank you motherfuckers!

Eigentlich hätte ich gerne darauf verzichtet, im Stadion am Foo Fighters Konzert zu arbeiten, aber die werden da immer wütend, wenn man sich krankmeldet, und verlangen Arztzeugnis. Ausserdem wollte ich den Grossevent nicht verpassen, ich liebe Grossevents, da passieren immer sehr spannende Sachen, und ich arbeite eigentlich auch ganz gerne mit Betrunkenen. Deshalb mal wieder Lowlife Lohnarbeit im Stadion Catering; ein Mittwochabend in der Bierfabrik.

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#massenevent #bierfabrik

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Ich war viel zu früh eingeteilt, wegen des schlechten Wetters habe ich die erste Stunde mehr oder weniger untätig auf meine Longdrinkbecher mit den grünen Strohhalmen gestarrt und mir Wolf Alice angehört. Zwischendurch ein Blick aufs Handy oder mal eine rauchen. Irgendwann kam meine unmittelbare Vorgesetzte mich wütend zurechtweisen, dass ich mich gefälligst an die Regeln halten soll und nicht ohne zu fragen Zigarettenpause machen dürfe, weil wenn der Chef vorbei kommt und das sieht, dann gibts Ärger, für sie und für mich. Ich war zwar wütend, weil ich doch keine verdammte Primarschülerin bin, du blöde Bitch, habe aber nicht viel dazu gesagt und mich gefragt, wer zur Hölle hier eigentlich der Chef ist, und ob der Söhne hat, die Heiratsmaterial sein könnten. Danach bin ich halt weiterhin untätig mit angepisstem Face vor den Longdrinks gestanden, während mir die Vorgesetzte, die hinten an der Bierzapfmaschine stand, mit ihren misstrauischen Blicken den Rücken massierte. Im Manual der YB Gastro AG steht ausdrücklich, man solle unbedingt immer freundlich sein und lächeln. Beim vorherigen Arbeitseinsatz am Cupfinal wurde mir von einem FCZ-Fan gesagt, ich sei eine untervögelte Bitch, weil ich keinen Bock hatte, zu lächeln, während ich im Gastsektor Fritten verpackte. Hätte ich gelächelt, so wies im Manual steht, dann wäre das wohl nicht passiert. Danke und sorry.

Ich begann mich darauf einzustellen, dass diese Work Session hier tendenziell anstrengend werden würde. Als aber Alison Mosshart von The Kills auf die Bühne trat und auf den riesigen Screens erschien, mit Zigarette und langen Schritten und dieser verdammt coolen, aber keineswegs überheblichen Rockstar-Attitude, war ich sofort versöhnlich gestimmt. Vielleicht habe ich in diesem Moment sogar kurz gelächelt. Ihr Auftritt hat mich nicht nur versöhnlich gestimmt gegenüber meiner Vorgesetzten, sondern auch gegenüber den Foo Fighters. Die Coolness und Grösse der Alison Mosshart haben meine Boy-Band-Allergie und die Verachtung gegenüber weissen Männern mit Gitarren für diesen einen Abend negieren können.

Ich fand Dave Grohls Freude am Fame sogar auf eine Art sympathisch, auch dieses leicht lächerliche „thank you motherfuckers, I love you“ und das rätselhafte „I want more“ (Wovon will er den nun mehr, hat er nicht schon genug, was fehlt ihm denn?). Aber für dieses eine Mal konnte ich akzeptieren, dass da ein Typ auf der Bühne steht, sich von ein paar Tausend Fans feiern lässt und es einfach nur liebt. Für dieses Sich-feiern-lassen im grossen Stil habe ich auch ziemlich Respekt, weil ich selbst bin bereits überfordert, wenn mich ein paar Hundert Schweizer Journis mal zwei Tage lang abfeiern. Ich habe gestern meine ersten grauen Haare entdeckt, na super. Thank you motherfuckers!

Ich wurde irgendwann von der Longdrink Station abgezogen und an die Front geschickt, Colportage, sich also mit 24 Bechern Bier vor dem Bauch unter die Menge mischen. Das ist ein sehr dankbarer Job, weil die Leute lieben dich dafür, dass du ihnen das Bier dahin bringst, wo sie gerade stehen. Es gibt Trinkgeld und ab der fünften Runde jeweils Boni, so dass man mit dem Gedanken spielt, den anderen Bierträgerinnen ein Bein zu stellen, weil hey, das ist freie Marktwirtschaft.

Am Ende liess ich mich bei der Vorgesetzten ausstempeln, und sie hat mir noch fünf Minuten abgezogen für die Rauchpause zu Beginn. Aber das ist schon ok, weil ich weiss, dass ich einen guten Job gemacht habe, auch wenn ich mich manchmal an den Autoritäten reibe und oft keine Ahnung habe, wie Hierarchien funktionieren, so dass ich halt etwas die Grenzen ausloten muss. Die Konsequenzen meiner Autoritäts-Legasthenie mag ich aber gerne tragen, seien es nun fünf abgezogene Minuten von der Arbeitszeit oder irgendwann ein Rausschmiss, weil ich eine Grenze zu viel überschritten habe. Soweit ist es bis jetzt noch nicht gekommen, vielleicht aber schon ganz bald. Wir werden sehen.

 

GUESTLIST: Jessica Jurassica hat zwar kein Gesicht, aber immerhin einen sehr tighten Namen, der übrigens frei erfunden ist. Als virtuelle Kunstfigur bewegt sie sich im Gonzo-Modus zwischen Twitter und Lowlife, Facebook und Drogenpolitik, Instagram und Feminismus. Seit kurzem ist sie Kulturschreiberin bei KulturStattBern und wurde spontan übers Wochenende zum One-Hit-Wonder gemacht, weil sie einem einflussreichen, weissen Mann ans Bein gepisst hat. Dabei wollte sie doch nur in Ruhe raven und menstruieren.

 

 

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