„Nichts zu sagen ist das Allerfalscheste“

Ein Interview mit Verena von Horsten ist kein normales, eintöniges Musikerinterview. Das liegt daran, dass die Zürcher Songschreiberin im Unterschied zu vielen anderen Künstlern nicht versucht, möglichst viel Distanz zu schaffen, im Gegenteil: Sie will Nähe. Über persönliche Dinge zu sprechen (oder zu schreiben), ist ihr ein Anliegen. Vor drei Jahren hat ihr Bruder sich das Leben genommen. Auf dem 2015 erschienen Album „Alien Angel Super Death“ ist dieser Suizid ein grosses Thema, und Verena von Horsten hat es sich zur Aufgabe gemacht, Licht in diese Schattenwelt zu bringen. Live kann man sich ihrer Energie kaum entziehen, die Frau brennt an beiden Enden. Und wer es trotzdem versucht, kriegt es mit ihr zu tun.

Rockette: In einem Youtube-Video sieht man, wie Sie einem Mann an einem Ihrer Konzerte das Smartphone abnehmen. Stört es Sie, wenn die Leute an Ihren Konzerten am Telefon kleben?

Verena von Horsten: Dieser Typ tippte schon die ganze Zeit auf seinem Smartphone herum, ich hatte ihn vorher lange beobachtet. Ich nahm es ihm einfach impulsiv aus der Hand. Nicht, weil es mich persönlich störte, wie danach viele dachten, die das Video sahen. Es ging mir um diesen Menschen, der eine Chance verpasste, ein Konzert zu erleben, das ihm wirklich etwas geben könnte, das seine Seele nährt. Aber ich gehe grundsätzlich sehr oft ins Publikum, weil es mir sehr wichtig ist, Kontakt zu den Menschen herzustellen. Wir tragen alle eine Betonmauer in uns, um Distanz zu wahren – zu anderen und auch zu uns selber. Diese Mauer will ich niederreissen. Deshalb bin ich bei Konzerten auch sehr nahe beim Publikum, singe die Leute an oder fasse sie an.

Kürzlich sagte mir ein junger Musiker, es störe jeden auf der Bühne, wenn da die ganze Zeit Handyfilmchen gedreht würden. Geht es Ihnen auch so?

Nein, das sind für mich zwei unterschiedliche Dinge. Wenn jemand etwas festhalten will, freut mich das. Mich stört es, wenn die Konzentration flöten geht. Es nimmt den Leuten die Chance, ein Konzert zu erleben, das sie womöglich inspiriert und aufblühen lässt.

Sie selber leiden nicht an der grassierenden Smartphone-Sucht?

Doch, natürlich. Das hat extrem überhand genommen. Man entwickelt eine Art Zwang, immer nachschauen zu wollen, was gerade passiert ist. Diese Sucht verunmöglicht es einem, sich ganz und gar darauf zu konzentrieren, das man gerade erlebt, ob man gerade mit seinen Kindern beim Mittagessen sitzt oder ein Bier trinkt mit einem Freund. Die Folge davon ist, dass man immer leer bleibt, weil man nichts aufnimmt, das einem wirklich Nahrung gibt. Wie wenn man bei Hunger einen Schokoladenriegel isst: Der hilft vielleicht eine halbe Stunde, aber nach einer Stunde hat man wieder Hunger. Wenn man nie etwas richtig Nahrhaftes zu sich nimmt, ist man ständig am Hungern. Deshalb greifen wir immerzu nach Schokoladenriegeln. Alles muss möglichst schnell gehen, weil wir verlernt haben, uns richtig auf etwas einzulassen. Das einzige, das dem entgegenwirken kann: Man muss den Menschen etwas geben, das sie wirklich tief berührt.

Aber niemand kann immer nur Tiefgang erleben.

Natürlich nicht! Es ist eine Frage der Balance. Schokoladenriegel sind ja nichts per se Schlechtes. Aber sie können dich nicht ernähren. Wer sich zu 80 Prozent von Schokoladenriegeln ernährt, vergiftet sich. Im Moment ist alles extrem hektisch. Wenn du es schaffst, etwas Nahrhaftes zu geben, nehmen die Menschen dies mit Handkuss. Die Frage ist, ob die Themen, die dich gerade beschäftigten, einen Nerv treffen.

Ihr grosses Thema ist der Suizid Ihres Bruders. Machen Sie sich nicht angreifbar oder verletzbar, indem Sie sich so stark öffnen?

