… euer Jessi Bradshaw. Das Tagebuch-Archiv

Es ist noch eine Weile hin bis die Bieler Rockband Treekillaz“ ihr neues Album tauft. Es ist aber auch schon eine Weile her, seit sie sowas zuletzt getan hat. Damit das alles also nicht so out of the blue kommt, hält uns Gitarrist Jessi bis im Februar 2017 mit intimen Tagebucheinträgen über die Entwicklungen, die Vorbereitungen und andere Angelegenheiten in Atem. Und hier zur Einschleimstimmung ein altes Video:

24.01.2017

Reto war unser erster Schlagzeuger. Und Reto und ich: sowas wie Feuer und Eis. Wir hatten in unserer Bandgeschichte wahrlich selten Probleme, aber wir beide bildeten die Ausnahme. Zwei Charakterköpfe, konstant am Fighten. Teilweise sehr konstruktiv, oftmals aber auch eher wie ein altes Ehepaar, das sich nur noch dummes Zeug vorwirft. Der Tinu war manchmal ganz schön genervt von uns beiden.

Grund für unsere Streitereien war nicht selten eine Band namens QL. Der Drummer von QL, Tosi, war ein guter Freund von Reto. Und er hat ihm dauernd Flöhe in Gestalt gutgemeinter Tipps ins Ohr gesetzt. Meistens handelte es sich um Ratschläge im Bezug auf das Musikbusiness. Ausser Reto war aber keiner von uns interessiert daran, diese Tipps anzunehmen. Wir waren ja auch eine komplett andere Band, die gar nie den Wunsch hatte, mit dem Strom zu schwimmen. Ja sicher, wir wollten auch mehr Gage, mehr Leute, grössere Clubs, aber unser Zuhause war die Authentizität und das „real Bleiben“. Diese Einstellung hat uns natürlich ganz viele Verkäufe und den Aufstieg in den Rock Olymp gekostet – doch es war uns scheissegal. Nicht, dass ich QL etwas vorwerfen möchte. Sie sind gut und haben mit ihren Schweizer-Kracher-Covers mächtig viel erreicht, aber eben, unser Ding war das nicht.

Es kam der Tag, an dem ich eine Offerte für die dritte Clawfinger-Tour auf dem Tisch hatte. Voller Vorfreude ging ich in den Übungsraum und eröffnete meinen Bandkumpanen diese geilen News. Reto meinte nur, dass wir keine neue Platte hätten, die Tour für die Katz sei und wir nicht gehen sollten, weil das zuviel koste. Ja er hatte schon auch recht, aber scheiss drauf, dachte ich, ich will auf diese Tour, denn so eine Gelegenheit ergibt sich nicht alle Tage. Worauf von Reto die Warnung kam, dass er sofort aufhört, wenn wir diese Tour zusagen. Ich habe es mir etwa zwei Sekunden überlegt und sein Angebot angenommen.

Treekillaz“ mit Drummer Reto:

Andy, Jazz Drummer aus Zürich. Dank einem Flirt mit anschliessender, kurzer Affäre wusste ich, dass der Bruder meiner holden Braut Schlagzeuger war und gerade eine renommierte Schlagzeugschule abgeschlossen hatte. Ein Anruf, ein kurzes Gespräch, und Andy war unser Drummer für die Tour. Er war verdammt gut, sogar die Clawfinger-Jungs zeigten sich mächtig begeistert von ihm. Er hat uns auch danach noch unterstützt und bestimmt ein Jahr angehängt. Chapeau, er ist für jedes Üben aus Zürich nach Biel gefahren, der Verrückte. Dann gab es auch noch diese Geschichte vom letzten Konzert der Tour. Es ist ja branchenüblich, dass der Headliner während der letzten Show etwas mit dem Support anstellt, das lustig sein soll. Jedenfalls stand bei Andy auf der Snare geschrieben: „need a new hair cut“. Und schwups, beim letzten Song wurde er während dem Spielen rasiert. Er hat das ganz männlich genommen und dazu gelächelt. Ich vermisse ihn ab und zu, und vielleicht treffen wir uns wieder. Seine Schwester ist ja keine Option mehr, die ist mittlerweile verheiratet und glücklich.

Tobi, Drummer Nr. 3, von Disgroove ausgeliehen. Wir hatten eine Show in Lichtenstein und keinen Drummer zur Verfügung. Und ich wollte schon immer mal mit einem meiner Lieblingsdrummer aus der Schweiz spielen. Tobi ist die lebende Legende für mich. Er hat bei Gurd gespielt und unglaublich viel Groove und Power. Die Shows mit ihm, ich glaube es waren zwei, waren super. Obwohl nur kurz geübt und live auch nicht immer ganz so korrekt, war es genial. Beim ersten Üben waren wir alle geschockt, so laut war es in unserem Raum noch nie, uns sind fast die Ohren abgefallen, der Herr hat sein Drum so heftig malträtiert.

Tom, Drummer Nr. 4, aus dem Emmental. Nach langem Suchen und einigen Leuten, die uns vorgespielt haben, kam der Tom in unser Studio, Er stellte sein Drum auf und spielte mit uns. Nach dem Üben haben Tinu und ich uns angesehen, genickt und dem Tom erklärt, er könne das Schlagzeug stehen lassen. Er war vorbereitet, nett, intelligent, und wir hatten das Gefühl, er sei ganz einfach richtig für uns. Was sich dann auch bewahrheitete. Er war eine Bereicherung in unserem Bandgefüge, hatte keine Ambitionen, Rockstar zu werden, wollte einfach Musik machen, geniessen und mit Freunden Zeit auf irgendwelchen Strassen und in anderen Ländern verbringen.

Plötzlich spielten wir auch vermehrt im Emmental und es da war noch die unglaubliche Geschichte vom Meer. Wir sind in Holland eine Strasse entlang gefahren, die eigentlich ein Damm war und über das Meer führte. Der Tom meinte ganz trocken von hinten: „Jungs, das ist das erste Mal, dass ich das Meer sehe“. Wow, er war ja zu diesem Zeitpunkt nicht gerade ein Jüngling, und er soll das Meer noch nie gesehen haben??? Ja, Tom, man sollte halt nicht nur mit dem Velo auf die Lueg fahren und uns einmal pro Woche ein Bild von dieser Lueg senden. Mittlerweile ist der Tom übrigens arbeitsbedingt für 18 Monate in Kanada. Am Arsch der Welt – er schickt uns jetzt ganz andere Bilder.

