Velvet Two Stripes finden die Essenz von Blues-Garage-Rock

Wenn du dich anschickst, Velvet Two Stripes zu treffen, dann denkst du, eigentlich geht das nur mit nacktem Oberkörper.

Weil, die Frauen von VTS sind so krass drauf, denkst du, mit ihren Tätowierungen, den Zigaretten im Mund, die man öfters auf Fotos der Band sieht, und dem Bier und dem Whisky, was zu ihrem Musikstil einfach dazugehört, da müssen deine eigenen Tätowierungen auch gut sichtbar sein, um mit Velvet Two Stripes halbwegs auf Augenhöhe reden zu können. Diese Art von Klischees sind es, die Sophie Diggelmann, Sara Diggelmann und Franca Mock, den drei Frauen von Velvet Two Stripes, am meisten auf den Sack gehen. Ja, wir trinken ab und zu einen Whisky und rauchen Zigaretten. Ja, wir sind laut und lachen gerne. So what! Mehr nerven tut sie nur noch eine andere vielverbreitete Platitüde: Dass Velvet Two Stripes eine Frauenband (oder noch schlimmer: eine Girlband) wären. Wie bitte? Hat denn schon einer die Rolling Stones als Boyband bezeichnet? Also.

Reden wir deshalb bei unserem Gespräch vor dem Konzert von VTS im Rössli in Bern lieber von Musik und von „Devil Dance“, dem neuen Album. Es wurde in Berlin in den berühmten Hansa Studios aufgenommen und ist der vorläufige Endpunkt einer Entwicklung, die Velvet Two Stripes seit ihrer ersten EP „Fire“ durchgemacht haben. „Die Songs auf ‚Devil Dance‘ tönen schon anders als früher“, frage ich die Band, „wie seht ihr diese Entwicklung“? Sara antwortet am schnellsten. „Der massivste Schritt zu früher ist, dass wir inzwischen mehr über Songwriting gelernt haben. Unsere neuen Songs sind noch einmal ganz anders aufgebaut als früher.“

Songwriting bei Velvet Two Stripes ist häufig das Ergebnis von Jam Sessions; alle machen mit und irgendwann, irgendwie ergibt sich dann eine musikalische Idee, die weiterverfolgt wird. Meistens dabei ist ein Gitarrenriff, das von Sara kommt. „Wieviele Riffs hat ein Gitarristenleben?“, frage ich Sara. Sie lacht. „Ich weiss nicht, ob das begrenzt ist“, sagt sie. „RPL, Riffs per Life, sozusagen. Du kannst auch immer das gleiche Riff spielen, aber wenn der Bass etwas anderes dazu macht, dann tönt auch das Riff wieder anders.“

Sara hat ihr Gitarristinnenleben mit einer Fender Stratocaster angefangen und dann auf eine Telecaster gewechselt. Heute spielt sie eine Gibson ES-335 aus dem Jahre 1968. Dieses Modell haben auch schon Grössen wie Eric Clapton, B.B. King und Dave Grohl gespielt. Auch der Bass von Franca, ein Fender Precision, ist Vintage und stammt von 1972. „Nur deine Stimme ist relativ jung und kommt aus dem 1993”, foppe ich Sophie. „Wer weiss“, antwortet sie schlau, „vielleicht ist sie die Reinkarnation einer älteren Stimme“.
„Gar Janis Joplin?“
„Auf jeden Fall habe ich schon im 1993 geschrien.“

Sophie Diggelmann kennt ihre kratzbürstige Rockstimme gut und weiss, wie sie in Form bleibt. Das Wichtigste ist, sagt Sophie, dass sie auf den eigenen Körper hört. Sophie spürt, wie viel es leiden mag, so übersteht sie die Konzerte, ohne heiser zu werden. Und wenn sie dann doch einmal etwas angeschlagen ist, trinkt sie Tee. Die Zigaretten sind nicht unbedingt gut für die Stimme, das ist Sophie bewusst, „aber was soll man denn anderes tun, wenn man sich vor Konzerten die Zeit vertreiben muss“?

Sophie studiert Kunst und ist für das Artwork von Velvet Two Stripes zuständig. Das Cover von „Devil Dance“ ist ihr Werk. Und von ihr kommt auch das Design für das T-Shirt, das es bei der Crowdfunding-Kampagne im letzten Jahr als Goodie gab, und das ich für das Interview mit der Band trage. „In Beirut wollten sie mir euer T-Shirt fast vom Körper reissen“, sage ich, „so gut hat es meinen Bekannten dort gefallen“.

