Unterwegs mit den Rooftop Sailors

Seit einem Monat lebe ich in London. Doch bereits der zweite Beitrag in der Rubrik London Calling entstand während zwei Abstechern aus der City, in Brighton und Folkestone. Dazu getrieben haben mich vier Typen. Aus Thun. Namentlich die Rooftop Sailors. Das Treffen mit ihnen: Ein Stück Heimat.

Gig Nummer 1

Brighton an einem kalten Februarabend. Schauplatz das Bees Mouth, ein kleines Pub, viel dunkles Holz, schummeriges Licht und als Deko in jeder Ecke ein anderes Puppen-Körperteil. Unterhalb der Bar dreht sich hinter einer Glasscheibe ein Kopf auf einem Plattenteller. Das Ganze erinnert etwas ans Kofmehl, ist aber deutlich enger. Hier treffe ich die vier aus Thun zum ersten Mal.

Die Rooftop Sailors, das sind Maurice Rupp (Gitarre), Nevio Heimberg (Gitarre und Vocals) und die Brüder Adrian Bratschi (Drums und Vocals), genannt Adi, und Alexander Bratschi (Main Vocals und Bass), genannt Xandi. Die Band besteht schon seit Ende 2013 und veröffentlichte 2015 ihre erste EP „Mazes and Dead Ends“. Im September 2017 folgte „Dead Water“ und damit auch gleich die erste und internationale Tour.

Sechs Locations in Deutschland und vier in England stehen auf dem Programm. 5000 Kilometer in elf Tagen. Organisiert haben das ganze Matthias Mehwald (Magge Music), der das Management von Rooftop Sailors in der Schweiz, Deutschland und Österreich abdeckt, und Danny Snow (Snow Music Management in Brighton), ihr Manager für England und die USA. Der Sieg am Emergenza Bandcontest Schweiz vor gut zwei Jahren brachte ihnen internationales Aufsehen ein.

In Brighton suchen wir uns erst einmal eine puppenteilfreie Ecke – Puppen waren mir schon immer unheimlich, ich bevorzuge seit jeher Stofftiere. Tee wäre mir jetzt übrigens auch lieber als Bier – den Jungs glaub ich auch – denn es ist saukalt. Die Meeresbrise, die durch Brighton weht, geht unter die Haut.

Apropos unter die Haut: das ging mir gleich vom ersten Moment an auch die Musik der Rooftop Sailors. Zwar habe ich sie bis zu unserem Treffen auf britischem Boden noch nie live gehört, doch ihr frischer, rockiger, harmonischer Sound und das sympathische Auftreten in Online-Videos begeisterten mich. Ich würde Vergleiche zum Stil einer meiner aktuellen Lieblingsbands, Nothing But Thieves, ziehen. Oder schweizweit: Death by Chocolate und The Souls.

Umso grösser war die Vorfreude auf das Live-Erlebnis. Doch Maurice, Gitarrist und inoffiziellerer Pressesprecher der Band, warnt mich gleich bei der ersten Kontaktaufnahme vor: „Der Gig in Brighton ist das einzige Akustik-Set der Tour an einer Open Mic Night. für das ‚ganze Erlebnis‘ wärs wohl fast cooler, wenn du zu einem anderen Tourstopp kommen würdest.“ Okay, als andächtige Verehrerin jeder Elektrogitarre (ich habe übrigens selbst mal kurz gespielt, weiter als bis zum Riff in Smoke on the Water von Deep Purple reichte es aber nicht), beschloss ich, die Jungs dann eben zweimal zu treffen. Eine kleine Tourbegleitung sozusagen.

Eigentlich hätten die Sailors heute ihren freien Tag, den kippen sie aber nur zu gerne für einen zusätzlichen Gig an einer Open Mic Night in Brighton. Brighton, I love you, möchte ich an dieser Stelle noch sagen, was für eine coole Stadt! Xandi war übrigens ohne seine Bandkollegen letztes Jahr schon mal in Brighton und hat dort das Video zur Single Above-The-Fold gedreht.

So cool Brigthon auch ist, dass hier ein anderer Wind weht, realisieren die Rooftop Sailors rasch. Die auf acht Uhr angesetzte Spielzeit wird auf neun verschoben. Am Ende sind sie um 22.30 Uhr dran.

Doch die Wartezeit hält eine tolle Überraschung bereit. Draussen parkt ein Van, bei dem es sich um ein mobiles Aufnahmestudio handelt. Wie cool ist das denn bitte?! Die Rooftop Sailors werden spontan zu einer kleinen Session eingeladen. Zu neunt quetschen wir uns in den Van und in der winzigen Aufnahmekabine wird es für die vier Sailors noch enger. „So viele Leute hatten wir noch nie da drin“, meint einer der Tontechniker. Auch eine Kamera hält das ganze fest. Der Auftritt der vier Thuner im Van soll in einigen Wochen in der Show Live from The Roadee im Brighton Lokalfernsehen ausgestrahlt werden. (Bald online unter https://thelatest.co.uk/latest-tv/.)