Konzert im „Wase, besser aus Holland“ mit Drummer Tom:

Heinz, Drummer Nr. 5. So langsam wird es Spinal Tap hier. Wer den Film nicht kennt, sollte das unbedingt ändern. Speziell Musiker oder angehende Musiker müssen diesen Film gesehen haben. Es zeigt einem in zwei Stunden, was alles zu einer Band gehört und wo die Probleme liegen. Wir haben diesen Film nach jeder schlechter Show gesehen und er half. Wir fühlten uns danach nicht mehr so alleine auf der Welt. Auf jeden Fall hatten Spinal Tap auch ganz viele Drummer und einer ist sogar auf seinem Drum-Stuhl explodiert bis nur noch grünes Geschlabber da war. Ich glaube ein weiterer wurde von Aliens entführt, aber egal schaut es selber. Der Heinz ist ein alter Kollege von uns, er hat ja schon ganz viel Bieler-Band-Erfahrung. Er spielte bei San Dimas, Modern Day Heroes und nach einer etwas längerer Pause ist er jetzt bei uns gelandet. Heinz ist ein sehr cooler Typ und passt hervorragend in unser Gefüge. Es geht von Tag zu Tag aufwärts und ich glaube wir werden noch ganz viel Freude aneinander haben. Heinz ist ähnlich wie wir, bodenständig und nicht versessen darauf, im hohen Alter noch Rockstar zu werden.
Treekillaz“ mit Heinz (2.v.r.)

Beat, auch genannt Tricky Beat, Drummer Nr. -1. Bevor Reto zu uns gestossen ist, hatten wir ja eine längere Zeit damit verbracht, unsere Band zusammenzustellen. Beat wurde uns empfohlen und wir haben zweimal mit ihm geprobt. Irgendwie war er supernett und irgendwie war er aber nicht das was wir uns vorgestellt hatten. Das Spielerische passte nicht. Tinu und ich hatten vor dem dritten Üben schon entschieden, dass er nicht mehr kommen soll. Als wir den Bandraum betraten, hat der Typ in stundenlanger Arbeit unseren ganzen Raum aufgeräumt, geputzt und auf Vordermann gebracht. Ach wie peinlich war uns das, wir sind dann hingesessen und haben ihm so nett wie möglich erklärt, dass wir von einem Engagement absehen werden.

Hausaufgaben auf nächstes Mal: Spinal Tap schauen!

 

10.01.2017

Tinu. Ihm könnte ich ein eigenes Buch widmen, so vielschichtig und eigensinnig ist er. Wir haben ja früher zusammen Eishockey gespielt und Tinu hatte im Mannschaftsbus immer die grösste Klappe und am lautesten gejohlt. Eines Tages fragte ich ihn, ob wir zusammen eine Band gründen wollen und los gings. Ich, der Metaller, er der Punk.

Tinu macht eigentlich immer genau das, was keiner erwartet, und ab und zu hat er einen extrem trockenen Humor. Bis zu seinem Achillessehnenriss (mehr dazu im Tagebuch-Archiv) war er auch stuntmässig ganz gut drauf. In Langnau sprang der Idiot aus einer Art Luke auf das Publikum*. Es war der Moment, in dem ich vor dem inneren Auge das Zeitungsinserat „Band sucht Sänger mit Ambitionen“ sah. Tinu wurde aber auch des öfteren als arrogant bezeichnet, was eine eine komplett falsche Einschätzung ist. Er hat einfach nicht immer und überall alle gern. Und im Gegensatz zu uns Weicheiern zeigt er das auch. Am liebsten sind ihm Leute, die ihn von hinten anfassen, da reagiert er extrem wohlwollend und mit ganz viel Liebe. Alles in allem ist folgendes sicher: Tinu ist hierzulande einer der ganz wenigen Frontmänner, die diesen Namen auch verdienen. Er lebt und atmet die Bühne, und das ist gut so.

*Wär nid gumpet isch ke Tiger:


Res ist unser erster und – nach siebenjähriger Babypause – aktueller Bassist. Er ist viel jünger als wir und seinerzeit von seinem Bruder empfohlen worden. Heute fällt das ja nicht mehr so ins Gewicht aber damals war er mit seinen 18 Jahren ein richtiges Küken, oder war er 17? Keine Ahnung mehr, auf jeden Fall hatte Res ewig lange eine Spange und sah auf der Bühne einfach geil aus. Er ist so unglaublich Rock’n’Roll, meistens mit Kippe im Mundwinkel, und gleichzeitig ein ganz sanfter Typ mit zuvorkommender Art. Wir verstanden uns immer gut und auch musikalisch liegen wir gar nicht weit auseinander. Ich bin froh, haben wir nach dem Weggang von Chabi den guten alten Res zurückholen können. Sein einziges Manko: Er vergisst im Laufe der Zeit immer wieder seine Bass-Parts und spielt dann im „Chrut“ rum. Aber hey, das macht er ja dann wieder wett mit seiner breitbeinigen Bühnenpräsenz.


30.12.2016

Jetzt wollen die verrückten Hühner von Rockette aus meinen Beiträgen ein Buch machen??? Also nicht, dass das nicht immer schon mein Traum gewesen wäre, ich war mir jedoch immer sicher, dass das keine Sau interessiert. Aber gut, es scheint genug gelangweilte Personen zu geben, die nicht nur das Buch von meinem Lieblingsfreund Chris von Rohr lesen wollen. Wenn wir schon beim Thema sind, und sich mein Magen gerade noch nicht gedreht hat, kann ich ja ganz kurz auf diesen Vollpfosten und Möchtegern-Bassisten zu sprechen kommen. Wir hatten mit Treekillaz“ nämlich schon Berührungspunkte. Von Rohr hat sich mal bei Dani Beck ganz schön lustig gemacht über unseren Bandnamen. Irgendetwas im Stile von Tree-Koalas und wir sollten doch Teddybären verschenken. Ich war auf jeden Fall froh, als er vom RCKSTR-Magazin den „Fuck You, You Fuckin‘ Fuck“-Award erhalten hat.

