Von MONO gerettet

„Ich erzähle dir eine verrückte Geschichte“, sagt Taka Goto, Kopf von MONO, der japanischen Post-Rock-Band, kurz vor dem Konzert am vergangenen Sonntag im Bogen F in Zürich. „Eine Geschichte, die vor langer Zeit passiert ist“ …

… Zuerst erhielt ich eine Mail von einem Fan aus dem Irak. Er schrieb mir, dass er die ganze Nacht MONO hört und nur dank unserer Musik die pausenlosen amerikanischen Bombenattacken durchhält, die auf seine Stadt niedergehen. Eine Woche später erhielt ich eine Mail von einem amerikanischen Soldaten, der im Irak stationiert war. Er erzählte mir dasselbe: Nur dank MONO hält er den Krieg im Irak überhaupt aus. Schon verrückt, nicht?“

Schon seit 20 Jahren retten die Japaner von MONO die Welt. Sie haben in dieser Zeit zehn Alben veröffentlicht und 1368 Konzerte gespielt. Das Konzert in Zürich ist Nummer 1369. Es ist ein besonderer Mix, der MONO auszeichnet, und der ihre Fans seit jeher fasziniert. Eine Mischung aus atemloser Melancholie voller dramatischer Melodien gepaart mit ohrenbetäubenden musikalischen Steigerungsläufen bis zur Ekstase. Die Musik von MONO funktioniert nach dem Prinzip Hoffnung: Unsere Welt ist böse, aber MONO gibt dir die Waffen, gibt dir die Therapie, um das Böse zu besiegen.

Taka Goto

Auch Taka wird von seiner eigenen Musik gerettet. Wenn er komponiert, erzählt er, taucht er tief ein in diese verdammte Dunkelheit, die ihn manchmal umgibt, und versucht dort, das Licht zu finden. „Wieso brauchst du so viel Rettung?“, frage ich ihn. „Weil die Welt so kompliziert ist“, sagt Taka. „Eigentlich ist ja das Rezept im Buddhismus ganz einfach: Respektiere deinen Nächsten, liebe ihn, hilf ihm. Aber genau das kann sehr schwierig sein. Das versuche ich mit meiner Musik zu erklären.“

MONO ist eine Instrumentalband, aber auf ihrer Webseite (eine der besten, und informativsten, die ich von einer Band je gesehen habe), geben sie sich wortgewaltig. Mit Worten, die auch einem Kirchenprediger gut stehen würden, beschreibt Taka zum Beispiel die Idee von „Transcendental“, einer EP, die MONO zusammen mit den Berlin-Westschweizern von The Ocean im Jahr 2015 veröffentlicht haben. Auf Transcendental, erklärt Taka, geht es um das Leben und den Tod und die Erneuerung. Unsere Körper zerfallen im Tod, zersetzen sich und werden zur Saat für die nachfolgenden Generationen, doch unsere Seelen treten ihre Reise zum ewigen Leben an.

„Woher kommt deine Spiritualität?“, frage ich Taka.

„Ich traue den Dingen nicht, die ich sehe. Es gibt Sachen, die kannst du nur fühlen.“

Das neue Album von MONO heisst „Nowhere Now Here“ und für Taka fühlt es sich wie ein zweites Debütalbum an. Vor zwei Jahren hatte MONO grosse Probleme mit dem Management und gleichzeitig verliess der Drummer die Band. Ihre Zukunft war ernsthaft gefährdet; MONO war wie ein müdes Tier, erzählt Taka: „Kein Schlagzeuger, kein Management, kein Geld.“ Diese dunkle Phase ist auch der Grund, warum auf dem neuen Album zum ersten Mal in der Karriere von MONO gesungen wird. „Eines Tages rief mich Tamaki an, unsere Bassistin, und sagte mir, ich kann nicht mehr atmen, es sind zu viele Geschichten, die umhergehen. Und ich sagte ihr, alles wird gut, vertraue mir. Die Band wird weiterleben und wir werden auch einen neuen Drummer finden.“ Schliesslich schrieb Taka den Song „Breathe“, der vom Gedanken ausgeht, dass Tamaki nicht mehr atmen kann. Und nun singt sie selber diesen Song auf der Bühne!

