Produced by Victor Van Vugt

Manche nennen ihn legendär. Im Herzen noch immer der junge Punkrocker, ist Victor Van Vugt seit Jahren einer der international gefragtesten Musikproduzenten. Sein Name ist eng verknüpft mit den Karrieren von Nick Cave, Beth Orton, P.J. Harvey und anderen renommierten Künstlern. 

Im Frühling 2017 reiste die libanesische Band sandmoon nach Berlin, um mit Victor Van Vugt neue Songs aufzunehmen. Unser Gastautor Kurt Werren war mit von der Partie und hat „Triple V“ bei dieser Gelegenheit gefragt, worauf es bei einer Musikproduktion ankommt.

Aus Ihrer Erfahrung, welches sind die drei wichtigsten Faktoren für eine erfolgreiche Musikproduktion?

Wow…

Ein guter Song?

Ja, schon, ein guter Song. Aber es gibt auch viel Musik, bei der der Song gar keine Rolle spielt. Da gibt es sogar grossartige Alben darunter. Und bei einigen meiner Lieblingsplatten hört man gar keine Produktion. Die tönen nicht produziert.

Was heisst „tönen nicht produziert“?

Das tönt wie eine Band, die in einem Raum spielt. Etwas kann einen Lo-Fi Sound haben und das ist genau das Richtige für das Projekt. Was gut ist und was schlecht, ist immer sehr subjektiv.

Braucht es gute Musiker für eine erfolgreiche Produktion?

Ja, im Prinzip, aber ich mag auch elektronische Musik, bei der das manchmal fehlt. Ich denke, es kommt beim Musikmachen vor allem auf die Absicht an. Ich muss die Absicht spüren, und dass es Persönlichkeit hat. Sogar elektronische Musik kann das haben. Neu ist ja sowieso kaum noch etwas. Aber Charakter muss es immer haben.

Welche Rolle spielt der Zeitgeist?

Ich mag es, wenn etwas zeitlos ist. Also vielleicht nicht gerade zeitlos, aber es sollte zumindest nicht zeitgebunden sein. Ein Freund von mir, mit dem ich zwanzig Jahre zusammen gearbeitet habe, würde mir da allerdings vehement widersprechen. Er würde sagen, Musik komme aus der Zeit und aus dem Ort.

Muss man als Produzent auf derselben Wellenlänge wie die Künstler sein?

Absolut. Und jedes Mal, wenn ich von diesem Credo abwich, nicht meinem Bauchgefühl folgte und etwas tat, von dem ich nicht hundertprozentig überzeugt war, kams falsch heraus. Da hat keiner mehr Spass. Bevor ich einen Auftrag für eine Musikproduktion annehme, muss auch mein Bauchgefühl stimmen.

Meine Erfahrung mit anderen Produzenten ist, man arbeitet gemeinsam an Songs und ist kreativ, und es passiert eine Art Fusion. So sollte es sein. Aber ich war auch schon in Situationen, in denen ich die Platte wirklich machen wollte, aber rasch merkte, dass die Band nicht bereit dazu ist. Gerade bei jungen Bands ist es so: Manchmal vertrauen die keinem Produzenten, die denken, die Plattenfirma hätte einen geschickt. Das wird dann schwierig.

Jemand sagte mir, wenn du einen Top-Produzenten wie Victor Van Vugt hast, dann musst du den einfach machen lassen.

Nein, das wäre nicht gut. Ich sage nie, dass ich alles besser weiss. Meine Aufgabe ist, herauszufinden, wo der Künstler hinwill. Manche können das gut ausdrücken, bei anderen ist es versteckt, aber du musst das aus denen herausbringen. Und dann zusammen mit ihnen dorthin gehen.

Ich dachte immer, Sie hätten P.J. Harveys „Stories from the City, Stories from the Sea“ produziert. Aber ganz so war es nicht.

Sie haben die Platte selber aufgenommen, die drei Musiker der Band. Und erst dann kam ich ins Studio und habe alles auf die Reihe gebracht. Ich brauchte einen Monat, vielleicht sechs Wochen, um alles zu mischen, da gab es viel zu schneiden und wegzuwerfen. Eigentlich hätte ich ja von Anfang an bei der Produktion dabei sein sollen, dann haben sies aber trotzdem selber aufgenommen. Aber nachher kamen sie zu mir, so à la Wir haben hier zwei Basslinien und wissen nicht, welche wir nehmen sollen. Sag du!

Und warum steht auf dem Album nicht „produced by Victor Van Vugt“?