Ich habe ja mal neben ihm am Hellfest in Nantes (FR) gegessen. Er meinte, mein Mix sei sehr geil gewesen. Worauf ich ihn anschnauzte, dass er ja gar nicht dabei gewesen sei  – dann war Ruhe von seiner Seite. Fuck you , you f … Der Tisch war übrigens sehr nett besetzt. Vis-a-vis sass Kiss-Bassist Gene Simmons, irgendwelche Jungs von Korn waren auch dabei, und eben, dieser Gnom mit dem Kopfhudu, der sein Hirn von jeglicher Intelligenz abschirmt.

Bier, Bullen und Backstage-Verbot

Ich habe in meiner letzten Tour- und Konzertreihe etwas ganz Wichtiges vergessen. Ich wurde am Openair Frauenfeld verhaftet. Wie konnte ich diese tolle Story nur unerwähnt lassen? Also eigentlich fing ja alles supergeil an. Warner Music Switzerland hat uns zwar damals nicht viel gebracht, aber ab und zu gab es eben diese etwas grösseren Gigs wie den am Openair Frauenfeld 2004. Mit von der Partie waren damals Adrian Stern (allerdings noch als Rocker und Punker und nicht mit seinem Amerikaschmuseshizzle), Pink, Gentleman, Cypress Hill, Mary J. Blige. Wir hatten einen tollen Auftritt, schauten ab und zu nach links oben, wo wir uns in Übergrösse auf der Leinwand sahen – beängstigend. Der Tinu war super sympathisch, hat viel mit den Leuten geredet und ihnen erklärt, dass wir die letzte Band wären, die ehrliche und ungekünstelte Kommunikation pflegt. Am Ende des Konzerts habe ich mein in eine Pet-Flasche abgefülltes Bier einem Zuschauer geschenkt. Das heisst, ich bin zum Bühnenrand gegangen, dann auf die Knie, und habe dem Zuschauer das Bier mit einem lockeren Schwung zugeworfen. Ca. 30 Minuten später erscheint die Polizei im Backstage und erzählt etwas von einem verletzten Zuschauer. Meine natürliche Reaktion war „Tinu, du hast ein Problem, was hast du wieder gemacht“. Nach kurzer Diskussion wurde mir allerdings klar: Es ging um mein Bier. Der junge Mann hatte es nicht fangen können, brach sich das Jochbein und fiel zu seinem unglaublichen Pech noch auf den einzigen Stein weit und breit, der wiederum eine grosse Platzwunde am Hinterkopf hinterliess.

Ich also mit diesen zwei Superbullen im Auto auf dem Weg in den Verhörraum und was ich da erlebt habe, kann ich kaum in Worte fassen. Da kamen Fragen wie: Sind Ihre Eltern noch zusammen? Hä? Haben Sie oder Ihre Eltern Schulden? Häääää? Sind Sie drogensüchtig? war noch das Normalste. Auf jeden Fall wurde ich nach zwei Stunden der dummen Fragerei endlich wieder entlassen. Ich musste auch noch vehement insistieren, dass sie mich zurückfahren. Ich war ja schliesslich ohne Geld da, hatte meine drei Kleidungsstücke am Leib, und das wars. Die Polizisten hatten glücklicherweise Erbarmen mit mir und fuhren mich zurück. Vielen Dank auch für das Verpassen von Gentleman und Cypress Hill.

Zu guter Letzt durfte ich dann nicht mal mehr mein Zeugs aus dem Backstage holen. Ein dunkler Mann, 3 x 3 Meter gross hat sich als „Personal Security“ von Pink vorgestellt und mir auf eindrückliche Art und Weise erklärt, dass ich bis nach der Pink-Show nicht in meinen Backstage gehen darf. Ich habe ihm zu Verstehen gegeben, dass ich gute Kontakte zu den Bullen habe, was ihn aber nicht zu interessieren schien. Übrigens: Der arme Kerl, der verletzt im Spital lag, hat der Polizei erzählt, dass es sein Fehler gewesen sei und sie mich in Ruhe lassen sollen. Geil, er hat einen 3-Tagespass gekauft und die einzige Band, die er gesehen hat, war Treekillaz“. Sad, sad, sad …

Es ist wahr: Jessi und Tinu haben einen R.E.M.-Song geschrieben

Und jetzt kommen mir gerade wieder reihenweise Geschichten in den Sinn. Wir haben mit Treekillaz“ mal an einem Festival in Holland gespielt. Eine Band fiel aus, und so gaben wir nach unserem Set spontan auch noch ein akustisches Konzert auf der zweiten Bühne – sowas können wir dank unserem Nebenprojekt Diesel Krügen. Auf jeden Fall war der Tinu wieder einmal in Hochform, und weil wir in dieser Duo-Konstellation nur Covers spielen, erfand er bei jedem Song eine Geschichte dazu. Bei „Fire“ von R.E.M. war es der Anruf von Michael Stipe, der gerade eine Schreibblockade hatte und uns fragte, ob wir ihm aushelfen können. Klar können wir sowas – und so haben Tinu und ich eben „Fire“ geschrieben. Das ging ca. eine Stunde lang so weiter und uns war klar, dass das Publikum merken würde, dass wir nur zwei sarkastische und lustige Menschen mit blühender Fantasie sind. Zu unserem Erstaunen gab es aber  etliche Leute, die uns das Ganze abgekauft hatten. Entweder sind wir wahnsinnig talentierte Schauspieler oder die Holländer kiffen eben doch zu viel.

Übrigens war der Techniker bei der Hauptbühne extrem schlecht. Er hat eine geile Band sowas von vermischt, dass Chabi und ich die Sache in die Hand nahmen. Während ihn Chabi mit allerlei dummen Fragen ablenkte, schraubte ich hinter seinem Rücken an allen möglichen Reglern herum, bis es besser klang. Es dauerte etwa 40 Minuten bis er merkte, wie wir ihn verarschen. Oder besser gesagt, wie wir ihm geholfen haben.

