„Um einen guten Witz zu machen, muss man sich extrem ernst nehmen“

Man muss wissen: Für das Interview mit Bilderbuch hab ich mich diversen Schönheitsoperationen unterzogen, ich habe meinen Intellekt geschult, an meinem österreichischen Akzent gefeilt und mir das heisseste Outfit der Welt gekauft. Das einzige, was zu kurz kam, war die Vorbereitung der Interviewfragen.

Rückblickend hätte ich Frontmann Maurice Ernst einfach bitten können, einen Satz mit dem Wort „Song“ zu bilden. Ich persönlich wäre glücklich gewesen.

Aber so leicht kam ich natürlich nicht davon. Weil er und Gitarrist Michael Krammer zu nachsichtig mit meiner falschen Prioritätensetzung umgingen und meinten, keine Fragen? passt! Das mit dem Spontaninterview werde schon irgendwie gehen. Also redete ich aufs Geratewohl los:

Mein erster Gedanke, als ich euer neues Album „Magic Life“ hörte: All die Leute, die schon beim Vorgänger „Schick Schock“ innere Hürden überwinden mussten, um mit dem Sound warm zu werden, werden sich nicht freuen.

Maurice Ernst: Es ist auf jeden Fall noch ein bisserl mehr herausfordernd. Und auch nicht so Song by Song, man wird nicht einfach an der Hand genommen und von Hit zu Hit geführt. Man braucht bei diesem Album zwei, drei Durchläufe, dann entfaltet es sich erst und wird richtig cool.

Ihr seid bekannt dafür, euch von Album zu Album zu verändern. Ich stelle es mir wahnsinnig anstrengend vor, sich immer wieder neu zu erfinden.

Es ist unglaublich anstrengend, sich nicht zu wiederholen, einen neuen Kompromiss zu finden. Es bedeutet: extrem viel probieren, sich unterhalten, sich entscheiden. Wir haben uns diesmal gesagt, okay, die Platte sollte ihre Höhen in der Poppigkeit haben, es soll also ein „Bungalow“ geben und ein „SUPERFUNKYPARTYTIME“, wo kurz die Energie ausbricht. Wir wollten aber auch die anderen Momente, wie es sie von unserer Seite her noch nie so gegeben hat, drauf haben.

Warum will man sich eigentlich musikalisch verändern, als Band?

Bei uns ist das auf jeden Fall nicht eine rein modische, eine kalt gedachte Entscheidung. Sowas wie, okay, wir müssen jetzt per se mal einen neuen Shit finden. Es war immer schon gleichzeitig unsere Stärke und unsere Schwäche, dass wir nicht genau wissen was wir wollen und gleichzeitig genau wissen was wir wollen.

Michael Krammer: Manchmal arbeiten wir in eine Richtung und das, was am Ende veröffentlicht wir, kommt in Wahrheit in der anderen Richtung heraus.

Seid ihr euch innerhalb der Band immer einig?

Es ist alles ein offener Diskurs, es gibt aber auch immer mal dramaturgische Entscheidungen, die dann halt funktionieren müssen. Und der Sänger hat natürlich jeweils den letzten Trumpf in der Hand.

Michael Krammer: Umso mehr eine Idee geschärft wird, umso mehr muss man sich irgendwann festlegen und dem unterordnen, was man sich da jetzt im positivsten Sinne eingebrockt hat.

Classy Schülerband: Maurice Ernst, Peter Horazdovsky, Philipp Scheibel, Michael Krammer (v.l.n.r.).

Wieviel Ironie steckt in eurem Werk und wieviel Ernsthaftigkeit?

Um einen guten Witz zu machen, muss man sich extrem ernst nehmen, damit er nicht nur als Kaschperln und Klamauk stehen bleibt. Sehr viele Bands machen ja genau das, sie erzählen nunmehr einen Witz, machen kabarettistische Songs, das ist sooo überstilisiert, dass es am Ende wenig mit ihrem Charakter zu tun hat. Wir versuchen, unsere Charaktere zu nehmen wie sie sind und sie so weit zu überhöhen, dass es für uns noch natürlich ist.