Nun ja, Leute, die sich auskennen, wissen es. Ich denke, man kann mich auf dieser Platte hören. Es ist ok. Und am Ende war ich es, der auf die Bühne ging und den Award entgegengenommen hat (den 2001 Mercury Prize für das beste UK Album).

Man sagt, es wäre die popigste Aufnahme von P.J. Harvey.

Das ist möglich. Es gab ein paar Songs auf dieser Platte, die ich nicht selber gemischt habe. Das waren bloss Rohmischungen. Ich machte was und Polly (P.J. Harvey) sagte, kannst du es nicht so machen? Und ich sagte, nein, kann ich nicht, so mische ich nicht. Dann flickte sie etwas von ihren Rohmischungen mit meinen Endmischungen zusammen. Polly hatte eine Idee, wie die Aufnahmen tönen sollten, und vieles von dem war schon in den Rohmischungen enthalten.

Wann können Musikproduktionen schief gehen?

Nun, da gibt es viele Möglichkeiten. Der wichtigste Grund ist der falsche Produzent für den falschen Künstler. Natürlich, die Künstler, die kotzen sich ihre Seele aus und ich habe Künstler ganz tief unten gesehen. Die hatten Stress. Und manchmal läuft gar nichts mehr und das Vertrauen ist auch weg. In sich selber oder in mich.
Aufnahmen sind auch schon wegen Drogensachen den Bach runter gegangen. Aber meistens ist es der falsche Produzent. Der dann bei einer nächsten Platte wiederum der richtige sein kann.

Was treibt Sie heute noch an? Ich meine, Sie haben Nick Cave, P.J. Harvey, Beth Orton und viele andere produziert. Was solls also noch?

Ich habe wirklich Spass an dieser Arbeit. Es gibt so viel Musik und ich bin überhaupt nicht gelangweilt. Ich war mal gelangweilt, vor ein paar Jahren, als ich in New York arbeitete. Da habe ich fast aufgehört zu produzieren. Aber als ich nach Berlin kam, war alles anders, nun bin ich ständig am Aufnehmen und es gibt immer Bands im Studio.

Was passierte in New York?

Es war schrecklich. Budgets für die Aufnahmen waren so niedrig, dass die Bands es sich nicht mehr leisten konnten, nach New York zu reisen. Alles wurde mir per Email zugeschickt. Ich arbeitete dran und schickte es zurück. Aber ich hatte keine Verbindung mehr zur Band und zum Endprodukt. Das hat mir abgelöscht.

Gibt es einen typischen Triple-V-Sound?

Wenn es den gäbe, dann wäre er bestenfalls so, dass man alles gut hören kann, jeden einzelnen Teil davon. Ich strebe eine Art Klarheit an. Auf jeden Fall ist es das, was mir Leute sagen, auch meine Mutter. Dass man alles gut hören kann. Bei mir muss nicht jede Sekunde gefüllt sein. Ich versuche, Raum zu lassen.
Die Bassgitarre und die Basstrommel sind wichtig für mich, dann groovt es schon mal. Ansonsten: Ich weiss nicht. Ich möchte auch nicht jedem Projekt meinen Ego-Stempel aufdrücken. iIch würde hoffen, dass ich mich situativ der Musik und den Musikern anpassen kann.

Wann sind Sie glücklich mit dem Endergebnis?

Ach, ich weiss nicht, ob ich je glücklich mit einem Ergebnis bin. Ein Projekt ist fertig, wenn das Geld fertig ist. So einfach ist das.
Alles hat sich verändert in den letzten Jahren. Vieles kann man nun am Computer machen, sogar zuhause. Man muss kein teures Studio mehr mieten. Mit dem Effekt, dass sich nun Produktionen länger hinziehen. Das hat so seine zwei Seiten. Einerseits könnte man ein besseres Resultat erzielen, andererseits wirst du nie fertig.
Man kann ja immer noch etwas verbessern und optimieren. Nur, hört das noch jemand? Die meisten Leute hören es nämlich nicht. Logisch, Finessen und Details sind wichtig, die können massgebend sein, wie das Publikum das Album aufnimmt. Aber gewisse Dinge kann man auch einfach bleiben lassen. Sowieso bin ich mehr ein Mann der groben Linien als einer, der an Details herumfiselt.

 

Produced by VVV

 

 

GUESTLIST: Kurt Werren lebt und arbeitet in Bern, der Libanon ist seine zweite Heimat. Er hat hat ein Flair für fruchtbare Begegnungen und ein Näschen für spannende Frauen und gute Musik.

(Bilder: Kurt)

 

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