Tinu stellt sich als Serge vor: schlechtes Zeichen

Was anderes: Das beste Interview aller Zeiten gaben wir bei Radio 3Fach in Luzern. Wir finden den Sender wirklich klasse, innerhalb kürzester Zeit waren wir gleich zweimal zu Gast. In anderen Worten: gleiche Band, gleicher Moderator und zum Missfallen von Tinu – gleiche Fragen. Nach der zweiten Frage kam dann auch prompt die trockene Antwort von Tinu: „Selbe beschissene Frage wie beim letzten Mal – gleiche beschissene Antwort.“ Bumm das hat gesessen. Es wurde harzig und es war unser letzter Besuch bei 3Fach.
Und wenn wir schon bei Interviews und Tinu sind. Sobald er sich als Serge vorstellt, weiss ich, was er vom Sender oder dem Moderator hält, nämlich gar nichts. So geschehen bei Radio Zürisee, die nicht mal einen Song von uns spielen durften, weil wir zu hart sind. Was für ein Bullshit, als würde der normale Zuhörer wegen drei Minuten Gitarrenmusik impotent werden. Ja, da haben wir sie wieder, die gute alte Punk-Attitüde, die uns nicht immer geholfen, mich persönlich aber immer mit Stolz erfüllt hat.

11.12.2016

Wie beim letzten Blog angedroht, kommen jetzt ein paar skurrile Tourgeschichten. Den Anfang machen wir mit unserem Tourstart in Schweden – mit den berühmt-berüchtigten Clawfinger. Der Club hiess Debaser und die erste Frau, die ich am Nachmittag kennengelernt habe (im Backstage), war eine blonde, schöne Schwedin. Ihre Eltern arbeiteten bei Ikea, mehr Klischee geht wohl nicht. Auf jeden Fall war der Saal gut gefüllt, wir hatten in der Heimatstadt von Clawfinger einen sehr gelungenen Auftritt und von einem Besucher sogar das Kompliment erhalten, den Headliner an die Wand gespielt zu haben. Ich selber würde nicht so weit gehen, aber egal.

Nach dem Gig haben wir ordentlich gefeiert und die Backstage-Bar, sprich Kühlschrank, komplett leer gesoffen. Der Tourmanager und Mischer von Clawfinger, Gustav, hatte nach deren Auftritt so viel Freude am leeren Kühlschrank, dass er seine Ablehnung, Abneigung, ja, es war schon fast Hass auf uns, nicht mehr zurückhalten konnte. Wir verstanden erst gar nicht, wieso eine Band wie Clawfinger nicht sowieso unbegrenzt Bier zur Verfügung hat, aber der Fakt, dass ein Bier in Schweden umgerechnet 14 Franken kostet, machte uns im Nachhinein etwas schlauer. Während der 27-tägigen Tour wurden wir trotzdem alle ganz gute Freunde, und der Tourmanager zahlte uns ab und zu ein bisschen was zurück: In einem Club beispielsweise war der ganze Kühlschrank mit der Aufschrift „Clawfinger“ beklebt – und ganz unten waren zwei Colas und drei Bananen, da stand dann „Treekillaz““.  Very funny …

Next story: Auf der Tour mit der deutschen Rockband Blind hatten wir einen dieser schönen grossen Nightliner, das sind diese Cars mit Betten drin. Sehr cool, das heisst, man kann trinken bis zum Umfallen, und das Bett ist immer vor dem Club. Was uns direkt zur Weihnachtsstory mit Blind in Greeven, Deutschland bringt. Joachim, der Sänger von Blind, war ein sehr netter und zurückhaltender Typ. Er hatte auf der ganzen Tour so eine Treppe dabei, damit er auf der Bühne Rockstar spielen konnte. Leider waren die Clubs oder er oder was auch immer selten so gut, dass diese Treppe zum Einsatz hätte kommen können. In Greeven entschieden Tinu und ich, dass wir auf die Nachteile pfeifen, und diese Rockstar-Treppe während ihrer Show auf die Bühne tragen. Joachim war so glücklich – und er wusste noch nicht, dass dieser Abend noch denkwürdiger enden würde.

Nach dem Gig hat sich die Veranstalterin kurz verabschiedet. Ich glaube, sie wollte Gage und Abrechnung machen. Auf jeden Fall fragte uns einer ihrer Mitarbeiter, ob wir „Whiskey Cola des Todes“ kennen. Wir (Treekillaz“) haben verneint, und da kam auch schon dieses 3dl Glas mit 2.9dl Whiskey und einem Schuss Cola gefüllt. Ich persönlich habe mich von dem Treiben entfernt und bin in den zweiten Backstage gegangen, um mit meinem iPhone meine eigene Disco zu veranstalten. Als ich ca. 20 Minuten später zurück in den Saal kam, stellte ich sofort fest, dass der Name „des Todes“ schon seine Richtigkeit hatte. Der Raum war zerstört. Der Schlagzeuger von Blind (Typ Schwarzenegger, sprich sehr kräftig und gross) hatte den ganzen Weihnachtsbaum in der Hand und schwang den im Raum herum. Alles, was im Weg war, ging zu Bruch. Ab und zu musste ich mich reflexartig ducken, denn es kamen auch Stühle geflogen. Die Veranstalterin kam wieder und Blind zahlte die komplette Gage zurück.

Nur so am Rande: Sänger Joachim war schon längst im Bus am schlafen, während der Gitarrist seiner Band dann auch noch einen Weihnachtskranz gestohlen und zwecks Verschönerung des Buses vorne auf das Amaturenbrett gelegt hatte. Zu meinem Vergnügen hat der ahnungslose Joachim daraufhin gesagt: „Hey Jungs, das könnt ihr nicht einfach klauen, sonst ist der Veranstalter nicht glücklich.“ Ich gab ihm dann zu verstehen, dass der Kranz das kleinste Problem des heutigen Abends sei. Er ging in den Club und kam kreidenweiss zurück. Nur zur Info: Treekillaz“ haben sich zu jeder Zeit relativ zurückhaltend verhalten und nein, es wurden keine Tiere, Kinder oder Frauen verletzt.

Das Emmental ist auch immer eine Story wert. In Huttwil am Hutturock hat unser Tinu die Zuschauer vor dem ersten Song gefragt, ob jemand gerne einen „Schriener Chlapf“ hätte. Ein normales Publikum würde dies verneinen. Aber der Emmentaler ist ein anderer Schlag Mensch. Natürlich gab es zwei Herren, die diese Einladung annahmen. Und wusch gab es zwei deftige Waschen an die Birne – und los ging das Konzert. Solche Momente lockern die Beziehung zwischen Band und Publikum immer sehr rasch auf, und so wurde auch dieser Abend zum Fest.