Endlich Showtime im Bees Mouth. Über drei kurze Treppen gehts hinunter in einen kleinen, schummrigen Kellerraum. Vor den Sailors stellen sich auf der nicht vorhandenen Bühne ans Mikro: ein Duo im Opa-Alter, einer der Herren spielt Gitarre, der andere trägt eine Katzenmütze inklusive Handschuhe, oder besser gesagt Pfoten.

Fotobeweis

Zudem ein junger Mann mit Gitarre und noch ordentlich Nervenflattern und der Singer-Songwriter Stephen Holden, der auch den vierten und letzten UK-Gig in Folkestone eröffnen wird.

Das etwas angesäuselte Publikum liebt die Rooftop Sailors und fordert eine Zugabe. Nach dem Set gibt es euphorischen Applaus, ein Kompliment für Xandis Schal, eine Umarmung, eine Liebeserklärung und sogar 20 Pfund Trinkgeld, die anschliessend in der Kebab-Bude nebenan auf den Kopf gehauen werden.

Echte Rockstars jassen

Die 5000 Kilometer legen die Jungs in einem Mercedes Sprinter Kleinbus zurück. Vollgestopft mit Schlagzeug, Verstärker und sieben (!) Gitarren.

„Die Ladung passt wirklich haarscharf auf den Zentimeter. Packen wir auch nur etwas einmal an eine andere Stelle, geht gleich gar nichts mehr“, erzählt Xandi. Manager Matthias fährt die meiste Zeit, so können sich die Jungs entspannen. Und das tun sie auf ganz unterschiedliche Art.

Nevio ist der Gamer und zockt fast nonstop Lego Star Wars. „Ich habe das aufs Handy geladen. Für nur fünf Franken.“ Maurice ist der Businessmann der Gruppe und lernt fleissig für die Uni. Xandi wäre dann wohl der Vernünftige, denn er verbringt die Reise am liebsten mit Schlafen. Und Adi? Dazu erzählen mir die Jungs eine kurze Anekdote aus dem Tourtagebuch: „Wir haben einen Zwischenstopp in Münster eingelegt, um uns dort die Beine etwas zu vertreten und kurz Strassenmusik zu machen. Kaum haben wir angehalten, kam von Adi hinten: Auso wo simmer hie jetze? Was mache mr hie jetz? Er wusste nicht mehr wo oben und unten ist.“

Nicht nur musikalisch, sondern auch zwischenmenschlich herrscht bei den Rooftop Sailors Harmonie pur. „Wir haben es nicht nur gut, sondern sehr, sehr gut, seelisch wie auch körperlich“, meint Nevio.

In den Wartezeiten machen sie übrigens das, was echte Rockstars eben so machen: sie jassen. „Das ist unser Ritual“, so Nevio, der das Jassen von seinen Bandkollegen gelernt hat. Einziges Laster der Jungs neben ein, zwei Bier: die Zigarette nach dem Aufritt. Ganz schön brav könnte man jetzt denken. Aber auf der Bühne lassen sie dann die Sau raus. Als „Rockschweine mit einer braven Seite“ wie sie nicht grundlos schon bezeichnet wurden.

Gig Nummer 2

Folkestone, Kent, drei Tage und zwei Gigs später: Die Euphorie hat etwas nachgelassen. „Es war gut, dass wir in Deutschland gestartet sind, das hat uns viel Motivation gegeben“, sagen die Jungs lachend.

In England spielen sie vor deutlich weniger Zuschauern. Das Publikum ist gleichgültiger, vielleicht schon etwas abgestumpft, weil es hierzulande eben an jeder Ecke neue Musik zu entdecken gibt. Schade und für mich nicht nachvollziehbar. Die Fläche vor der Bühne in Folkestone bleibt auch während dem Konzert leer. Man drückt sich lieber um den Billiardtisch. Die Rooftop Sailors geben trotzdem alles und liefern eine tolle Show ab. Meine Erwartungen haben sie live sogar noch übertroffen, ich finde den Sound der Band grossartig und bin überzeugt davon, dass sie es noch weit bringen werden.

Zeit, um niedergeschlagen zu sein, gibt es ohnehin nicht. Nach dem Konzert wird alles zusammengepackt und in den kleinen Tourbus gestapelt. Das ist Tetris auf Höchstniveau. Jetzt gehts in den Eurotunnel und dann wird bis um vier Uhr nachts, bis Lille, Frankreich, durchgefahren. Dort macht die Truppe eine Pause und um neun Uhr morgens gehts weiter nach Stuttgart, wo sie ihren letzten Gig spielen.

Der reisst dann nochmal alles raus mit zirka 150 Zuschauern und beschert den Rooftop Sailors den krönenden Tourschluss. Dass es richtig abging, erkenne man übrigens daran, dass Adi sein T-Shirt zum Spielen ausgezogen habe, dazu hatte er in England leider keine Gelegenheit. Die Rockschweine einmal richtig entfesselt sehen, beziehungsweise hören, möchte ich dann schon noch. Wir sehen uns in der Schweiz, Jungs.

Aktuelle EP „Dead Water“ erhältlich bei iTunes. // LIVE: Upcoming Gigs

(Bilder (ausser Instagram) und Video: Melinda Bloch)

 

News aus London gibts in der Rubrik London Calling und in Form vieler Fotos auf unserem Instagram-Account #grüssevoneurerlondonkorrespondentin.

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