„Verschüpfti Sieche, wo chli schüüch sind“

Für mich sind Cellar Darling so etwas wie das Atlantis der Musikszene. Verwunschen, phantastisch, verträumt, mystisch und irgendwie gar nicht richtig greifbar, aber von unglaublicher Anziehungskraft. Nachdem sie mich mit ihrer einzigartigen Art, musikalische Bilder zu zeichnen, live am Greenfield-Festival bezaubert haben, stand ich vor der Mammutaufgabe, meine Emotionen, das Interview mit der Band und die wichtigsten Fakten zu einer Geschichte zusammen zu spinnen – und das alles im einem Zustand zwischen fröstelnder Verzückung und Ehrfurcht, die sowohl das Schaffen der Band, als auch das Gespräch ausgelöst haben.

Storytelling ist nicht erst seit der Verwendung als Buzzword erfolgreicher Marketers in aller Munde. Das Geschichtenerzählen ist für uns Menschen seit je her ein einfaches „Transportmittel“, um Wissen, Erfahrungen und Emotionen weiterzugeben (interessierte Leser*innen sollten sich bei Gelegenheit mit der psychologischen Bedeutung einiger Märchen auseinandersetzen, so soll es in „Dornröschen“ etwa um das sexuelle Erwachen von Teenagern gehen und die Wendeltreppe, ja die hat eine ganz andere Bedeutung, als man meinen könnte #räusper).

Meine Stories sind immer der Versuch, die Emotionen in Worten zu transportieren, die ich beim Hören von Musik oder beim Gespräch mit einem Künstler empfunden habe. Die Verzauberung in Kombination mit einem leichten Frösteln zu transportieren, die die Musik von Cellar Darling in mir erzeugt, war eine harte Knacknuss für mich, denn manchmal lösen Musiker mit ihrer beinahe ätherischen Präsenz oder ihrem Schaffen in mir eine solche Bewunderung aus, dass ich wie ein kleines Kind mit offenem Mund vor der Aufgabe stehe, diesen  Zauber in Worte zu fassen. Vor allem dann, wenn sie von sich selbst auch sagen, dass sie mit ihrer Musik Geschichten erzählen und diese mich in meinem Innersten berühren. 


WE ARE STORYTELLERS.

WE WANT TO CARRY YOU AWAY INTO OUR WORLD OF MUSIC.
We want to unleash feelings and experiences by telling stories and drawing symbols, in the way mankind has done since the dawn of its existence: through legends, folk tales, theatre, drama, spirituality – and through Songs.

Ich hätte am Greenfield ein Video von der Stimmung und mir aufnehmen sollen, als Cellar Darling an Tag 3 die Hauptbühne eröffnet haben. Noch bevor das Unwetter über das Festivalgelände hinwegfegte, lag ein besonderes Knistern in der Luft. Die Sonne drückte noch hinter den aufziehenden Wolken hervor und  sorgte zusammen mit den umliegenden Bergen für eine magische Kulisse und die perfekte Szenerie für die mystisch progressive Musik von Cellar Darling (gern verweise ich zu den Kollegen von liveit.ch, die tolle Bilder des Auftritts gemacht haben). Mein Federohrring wurde von einem zarten Wind hin und her geweht, während ich mich verträumt zu Songs wie „Black Moon“ im Kreis drehte. Aus meiner Träumerei riss mich nur ein lautes „Anna, ich will ein Kind von dir!“, dass ein junger, vermutlich etwas von Alkohol beeinflusster Mann laut der Leadsängerin Anna Murphy entgegen schrie.

„Verschüpfti Sieche, wo chli schüüch sind“

Die zeigt sich im Interview dann doch etwas erstaunt: „Ich dachte irgendwie, das funktioniert anders herum.“ Kinder würden dann doch nicht immer verlangt, aber Post – teilweise auch ein wenig „gfürchig“ – habe sie sogar schon ins Studio bekommen, wenn ein Fan herausgefunden habe, wo sie als Toningenieurin arbeite, so Anna, die gern auch Mal „Goddess of the Heavy Metal Hurdy Gurdy“ genannt wird. (Für alle, die wie ich vor einigen Jahren mit dem aufs erste Hören lustigen Namen Hurdy Gurdy nichts anfangen können, hier ein Video über die Drehleier, ein Instrument, dass insbesondere in Folk-Metal-Bands für das gewisse Etwas sorgt.) Grundsätzlich seien die Fans aber sehr anständig, so Drummer Merlin Sutter. „Die sind eigentlich wie wir, ‚verschüpfti Sieche wo chli schüüch sind'“, lacht Anna Murphy.


Den Auftritt in dieser spektakulären Kulisse hätten sie sehr genossen. „Ich fühle mich sonst oft nicht so wohl auf grossen Bühnen mit so vielen Leuten, ich habe das Gefühl, es lässt sich nicht gleich Kontakt herstellen. Aber heute habe ich mich sehr wohl gefühlt, was auch an den Bergen liegen kann. Ich liebe dieses Festival für diese Aussicht“, so Anna Murphy in einem Gespräch (hier das Interview) mit dem „Thuner Tagblatt“. Dass die Ex-Band von Anna Murphy, Merlin Sutter und Ivo Henzi gleichentags  am Abend auf der Hauptbühne spielt, sei gar kein Problem: „Alles easy.“ Aus dem Split mit Eluveitie entstanden (wer es genauer wissen möchte, kann unter anderem hier nachlesen), haben sich Cellar Darling in eine merklich differenzierte musikalische Richtung entwickelt. „Auch, weil wir ganz andere Musik machen und spätestens seit dem zweiten Album ist für die Leute klar: Ok, das hat nichts mehr mit Elu zu tun.“ Grosse, meinungsbildende Magazine, wie „Metal Hammer“, nennen das im März 2019 erschienene zweite Album der Formation, „The Spell“, ein „Kleinod“.