Und noch eine kurze Anekdote, die zeigt, dass auch richtige Rockstars nur Menschen sind. Am Mont Soleil Open Air haben wir auf der zweiten Bühne gespielt, Headliner waren unsere Kumpels von Clawfinger. Da ja der Zak (Sänger oder wie soll man das nennen, Mundartistik-Künstler mit Rap-Historie vielleicht) schon auf unserer Platte „Leaving Last“ bei einem Ramones-Cover den Mittelteil gesungen hatte, war allen klar, dass er diesen Teil an diesem Abend auch zum ersten Mal live darbieten würde. Also kam er während des Songs auf die Bühne. Worauf sich wohl das komplette Publikum fragte, was dieser gstabige, lange Nordländer neben dem wahrhaftigen Rockstar Tinu macht … Nein, Scherz beiseite, es fing alles gut an. Doch kurz vor seinem Part brach Zak fast in Panik aus. Er schrie mir und Tinu die ganze Zeit ins Ohr: „Count me in, count me in“. Der Tinu, nicht bekannt für Zählfähigkeit und Rhythmusgefühl, ebarmte sich, den armen Mann mit einem „one, two, three, four“ an seinen Einsatz heranzuführen. Man sehe: Wir haben zwar weniger Platten verkauft, können aber bei einem 4/4-Takt auf die 1 beginnen. Wir sind eben doch Profis.

Und da wäre noch Holland, da waren wir viel unterwegs. Vom grossen Club bis zur kleinen Bar. Der Chabi (Ex-Bassist) hatte an einem Festival seinen Abschluss mit uns. Und der Chabi war ja immer an allem schuld. Wenn der Schlagzeuger den Anfang falsch spielte, schauten alle zu Chabi rüber, bis auch er das Gefühl hatte, es wäre sein Fehler gewesen. Was auch immer passiert ist während eines Konzerts, man musste nur zum Bassisten rüber schauen und es war allen klar, dass er das Problem war. Aber eben, an seinem Abschluss- Gig war das Zelt gut gefüllt und mitten im Set haben wir dem Publikum erklärt, dass dies der letzte Auftritt von unserem angehenden Rechtsverdreher sein würde. Tinu forderte die Leute auf, laut und deutlich „Fuck you Chabi“ zu schreien. Diese taten wie befohlen – noch viel länger, als wir es uns erhofft hatten. Wir fanden das toll, ein würdiger Abschied. Ich bin mir allerdings bis heute nicht sicher, ob Chabi das auch lustig fand. Ach übrigens, ich vermisse mein iPad, ich könnte mir vorstellen, dass Chabi es aus Wut irgendwo in einem holländischen Berg vergraben hat. Er nimmt auch nur noch selten meine Anrufe entgegen, aber egal: Fuck You Chabi 🙂

A propos Chabi: In Berlin, im SO36, das ist ein ganz geiler Club wo man als Möchtegern-Punk und -Grungeband gar nicht spielen darf, hat unser lieber Ex-Bassist einen kleinen aber entscheidenden Fehler gemacht. Man darf Tinu vor einer Show nicht zu viel erzählen. Denn es macht nur den Anschein, als würde er nicht zuhören oder zumindest alles gleich wieder vergessn. Aber eben: Der Chabi hat beim Abendessen erklärt, dass ihn das SO36 ganz schön nervös mache. Nach ein paar Songs auf der Bühne hat der Tinu der Menschenmenge erklärt, dass unser Bassist nervös sei und sie bitte doch mal alle „Chabi ist nervös“ schreien sollen. Auch Berlin hat, analog zu Holland, richtig gut mitgemacht und diese Phrase länger als geplant geschrien. Ja, das fand dann auch Chabi lustig.

Und wenn wir schon lustig sein wollen, vor einer kleinen DE/NL Tour sind wir mit unserem uralten VW Bus, mit eingebauter Couch, spätabends aus Biel losgedüst. Business as usual. Unser Fahrer meinte dann kurz nach der Grenze „dieses alte Scheissteil“ funktioniert ja gar nicht so schlecht. Und schon hörten wir den Knall, Motorenknaller besser gesagt, und standen auf dem Pannenstreifen. Der Abschleppdienst hat uns ins nächste Dorf gefahren und wir haben uns bei Bier und Zigaretten überlegt, was wir machen könnten. So gegen Mitternacht kam uns die Idee, mal unser Label anzurufen. Sprich, den Ray, der ja nicht weit weg von der deutschen Grenze wohnte und vielleicht einen guten Rat hätte. Zu unserem Ärger hat er das Telefon um Mitternacht nicht abgenommen. Tinu hat es dann noch einmal probiert, allerdings mit einem fiesen Trick, er hat nämlich die Stimme vom damaligen Plüsch-Sänger Richie imitiert (das kann man hier nicht beschreiben doch ich lache mich noch heute krumm). Und siehe da, Ray ging ran. Also so weit ich mich erinnern kann, sang Tinu etwas wie so wit wäg vo de Bärge mit emne Bus ohni Motor… Nathi, Rays Ehefrau, hat uns dann Monate später erklärt, dass sie beide am schlafen waren und den Anrufbeantworter gehört hätten (früher war da nix mit Combox, das waren noch Aufnahmegeräte, bei denen man mithören konnte). Sie habe Ray im Bett geschüttelt und gesagt: Nimm das Telefon ab, Richie von Plüsch will etwas von Dir, ha ha ha so geil, es waren leider nur die Herren Treekillaz“. Übrigens an dieser Stelle noch der nachträglich Dank an Christoph Borer, der „crazy enough“ war, uns seinen superriesengeilen, 7 Meter langen Bus zur Verfügung zu stellen, damit die Tour dann doch noch stattfinden konnte.

Och, ich könnte noch tausend Geschichten erzählen, aber ein andermal…

Soll ich jetzt die Psychoanalyse von allen aktuellen und ehemaligen Treekillaz“-Membern machen oder nicht?


26.11.2016

Nach der letzten, eher lustigen und ereignisreichen Story, fühle ich mich etwas unter Zugzwang. Leider kommen so Lovebugs-Geschichten nicht alle Tage vor, und ich kratze mich am Kopf und überlege ganz fest: Was könnte den Pöbel noch so interessieren? Für uns sind ja so Storys zwar auch speziell aber irgendwie doch eher normal. Wie mir mitgeteilt wurde, wissen aber viele „Normale“ nicht, wie die Realität der im Musikbusiness tätigen Leute aussieht. Deshalb werde ich versuchen, etwas Licht ins Dunkel bringen.