„Ja genau, Beirut“, sagt Sara. „Du hast uns doch in einer Nachricht nach dem orientalisch tönenden Gitarrensolo gefragt, das ich auf ‚Sister Mercy‘ spiele. Der Grund ist, dass ich einmal für zwei Wochen in Beirut war und dort die Oud spielte, die arabische Laute. Und das hat mich zu den orientalischen Klängen inspiriert, die ich nun aber im Studio auf der E-Gitarre gespielt habe.“ Die orientalischen Klänge bei „Sister Mercy“ könnten in der Tat eine zukünftige Entwicklung der Band anzeigen. Und auch die Noise-Elemente, die an mehreren Stellen von „Devil Dance“ präsent sind, besonders in den letzten 30 Sekunden von „My Own Game“. Klar, der Blues wird immer die musikalische Wurzel von Velvet Two Stripes bleiben, aber wenn wir noch mehr in den Blues hineintauchen, sagt die Band, „können wir dann bald mit Philipp Fankhauser kollaborieren“.

Sowieso sehen sich Velvet Two Stripes nicht als Bluesband, sondern als Rockband. Als Blues-Garage-Rock Band, die auch sehr gerne hart und laut spielt. Mit „Devil Dance“ haben sie die Essenz dieses Stils, haben sie diesen angestrebten Zustand, gefunden. Die Songs von Velvet Two Stripes sind gradliniger geworden, ohne Chöre, Pop und Drumcomputer. VTS erzielen einen maximalen Effekt mit einer reduced-to-the-max-Attitüde.

VTS_guteFoto_fröhlich_ohneMann… (Originalbezeichnung dieses Fotos)

Wohin geht die musikalische Reise von Velvet Two Stripes? Was kommt als nächstes in ihrer Karriere? Ich hole eine rudimentäre Grafik aus meiner Tasche, die ich bei meiner Vorbereitung auf dieses Interview gezeichnet hatte. Sie zeigt Velvet Two Stripes auf der Suche nach ihrem wahren Sound – den sie nun mit „Devil Dance“ gefunden haben – und die Möglichkeit, ausgehend von dieser Basis, den Sound der Band weiter zu entwickeln. Den drei Frauen gefällt die Zeichnung. „Auf dem neuen Album“, sagt Sara, „sind wir mutiger geworden und getrauen uns, verschiedene Sachen auszuprobieren. Zum Beispiel ‚Lizard Queen‘: Diesen rollenden Gitarrenpart mit den tiefen Basstönen spiele ich schon seit Ewigkeiten bei Soundchecks. Bisher fanden Sophie und Franca das immer langweilig. Doch nun war die Zeit reif und wir haben versucht, auf diesem Part einen Song aufzubauen.“ „Bei Velvet Two Stripes findet eine Entwicklung von innen statt“, fährt Sara fort. „Wir finden uns immer mehr.“

Rudimentäre Grafik

Es müsste mit dem Teufel zugehen, sollte „Devil Dance“ kein Erfolg werden. Songs ab dem Album sind mittlerweile auf verschiedenen Playlists bei Spotify zu finden. Dadurch ist die Zahl der monatlichen Klicks für Velvet Two Stripes von 800 auf 82’000 geschnellt. Die Band hat nur bedingt eine Ahnung, wie das passiert ist, wer in der Welt von Spotify so auf Velvet Two Stripes abfährt und sie in die Playlists integriert, sogar in Kanada. Oder ihnen Airplay im holländischen Radio verschafft. Aber toll ist es auf alle Fälle.

Zum Schluss des Gesprächs kommt Sara noch einmal auf meine Mind Map zurück. „So eine Zeichnung hat noch keiner gemacht“, sagt sie. „Jetzt bin ich gerade auch gespannt, wo unsere Reise hingeht.“

VELVET TWO STRIPES: „Devil Dance“, out (Snowhite Records)

LIVE: Velvet Two Stripes spielen am 22.02. in der KUFA Lyss. Weitere Daten findet ihr hier.

 

GUESTLIST: Kurt Werren lebt in Bern, der Libanon ist seine zweite Heimat. Er hat hat ein Flair für fruchtbare Begegnungen und ein Näschen für spannende Frauen und Männer sowie gute Musik.

(Bilder: zvg)

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