„Kein Weichspüler-Kram“

„Unsere Musik ist halt nicht der Weichspüler-Kram“, weshalb man sich insbesondere in der Heimat erst wieder eine Fanbase erspielen müsse: „In der Schweiz hat man es etwas schwer, wenn man nicht sehr zugängliche Musik macht, das hatte auch Eluveitie lange.“ Und Merlin Sutter ergänzt: „Es gibt diese komische Regel, das Schweizer Bands erst im Ausland Erfolg haben müssen, damit die Schweizer*innen merken, ‚hey, geil, die schaue ich mir auch mal an‘.“ In diesem Prozess befinde sich Cellar Darling nach der Gründung 2016 wieder. Besonders gut kommt Trio, das sich im Bereich Progressive Rock am ehesten zu Hause fühlt, in den UK an, weshalb es in den vergangenen Monaten dort auch ausgiebig auf Tour war.

Die Vibes der Schweizer Berge transportieren

Für mich sind Cellar Darling so etwas wie das Atlantis der Musikszene. Verwunschen, phantastisch, verträumt, mystisch und irgendwie gar nicht richtig greifbar, aber von unglaublicher Anziehungskraft. Jeder der drei Musiker strahlt für sich eine Zerbrechlichkeit aus, die im dunkel-romantischen Licht des Raums, in der ich die Band interviewe, noch viel mehr wirkt, als auf der grossen Bühne, auf der die Band zuvor mit einer schaudernden Intensität performt hat. Diese Gefühle durchziehen auch die Songs von Cellar Darling, die mich mal träumen, mal frösteln, aber immer staunen lassen. 

„The Spell“ ist ein Konzeptalbum, auf dem es thematisch um ein düsteres Märchen von einer jungen Frau und dem Tod geht. Und ebenso, wie diese beiden sowohl auf dem Cover, als auch in den Lyrics einen eng umschlungenen Tanz tanzen, verstricken Cellar Darling auf ihrem Zweitling auch Folk-Elemente mit stechenden Prog-Gitarren und flüsternd-kratzenden Metal-Elementen. „Das Konzept des neuen Albums ist in den Bergen entstanden, die uns immer inspirieren…“, erklärt Anna Murphy die Wurzeln des kreativen Schaffens der Musiker.


Unterbrochen wird ihre Erklärung von einem lauten „And Iiiiiiiiiii willl alwaaaaayyyyysss loooooveeee youuuuu“, das alle für einen kurzen Augenblick zum Lachen bringt. „Ein wahnsinns Song“, entschuldigt sich Merlin Sutter, während Anna Murphy, Kind zweier professioneller Opernsänger mühelos eine kurze Whitney-Houston-Intonation eines „youuuuuu“ trällert, dann aber betont: „Ich glaube, darum ist es heute auch so gut gelaufen hier am Greenfield. Die Berge… haben einfach etwas magisches.“ „Ich bin eigentlich kein grosser Mystiker, aber in den Schweizer Bergen sind einfach andere Vibes, eine andere  Energie in der Luft und ich würde mir gern vorstellen, dass wir das mit unserer Musik transportieren“, so Merlin Sutter. „Ich bringe noch ein bisschen den Wald hinein, ich bin mehr so der Wald-Typ“, so Ivo Henzi, der, so Anna Murphy, ja schliesslich auf ein halber Finne sei.

Die Songs von „The Spell“ werden mit einem Audiobook komplettiert, dass die Geschichte auf dem Album ergänzt und mit animierten Clips untermalt. Der Titelsong, „The Spell“, ist auch der Titelsong des neuen Video-Games „Outward“. 

Man schreibe wenig Texte, die sich um die persönlichen Gefühle drehe, sondern wolle immer Bilder schaffen, Geschichten erzählen. „Wir sind so ein bisschen komisch, im vergleich zu Bands, mit denen wir zum Beispiel getourt sind und die zugänglichere Musik machen. Aber die komischsten Prog-Bands fühlen Stadien und ‚Bohemian Rhapsody‘ war ja eigentlich viel zu lang fürs Radio. Es gibt kein Rezept dafür, möglichst viele Leute anzuziehen.“  Es sei natürlich auch legitim zu sagen, man schreibe Musik, um möglichst schnell, möglichst gross zu werden. „Aber wir möchten einfach die Musik schreiben, die uns am natürlichsten vorkommt“, so Merlin Sutter. Regeln, gibt es beim Songwriting keine. „Klar, es muss allen gefallen, aber sonst es gibt keine Regeln.“

Der Traum von der Schneekanone 

In den kommenden Monaten wolle man vor allem an der Live-Show arbeiten und neues ausprobieren. Was Cellar Darling vorhaben, wollen sie aber noch nicht verraten, denn „wenn es dann nicht klappt, wäre das peinlich.“ Kostüme und Feuershows kämen aber eher nicht in Frage: „Wir haben kein Geld für solche Dinge, wir müssen nur allein mit unserem Talent die Show verbessern“, lacht Anna Murphy, die von einer Schnee-Kanone auf der Bühne träumt. Die käme in Südamerika, wo Cellar Darling im August touren, sicher besonders gut an. „Es wird eine ziemliche Abenteuerreise – eine Tour mit etwa 20 Daten. In unseren Youtube-Kommentaren und auf Spotify sind es immer Leute aus Chile oder Mexiko, die uns sehen wollen. Jetzt schauen wir mal, ob das wirklich so viele sind oder nur einer mit diversen Accounts.“


The Spell, Nuclear Blast

(Bilder: cellardarling.com)

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