Fangen wir bei der Ankunftszeit in einem Konzertlokal an. Meistens sind Bands zwischen 16 und 17 Uhr vor Ort und machen den unsäglich langweiligen und oft auch unnötigen Soundcheck. Da ich ja auch noch viel mische, weiss ich ganz genau wie unnötig der ist. Nach ca. einer Stunde (verkabeln, aufstellen, Bier trinken, technischem Geschwafel) wird dann jedes einzelne Instrument (inkl. Stimme) separat über die mehr oder weniger grossen PA gesendet. PA bedeutet übrigens Public Address, und es handelt sich dabei um diese meist schwarzen Dinger, die links und rechts vor der Bühne stehen oder hängen. Dann wird meistens ein Song gespielt, der jedoch unmotiviert und relativ ruhig daherkommt. Beim Konzert spielt dann jeder doppelt so laut und der Soundcheck war eh für nichts. Hab ich doch gesagt. Dann geht es in den Backstage, das ist der Raum, in dem die Bands vor und nach dem Konzert ihre Zeit vertreiben – mit Trinken und Rauchen. Einige schauen sich auch Filme oder Youtube-Videos an, die den Rest der Truppe zum Lachen bringen oder bringen sollen. Ab 20 Uhr, je nach Club und Musikstil auch später, wird das Lokal geöffnet, und die Menschenmengen stürmen vor die Bühne. Also, das ist bei diesen grossen Acts im Hallenstadion so, im Club stürmt meistens nur der Veranstalter, der nach den ersten 60 Minuten ohne Eintritte schon mal die Gage neu verhandeln will, herbei.

Jetzt kommt der Clou, wie es ihn nur in der Schweiz geben kann. Die Support-Band, die meistens noch nie ausserhalb ihrer Stadt gespielt hat, macht keinerlei Anzeichen, auf die Bühne gehen zu wollen. Es hat ja auch noch keine Leute. Falls der Veranstalter auch noch ein Schnarch-Typ ist, und nichts sagt, warten die lokalen Helden, die notabene keine Leute gebracht haben, bis sich jemand dazu erbarmt, ihnen in den Arsch zu treten. Zum Abschluss ihrer 30- bis 45-minütigen Trauerserenade machen die Herren oder Damen dann wieder keinerlei Anstalten, ihren Scheiss wegzuräumen. Schliesslich müssen sie sich noch von den fünf Zuschauern (das sind die, die auf der Gästeliste standen) als die neuen Rockstars feiern lassen. Zusammengefasst bedeutet das für den Headliner, dass er meistens zwei Stunden zu spät spielt. Nämlich dann, wenn die Zuschauer schon längst auf den Zug oder einfach so nach Hause gehen mussten.

Übrigens, das bringt mich auf eine Treekillaz“-Anekdote aus Luzern. Ich bin nach wie vor stolz, dass wir und eine andere Bieler Band es geschafft haben, den Minusrekord zu erzielen. Ja, das ist ein Rekord, der nicht gebrochen werden kann. Wir hatten im ABC Mix in Luzern (ist heute eine unsägliche Disco) null Eintritte. Ich denke, zwei Leute, fünf, sogar zehn ist einfach nur peinlich – aber null ist geil. Übrigens, das ABC war mal ein Kino und hat Platz für etwa 700 Leute. Wir, so eine englische Band und Carnation haben jedenfalls dann doch gespielt, und sogar einzelne Musiker während dem Gig getauscht, während die anderen Bandmitglieder das Publikum mimen mussten. Das bringt mich auch immer wieder zum Schmunzeln, wenn ich von grossen Europatourneen nach Hause komme. Da gibt es tatsächlich Personen, die glauben, man sei jetzt reich und berühmt, die Fantasien gehen mit dem ein oder anderen richtig durch. In Wahrheit hat man zwar in London, Berlin, Paris und Amsterdam gespielt, aber nur ca. 50 Zuschauer vor der Bühne gehabt … bei allen Gigs zusammen! Das Bankkonto hat dann jeweils auch die Farbe Rot und wir Musiker erzählen uns noch Jahre später Geschichten, die sich nach solchen Konzerten im lokalen Pub zugetragen haben. Das war dann aber immerhin meistens voll – oder zumindest wir waren es.

Natürlich gibt es auch gut besuchte Konzerte, an denen man dann doch, tausende Kilometer von zu Hause entfernt, richtig abrocken kann. Wir haben öfter mal Support-Shows gespielt, mit Bands, die schon im Vorverkauf die Hallen füllten. Unsere Highlights waren die drei Touren mit Clawfinger oder jene mit Attacke 77 aus Argentinien oder die Tour mit Blind aus Deutschland. Uhhhhhh jetzt kommen mir ganz viele verrückte Geschichten in den Sinn. Ich glaube, ich habe mein Thema für die nächste Ausgabe schon gefunden.

Diese Woche kein grosses Update zur neuen Platte. Ich war mit Klischee (als Lautmacher) in Holland und Deutschland unterwegs, und der Tinu ist in Kuba am Sünnelen. Komisch eigentlich, dass Fidel Castro genau während dieser Zeit gestorben ist. Ich habe übrigens von einer meiner 100 WhatsApp-Gruppen gerade jetzt ein Bild erhalten. Da steht drauf: „Fidel Castro was fighting all his life against capitalism and then he dies on Black Friday“. Wer auch immer das geschrieben hat, ist mein Held des Tages. So fertig jetzt, das Konzert von Klischee fängt an, und muss mich vom Backstage – ihr wisst schon, das ist der Raum mit den Youtube-Videos und dem Rauchen –  ans Mischpult begeben.


20.11.2016

Erst einmal möchte ich euch darauf hinweisen, dass ich in meinen Storys aus dem Treekillaz“-Leben auch mal Personen einbeziehe, die dann nicht so gut wegkommen. Aber hey, für mich ist es immer die Wahrheit und mein Erlebtes. Was mich direkt zur nächsten grandiosen Episode aus unserer Bandgeschichte führt – dem Quellrock Open Air in Bad Ragaz. Auf Druck von Sasha Joder, dem Bruder unseres Bassisten, wurden wir einmal in die Burgruine im Heidiland eingeladen. Welche Ehre, fragt mich aber nicht nach dem Jahr, es ist schon etwas länger her. Auf jeden Fall gab es damals folgendes Line-up: Treekillaz“, Seven und Lovebugs unplugged. Und bestimmt noch andere, wobei die mit der Geschichte nicht viel zu tun haben.