Auf jeden Fall. Wenn man ein Türchen in sich öffnet, lässt man etwas raus, aber es kann auch etwas reinkommen, schlimmstenfalls etwas Verletzendes. Aber bislang hat niemand meine Verletzlichkeit ausgenutzt, um mir eins auszuwischen. Im Gegenteil. Wer selber seine Verletzlichkeit zeigt, lässt die anderen Menschen selber tiefgründiger und milder werden. Das ist das unglaublich Schöne, das ich mit diesem Album erlebe. Suizidalität rührt auch daher, dass man die schlimmen Traumata im Leben nie verarbeitet hat, sondern sie tief in sich vergräbt, sodass sie zu ganz schlimmen, schwarzen Monstern werden. Ich versuche mit meiner Platte, über Suizid zu reden, aber auch dagegen anzukämpfen, dass die Menschen ihre Traumata in sich wegsperren. Ich versuche den Leuten zu zeigen, dass Licht hereinströmt, wenn sie die Türe zu dieser Schattenwelt öffnen. Meiner Erfahrung nach sehnen sich sehr viele Menschen danach, diese Gefühle zeigen zu können.

Woran merken Sie das?

Nach Konzerten kommen die Leute zu mir und erzählen mir ihre Geschichten. Andere schreiben mir. Ich merke es auch an den Reaktionen der Presse. Das ist für mich das grösste Geschenk: Natürlich will ich das Thema Suizid benennen, aber es geht mir vor allem darum, etwas zu tun, das der Suizidalität entgegenwirkt. Konkret: Diese Betonmauer in uns niederreissen.

Für viele Menschen ist es schwierig, im Angesicht von grossem Leid die richtigen Worte zu finden. Sie sagen dann lieber nichts, um nichts Falsches zu sagen. Wie soll man denn so etwas ansprechen?

Das Allerfalscheste ist, nichts zu sagen. Man kann nur gewinnen, indem man jemanden auf einen Schiksalsschlag anspricht. Keine Angst! Natürlich sollte man das feinfühlig tun und nicht mit einem Urteil einfahren, im Sinne von: „Also langsam sollte es dir schon wieder besser gehen!“. Man kann einfach nur fragen: „Ich habe gehört, dass … Wie geht es dir damit?“ Wenn die Person noch nicht so weit ist, wird sie es schon signalisieren. Aber ich bin sicher, dass viele Menschen sehr wohl reden möchten. Für sie ist das Thema ja eh immer präsent.

Sie haben den Tod Ihres Bruders mit Ihrem Album zu verarbeiten versucht. Half Ihnen die Musik?

Die Musik hat mir in meinem Heilungsprozess sehr geholfen. Als mein Bruder starb, geriet ich selber in eine starke Depression und konnte zwei Jahre nicht arbeiten. Ich hatte selber Suizidgedanken. Lange Zeit konnte ich mich der Musik gar nicht widmen, überhaupt fast nicht über meine Probleme reden. Und wenn ich es trotzdem schaffte, wussten die Leute oft nicht, wie sie damit umgehen sollten. Manche drehten mir den Rücken zu. Das vermittelte mir das Gefühl, mit meinem Zustand nicht akzeptiert zu werden. Deshalb hatte ich wahnsinnig Angst davor, dass Leute sich von mir abwenden, wenn ich auf dem Album und an Konzerten von Suizidalität spreche. Das Gegenteil ist geschehen. Alle warteten darauf, darüber zu reden. Unterdessen geben mir die Livekonzerte sehr viel, sie erfüllen mich seelisch. Musik ist Seelennahrung. Am Ende wünscht sich jeder Mensch, für alles, das ihn ausmacht, selbst das Schlimme, geliebt zu werden.

Wie geht es Ihnen heute?

Gut. Offen gestanden bin ich immer noch nicht 100 Prozent arbeitsfähig. Ich versuche, immer meinen Energiepegel zu halten – sehr intensive Konzerte geben, dann wieder lange ausruhen. Aber nach fast drei Jahren habe ich erstmals wieder das Gefühl, dass ich wieder auf die Beine kommen könnte. Anderthalb Jahre lange war ich unsicher, ob ich es jemals schaffen werde. Inzwischen hat sich wieder ein hoffnungsvolles, gutes Gefühl eingestellt.

VERENA VON HORSTEN: „Alien Angel Super Death“ (A tree in a field, 2015). LIVE: Samstag, 28.05., Royal, Baden; Mittwoch, 06.07., Kaufleuten, Zürich.

verena von horsten pressebild

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