Der neue Schlagzeuger heisst Dahm und ist Amerikaner. Er hat sich gut ins eingeschliffene musikalische Räderwerk von MONO eingefügt, auch beim Konzert im Bogen F. Auf der Bühne ist es dunkel und die Musiker erkennt man nur schemenhaft, es sind schattige Gesichter im Gegenlicht der Scheinwerfer. Gestartet wird mit einem krachenden Soundgewitter, mit Donner und Blitzen, die von „After You Comes the Flood“ stammen. Eben feierten wir Ostern, dieses Fest der Stille, wo auf tiefe Trauer die freudvolle Wiederauferstehung folgt. Und nun kommen MONO mit ihrem Lärm knapp an der Schmerzgrenze. Sind das Gegensätze? Nein, ganz und gar nicht. Das zweite ist bloss die laute Version des ersten.

Interview-Vorbereitung deluxe

Takas Idol ist Ludwig von Beethoven und auf seinem rechten Vorderarm hat er dessen unsterblichen Worte „Ode an die Freude“ tätowiert. Einer der Songs von MONO heisst „16.12.“, der Geburtstag von Beethoven. „Weisst du was“,  sage ich zu Taka und zeige ihm eine Kopie meines Passes, „mein Geburtstag ist auch der 16. Dezember“. „Oh wow“, sagt Taka, „das ist ja irre“. „Bist du der Beethoven des 21. Jahrhunderts?“, frage ich. „Nun ja“, antwortet Taka, „Beethoven war natürlich ein Genie; ich habe viele Bücher über ihn gelesen und alle seine Werke studiert. Ich verstehe genau, wieso er dieses oder jenes Werk schreiben musste.“

Taka schreibt Musik, weil er muss. Weil er etwas kreieren will, schon als Kind, dass nur er genau so kreieren kann. Und auch heute, nach 20 Jahren MONO, ist er immer noch dankbar, dass er sich mit seinem Leben voll auf die Kunst konzentrieren kann. Er geniesst jeden Tag, auch die Tage auf Tour, und es sind viele. „Zu Beginn unserer Karriere, anfangs der 2000er Jahre“, erzählt Taka, „spielten wir enorm viele Konzerte, über hundert pro Jahr, vor allem in den USA. Es gab damals noch keine MONO-Webseite, noch keine Social Media und irgendwie mussten wir uns einen Namen machen“. Nur im Jahr 2008 nahm sich Taka Goto eine sechsmonatige Auszeit, um „Hymn to the Immortal Wind“ zu komponieren, das Album, das von den Fans fast unisono als das Meisterwerk von MONO bezeichnet wird.

Wie hält Taka dieses Touren ohne Ende aus? Ins Gym geht er nicht und zwanzig ist er auch nicht mehr. „Stimmt“, sagt Taka, „auch mein Körper wird langsam älter. Es ist die Energie von unserem Publikum, die uns vorwärts treibt. Manchmal gehen wir müde auf die Bühne und boom!, dann kommt die Energie aus dem Saal und wir legen wieder voll los. Vielleicht erreichen wir in diesem Jahr sogar einen neuen Konzertrekord.“

Die französische Komponistin Nadia Boulanger hat einmal gesagt (zu Quincy Jones), „deine Musik kann nie mehr oder weniger sein als du selber als Mensch bist“. Nadia Boulanger hätte es auch zu Taka Goto sagen können; er ist ein Musterbeispiel für ihre Theorie. Taka (und Yoda und Tamaki und Dahm) ist MONO und MONO ist Taka. Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Künstler und seiner Kunst, alles ist eins, alles verfliesst.

Nur: Bei MONO gibt es auch keinen Unterschied zwischen dem Künstler und seinem Publikum. Wer an ein Konzert von MONO geht, kommt anders heraus, als er hineingegangen ist. Es ist diese zerstörerische und gleichzeitig kreative Macht der Musik, die einen packt. Die Band ging mit viel Wut im Bauch in die Aufnahmen zum aktuellen Album, nach all den Frustrationen und Ängsten in der Zeit davor; man spürt diese Wut noch heute im Konzert. Es ist aber auch diese Katharsis, durch Stille und durch Lautstärke, die MONO erzeugt und die einen das weisse Licht am Ende des eigenen schwarzen Tunnels sehen lässt. Konzerte von MONO sind mindblowing, in der wahrsten Bedeutung des Ausdrucks. Du glaubst dein Hirn wird explodieren. Du bist entrückt, verrückt, verstört, zerstört, verdammt und gerettet. So gerettet wie MONO selber.

 

GUESTLIST: Kurt Werren lebt in Bern, der Libanon ist seine zweite Heimat. Er hat hat ein Flair für fruchtbare Begegnungen und ein Näschen für spannende Frauen und Männer sowie gute Musik.

 

(Titelbild: Momo Vu Photography, andere: Kurt)

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