Ihr spielt keine Rollen?

Auf keinen Fall ist das, was wir machen, ein Rollenspiel. Wenn Bilderbuch irgendwoher kommt, dann von der Bühne. Bis wir angefangen haben, eine Studioband zu werden, haben wir rund 600 mal live gespielt. Für mich ist Performen das Reinste, Natürlichste im Prozess des Musikmachens.

Ah, ich brauch Power für mein‘ Akku
Keine Power in mein‘ Akku
Baby, gib mir deinen Lader
Komm, bitte leih mir deinen Lader
Ich brauch Power für mein‘ Akku
keine Power in mein‘ Akku
Baby, gib mir deinen Lader
Ich brauch mehr Strom
„Bungalow“

Die Texte auf dem neuen Album sind noch schärfer als bisher. Bewusst?

Natürlich will jeder irgendwie immer noch ein bisserl mehr Pfiff. Aber eigentlich ist es doch so: Du wirst älter, du lernst a bisserl was dazu, du versucht natürlich auch ein bisserl was, es gelingt dir oder gelingt dir nicht.

Wie geht ihr konkret an eure Kunst heran?

Wir lassen die Dinge gerne fliessen, nur so kommen wir auch irgendwo hin. Bei der Musik ist es ganz wichtig, dass man sie nicht nur aus dem Kopf heraus macht. Das Schönste für uns ist, wenn Jams passieren. Beispiel „Babylon„, da ist die erste Strophe, da kommt ein Refrain, das passiert in einer Minute, so, dann hast du das. Genauso „Sprit n‘ Soda“, ein Abend, da jammst halt drüber und merkst, poah, da ist Energie im Spiel, da sind Emotionen. Dann gehst du eigentlich erst ins Arbeiten über.

Ich hab das schon vor einiger Zeit beim Konzert gedacht und fühle mich durch diese Beschreibung bestätigt. Eure Musik scheint irgendwie aus euch herauszubrechen.

Das Schwierigste ist – und das gehen viele nicht ein – das Innerste nach Aussen zu kehren. Nicht nur zu leiden, aber schon das Risiko einzugehen, emotional und persönlich etwas von sich herzugeben, das man eigentlich nicht gerne anschauen möchte. Es kann aber auch etwas Positives hervortreten, eine Art. Damit kann man dann expressiv werden, diesen Extrameter in Emotionen gehen. Das können nicht so viele Leute, aber man hört es der Musik an.

Schafft ihr das immer?

Hundertprozentig, das musst du einfach aussitzen, du musst an das Grosse glauben. Die Band Bilderbuch ist eine wunderbare Möglichkeit für jeden von uns, das auszuleben, was er in einer anderen Band vielleicht nicht ausleben könnte. Etwas, was man überhaupt velleicht nie wieder im Leben machen kann. Da schwingt natürlich auch Endgültigkeit mit.

Habt ihr Verlustängste?

Wir leben nicht in Angst, weil wir ja zufrieden sind. Wir sind eine classy Schülerband. Wir machen etwas, was sehr sehr eng mit uns als Menschen verbunden ist. Das macht uns zu sehr resistenten Kollegen, Freunden, Brüdern.

Euer Alltag, so kommt es mir vor, dreht sich nur um die Band.

Krammer: In Wahrheit schon. Hätten wir ein fremdes Gefühl unserer Arbeit, unserer Band gegenüber, dann hätten wir genau das, was wir nicht haben wollen…

Ernst: … nämlich ein Problem mit der Authentizität.

Aber so habt ihr ja unter Umständen auf einer anderen Ebene ein Problem.

Wir sind sicher nicht die besten Menschen. Und privat nicht am einfachsten. Ja, also das kann man ruhig mal so sagen. Mit uns ein Leben neben der Band zu verbringen, ist sicher nicht das Einfachste. Das ist etwas Krasses, was wir da machen.

 

BILDERBUCH: „MAGIC LIFE“, out (Maschin Records)

Live: 26.03., X-TRA, Zürich

(Pressebild)

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