Von wegen alle Schweden sind blond und gross

Wir haben ja nie so richtig Zeit. Ein Glück, dass unsere Gastautorin Céline Honegger am One Of A Million Musikfestival in Baden war – und sich Tage danach noch an wunderbare Einzelheiten erinnern kann.

Am Sonntagmorgen wachte ich mit einem Lächeln im Gesicht auf, einem Lächeln, das ich mir den Badenern am „One Of A Million“ abgeschaut hatte. Dort verbrachte ich die Tage zuvor und konnte mir einen Eindruck von diesem kleinen aber feinen Festival im Aargau machen. Kenner wissen, dass es dort viele musikalische Perlen zu entdecken gibt, und man keine Angst haben muss, jedes zweite Konzert zu verpassen, weil man damit beschäftigt ist, seine Freunde zu suchen oder Stunden in der Damentoiletten-Schlange zu verbringen. Dank den Pausen zwischen den Konzerten hat man dann auch Zeit, um vor dem Konzert ein Bierchen zu trinken oder Leute kennenzulernen.

Gerne würde ich euch jetzt zu allen Musikern etwas erzählen, denn sie waren einfach alle toll! Doch wie so oft verschwimmen die Erinnerungen zu einem grossen Gesamteindruck. Ein paar Highlights sind mir natürlich dennoch geblieben. Da gab es zum Beispiel das Konzert von Annelotte de Graaf a.k.a Amber Arcades. Die junge Singer-Songwriterin lässt einem den Drang verspüren, sich selbst ein paar Jungs zu schnappen und mit ihnen auf Tour zu gehen und das Publikum mit seinen weiss-wehenden Haaren und seiner Coolness zu beeindrucken.

Natürlich durften am Bad-Bonn-Abend (das Röstigraben-Musiklokal schlechthin) auch die welschen Vertreter nicht fehlen. So gaben die Jungs von Alice Roosevelt, die nach toller Bandraum-Band klingen, in der Druckerei ihr Bestes und überzeugten damit die Deutschschweizer. Vielleicht waren wir alle aber auch einfach fan von diesem süssen accent français.

Am Freitagmorgen spürte ich noch immer den Bass, den mir Feldermelder am Vorabend in die Venen gejagt hatte. Unter dem Nachbrummen dieses Basses schrieb ich mir rasch noch ein paar Fragen auf, die ich später am Abend sir Was stellen wollte. Joel Wästberg, wie sir Was im wirklichen Leben heisst, kommt aus einem kleinen Dorf in Schweden. Er ist aber weder blond noch besonders gross, dafür umso freundlicher und so richtig härzig. Ich konnte mir die Frage, woher sein Name komme, nicht verkneifen, auch wenn sie etwas billig ist. Er schien darauf gewartet zu haben, denn die Antwort kam wie aus der Kanone geschossen. „Was“ sei eine Abkürzung seines Familiennamens und „sir“, ja „sir“ einfach weil er meint, dass jeder ein Sir sein kann, egal ob reich oder arm. Weil er dann aber doch etwas Selbstironie besitzt, wird „sir“ mit kleinem und nicht mit grossem S geschrieben. Mit diesem Künstlernamen will er sein privates Ich von seinem Musiker-Ich abgrenzen.

Mit Musiktheorie hat der ehemalige Jazz-Saxophonist noch nie viel anfangen können und es wurde für ihn deshalb höchste Zeit, sich in neue Musikwelten zu bewegen. So entstand denn auch seine neue Musik, die einen Schnittpunkt irgendwo zwischen Jazz, Hip-Hop und Electronica bildet. Inspiration findet sir Was nicht nur auf Reisen, auch TV-Shows oder silly pants, die jemand auf der Strasse trägt, beeinflussen seine Musik. Das Ziel sieht er darin, sogenannte fine culture und bad culture zu verschmelzen, und damit sich selbst und die Leute zu verwirren und Fragen aufzuwerfen. Sir Was ist sein ganz persönliches Werk, er hat es alleine geschrieben und aufgenommen. Diese Einsamkeit scheint auch in seinen Musikvideos repräsentiert zu werden, doch Joel erklärte mir beim Gespräch, dass das eigentlich mehr ein Zufall ist, und er sich das gar nicht so überlegt habe. Bei Live-Shows, da hat er dann doch drei Jungs dabei. Er selbst möge Konzerte mit Band und dieses Organische, das er alleine auf der Bühne nicht erzeugen könnte. Der Titel seines Albums, „Digging A Tunnel“, widerspiegelt den Prozess von dem Willen, ein Album zu machen, bis zur Durchführung. Und auch, wie er sich aus seinen eigenen mentalen Blockaden und Angst buddelte. Danke Joel, dass du diesen Tunnel gegraben hast!

Das Highlight vom Samstag war ein überdrehter, schmächtiger Mann mit Rollkragenpulli, der sich Crimer nennt. Natürlich war der Speicherplatz gerade voll, als ich seinen heissen Hüftschwung und seine ausgefallenen Bewegungen einfangen wollte. Aber die Show des jungen Producers aus St. Gallen hätte sowieso nicht auf ein einziges Foto gepasst. Sie lebt nämlich von der Dynamik, die einem in die 80er zurück katapultiert und hie und da einen Ausflug zu den Backstreet Boys oder Modern Talking wagt. Dabei entwickelt sich ein Gefühl zwischen Liebe und Hass, so wie bei Après-Ski-Parties, wo man sich zuerst ein bisschen fremdschämt und am Schluss selbst lauthals mitsingt.

Auf das Konzert von Coals hatte ich mich schon Wochen zuvor gefreut. Leider war diese Show dann etwas, wie soll ich sagen, langweilig? Vielleicht lag es auch einfach daran, dass ich langsam an einer Konzertüberdosis litt, oder dass Katarzyna Kowalczyk ein starker Husten plagte. Ich werde Coals trotzdem weiterhin hören, einfach weil sie eben doch ziemlich toll sind.

Was vom OOAM2017 übrig bleibt, ist eine Depot-Holzmünze in meinem Portemonnaie, von meiner Mate-Tee-Flasche, die ich am Sonntag vergessen habe zurückzubringen. Und ein Lächeln beim Gedanken an das vergangene Wochenende.

 

 

Céline Honegger ist seit neuem Gast bei den Rocketten. Nach einem Praktikum im legendären Fri-Son kann sie nicht mehr ohne Musik! Gerade den Bachelorabschluss in Kommunikationswissenschaft und Medienforschung abgeschlossen, wagt sie nun einen Abstecher in den Musikjournalismus und wird uns frischfröhlich von Festivals und Konzerten berichten.

 

(Bilder: Céline Honegger)

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