Also fangen wir bei Seven an, er ist ja mittlerweile ein grosser Star im Netz, TV, live … wir fanden den damaligen Gig relativ schrecklich. Es war nicht die Musik, es war der Groove, der uns fehlte, und das bei einer Funk-Band. Ich bin mir sicher, sie fanden uns auch schrecklich. Viel interessanter ist aber die Lovebugs-Geschichte. Unplugged war das Motto, und ich habe noch selten eine Band mit mehr Material gesehen: Grosser Gong (wurde genau einmal benutzt), Flügel, etliche Percussion-Instrumente und und und. Der damalige Booker der Basler Bebbis hiess Eric Kramer. Er ist, gelinde gesagt, nicht die beliebteste Person im Schweizer Musikmarkt – zumindest nicht aus Sicht einer unbeugsamen Supportband wie wir es sind.

Item. Vor unserem Gig hat sich ein gewisser Adrian Sieber, Sänger der Lovebugs, unseren Sänger Tinu gekrallt. Er gestand ihm, nachdem er offenbar von unserem gemeinsamen Label Warner Music Switzerland unsere CD erhalten hatte, offen und ehrlich seine Liebe zu unserer Musik. Tinus Antwort war mein Highlight des Jahres. Voller Respekt hat er dem Adrian Sieber ins Gesicht gesagt: „Dasselbe kann ich von euch nicht behaupten.“

Oben genannter Eric Kramer kam vor der Treekillaz“-Show in unsere Garderobe, um uns laut und deutlich zu erklären, was wir auf der Bühne nicht machen dürfen. Oberstes Gebot: Der Flügel wird nicht berührt, ja nicht mal anschauen dürfen wir den, lautete die klare Ansage. Ehrlich gesagt hat der Flügel bis zu dem Zeitpunkt keinen von uns auch nur im geringsten interessiert. Wir sind auf die Bühne gewatschelt, und ich habe mein super duper krasses Gitarrenintro angefangen, die Band stieg ein, nur von Tinu war leider einfach nichts zu sehen. Ich war besorgt, doch urplötzlich hob sich das schwarze Tuch, das den Flügel abgedeckt hatte, und man konnte erahnen, dass ein gewisser Herr mit Mikro drunter stand. Dann gab er auf dem Flügel stehend den ersten Song zum Besten. Irgendwie gab es damals diese Burka-Diskussionen noch nicht, aber gewisse Ähnlichkeiten zu dieser Bekleidungsform waren vorhanden. Wir waren eben doch Vorreiter! ☺ Nur nebenbei: Der Herr Kramer war nicht als Sportskanone bekannt, aber seine Sprünge an der Seite der Bühne waren beeindruckend hoch.

Das war aber noch nicht ganz alles. Unser Showmaster Tinu hat das Publikum aufgefordert, zwischen jedem Lovebugs-Song, den Sie später hören würden, oder besser gesagt überhaupt in jeder ruhigen Pause, „Aaaadriaaaaan“ zu schreien. Also wer „Rocky“ noch nie gesehen hat, der versteht das nicht und sollte dies unbedingt nachholen. Nur soviel: Die Leute im Heidiland tun, was man ihnen sagt. Ich habe diese „Aaaaaaadriaaaan“-Schreie noch bis morgens um vier gehört, und der Adrian fand das dann doch nicht so lustig, im Gegensatz zu uns.

Und nun something completely different: Wir haben jetzt das Gut zum Druck, sprich die Dankeslisten, Credits, Grafik, halt einfach alles, was dann auf das DigiPack* gedruckt wird, überprüft, um die peinlichen Pannen, die immer wieder vorkommen, zu umgehen. Der Herr Suter von echochamber macht jetzt das DDP Master fertig. Das ist ein digitales Format, das wir dem Presswerk senden. In diesen digitalen Daten sind dann auch alle Codes drin, die uns in Zukunft ganz reich machen werden, vielleicht auch erst unsere Kinder, wenn wir dann mal das Zeitliche gesegnet haben. Der Tod ist wohl eh unsere letzte Hoffnung, den Rock-Olymp zu besteigen. Das Booking läuft jetzt auch auf Hochtouren, ich glaube der arme Dani vom ISC hat von drei verschiedenen Leuten die Info gekriegt, dass wir gerne da spielen möchten. Ich bin mir sicher, er weiss es jetzt zu 100 Prozent.

Vielleicht wäre es an der Zeit, in meinen nächsten Einträgen ein psychologisches Gutachten aller Band-Members zu erstellen, inklusive Ex-Members. Falls dies irgendjemanden interessiert, einfach das Codewort PsychoAnalyseTrklzWerWillDassIch (Achtung, bitte auf Gross- und Kleinschreibung achten!) im Kommentarfeld posten.

*Digipack ist eine CD-Hülle im Kartonformat ohne diese Plastikteile, die so oder so immer kaputtgehen. Auch günstiger als herkömmliche CD Hüllen, was Plattenfirmen ja lieben.


11.11.2016

Wie versprochen, gehts heute ans Eingemachte. Ich habe ja von einer Kollegin, welche diesen Blog liest, die Frage erhalten, was Bands so auf der Bühne denken oder miteinander reden, während sie die pure Freude versprühen. Nach kurzer Überlegung kam mir eine ganz interessante Geschichte in den Sinn. Als wir vor längerer Zeit in Zofingen im Oxx spielten, musste ich während einem Song sehr laut lachen. Das kam so: Ich habe mich in meine Rockstar-Position gebracht – für all diejenigen, welche diese Position nicht kennen: man(n) steht mit breiten Beinen da und schüttelt den Kopf, früher noch Haare, heute nur Kopf. Unser Sänger Tinu hat sich hinter mir positioniert und seinen Kopf auf meine Schulter gelegt. Während ich nun voll am „Abgehen“ war, fragte er mich, ob ich ein neues Waschmittel hätte.

Wir haben auf der Bühne aber auch schon über die Steuererklärung diskutiert. Oder einmal klagte der Tinu am Rockshot Festival im Emmental über Schmerzen. Ja, er hat richtig gejammert und das schon beim ersten Song. Ich habe ihm dann gesagt, dass in unserem Alter Schmerzen durchaus vorkommen, und er nicht so ein Drama machen soll. Wie sich später herausstellte, war beim ersten Ton seine Achillessehne gerissen. Ich hätte das gerne gehört, man munkelt ja, es knalle so schön, aber leider waren die Instrumente zu laut. Er hat danach aber bestimmt noch neun Songs gesungen. Der Mann ist hart, bei sowas würde selbst Chuck Norris weinen. Apropos Chuck Norris, es gibt das Gerücht, dass, als Graham Bell das Telefon erfunden hat, schon drei Anrufe in Abwesenheit von Chuck Norris drauf waren. Sorry, den musste ich loswerden, den hat mir ein Slowake in Katovice erzählt.

Es gab auch schon Momente, in denen wir ohne Worte kommunizierten. Meistens dann, wenn in den ersten Reihen eine junge Frau mit überdimensionierten Brüsten und zu wenig Kleidern stand. Klingt zwar sehr klischeehaft, jedoch kenne ich keine Musiker, die sowas nicht aus der Konzentration bringt.

Meistens haben eh alle das Gefühl, dass wir Rocker nach dem Konzert nur noch auswählen können, wer denn heute die Glückliche sein wird. Ich muss euch Fantasie-Erotiker jedoch alle enttäuschen. Groupies im Rock gibt es seit 1977 fast keine mehr. Höchstens noch bei Schlager-Partys. Ja, man glaubt es kaum, doch was bei den Schlagerjungs nach Konzerten abgeht, ist unfassbar. Sex, Drugs und Schlager ist da das Motto und ich behaupte mal, da wäre sogar Lemmy (RIP) eifersüchtig.

So, und nun zurück zu den Fakten, Album-Cover ist fertig, Songreihenfolge zu 90 Prozent, Video-Song bestimmt, Bandfoto haben wir, Bio sieht gut aus und die ersten Gigs sind auch schon gebucht. Wir waren so richtig aktiv in der letzten Woche. Bravo, meine Herren, ich bin stolz auf uns.


01.11.2016

Treekillaz“ is alive, wir haben die Kufa gerockt, glaub ich auf jeden Fall, wir haben sogar fünf Minuten überzogen und wurden vom Sänger der Band Ugly Kid Joe als beste Support Band aller Zeiten bezeichnet. Ich möchte ja so gerne über arrogante Kalifornier schreiben, aber die Jungs waren mehr als nett. Ein sehr gelungener Abend, der mehr als feuchtfröhlich endete. Ich glaube unser Merchandiser Will (spielt Gitarre bei Karma to Burn) hat mehr gesoffen als alle drei Bands zusammen und niemand war erstaunt.
Jedenfalls haben wir in unserer neuen Besetzung nun zwei Gigs gespielt und wir wissen, dass es gut wird und wir zur alten Stärke zurück finden werden. Der 18. Februar kommt bestimmt schneller als man denkt. Übrigens wird unser erstes Label, N-Gage, die neue Platte auf den Markt bringen. Der Ray, Labelchef, ist ein uralter Treekillaz“-Wegbegleiter und so sind wir auf dem Trip namens „back to the roots“. Bis Mitte November müssen wir nun alles, was so zu einer Platte gehört, erledigen. Für Leute, die das nicht kennen: Video-Song auswählen, Reihenfolge bestimmen, Bio neu schreiben, neue Bandbilder machen, Videodreh organisieren, Master für die Pressung bereit machen, Marketing-Konzept erstellen, Gigs für das nächste Jahr buchen……. endlos und richtig spannend, man hat ja sonst nichts zu tun.

So, das war jetzt mal ein richtig informativer Post, das nächste Mal werden wir folgendes Thema durchgehen: Was denken Bands auf der Bühne, was sagen Musiker einander auf der Bühne, was ist nach dem Konzert los und was passiert mit all den unzähligen Groupies?

Euer Jessi Bradshaw

(Bilder vom Kufa-Konzert findet ihr hier)


25.10.2016

Es freut mich wahnsinnig, dass ich wieder schreiben darf. Ich war ja früher (1989) mal Konzert-Analyst beim Bieler Tagblatt und kann mich noch gut erinnern, wie ich Patent Ochsner komplett auseinandergenommen habe. Ich bin noch heute von Stolz erfüllt. Danach durfte ich im selben Blatt mal kurz die Partykolumne übernehmen. Bis mich die blöde Chefin so genervt hat, dass ich umgehend die Schlüssel hingeschmissen und den Laden nie mehr betreten habe. Was hat dies mit diesem Blog zu tun? Eigentlich nichts. Aber so ein bisschen Hintergrundinfo schadet ja nie.
Im Nebenamt bin ich ein relativ untalentierter Gitarrist von Treekillaz“ und wir werden im Februar endlich eine neue Platte veröffentlichen. Wieso ich jetzt hier schreiben darf, weiss ich auch nicht genau, zumal ich für das Schreiben limitierte Mittel und Talente habe – aber ich habe wohl zur richtigen Zeit mit der richtigen Frau geschlafen. Ich werde also versuchen, den stressigen Alltag einer gänzlich unbekannten Band näher zu bringen. Zum Beispiel spielen wir am 28.10. mit Ugly Kid Joe in der Kufa Lyss. Die sind nicht talentierter als wir und hatten ihre beste Zeit auch vor gefühlt 1000 Jahren, von daher passt das. Ja sie passen zu uns wie die Faust aufs Auge.
Leider war ich gerade auf Tour mit meinen Freunden von Karma to Burn und konnte deshalb nicht mit Trklz“ üben. Was wir aber sehr nötig hätten. Was ich bei Karma mache? Ich bin Mischer. Oder Lautmacher. Andere nennen es Tontechniker, aber dafür fehlen mir multifunktionales Tool, Taschenlampe und Stift. Also bleiben wir bei Lautmacher. Doch eben, jetzt bin ich wieder im Lande und wir müssen tatsächlich schnellstmöglich über die Bücher, sprich in unserem Studio etwas Luft bewegen, damit wir in der Kufa nicht komplett abkacken. Ein Glück, dass wir so erfahren sind und einen Frontmann haben, der schön überdecken kann was mal nicht stimmt.

So, ich glaube es hat keiner bis zum Schluss gelesen und ich kann wieder weiter schlafen.

Euer Jessi Bradshaw

(Tickets für das Konzert vom Freitag gibts hier)

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