Von Wüsten und Säcken

Wann immer ich mich von Fjallraven „Kacken“ Rucksäcken und Winterjacken mit komischem rot-blauem Kreis und Länderumrissen auf dem linken Oberarm (keine Ahnung wie die Marke heisst) umgeben und mich vom omnipräsenten Trend-Einheitsbrei umzingelt fühle, frage ich mich: Wo ist eigentlich die gute, alte, bodenständige Alternativszene geblieben?

Womöglich habe ich den Anschluss verloren, da ich mich doch mehr und mehr zurückziehe und nur noch in meinen engeren Kreisen verkehre. Ich habe einfach keinen Bock mehr auf Trend-Fuzzis. Da bleibe ich lieber zuhause und dröhn mich mit fetter Mucke, Bier und Gras zu, als mit einem Türsteher über meine Schuhwahl zu diskutieren. Doch mit dem Rückzug kommen die Gedanken der Einsamkeit, Fragen wie bin ich eigentlich der einzige Mensch, der so denkt? oder wo sind die Gleichgesinnten?.

Ich hab sie wiedergefunden. Und zwar letzten Montag im Dachstock in Bern. Am Konzert der staubigen, fadengraden Stoner-Altsäcke von Fu-Manchu. Es war einfach grossartig. Vollkommen runtergetunte Gitarren, voll aufgedrehter, dröhnender Bass und langhaarige Stoners auf der Bühne. Kein Schnickschnack, einfach nur pures Musikerlebnis. Ein Kollege meinte zu mir: „Die ziehen ja die Wüste mit ihren Arschbacken hinter sich her.“ Herrlich!

Am meisten angetan war ich aber von den Konzertbesuchern. Ich war plötzlich bei weitem nicht mehr der einzige Vollbart-Träger in Schlabberhosen. Ausgewaschene (und nicht nur so gestylte) alte Bandshirts, abgelatschte Sneakers, kaum geschminkte Damen, Dreadlocks und Truckercaps soweit das Auge reicht… Jedes Kleidungstück, jedes Accessoire, und vor allem jedes Individuum könnte eine eigene lange Geschichte erzählen. Tut es aber nicht, da es keinen unnötigen und aufdringlichen Kommunikationsbedarf hat. So pur, so wahr, so individuell. Es war eine Wohltat, sich wieder einmal unter Gleichgesinnten zu fühlen, ohne es aussprechen zu müssen.

Und für mich ein ganz grosser Wow-Moment. Ich musste nicht ein einziges mal das Konzert über den Handyscreen der vor mir stehenden Person verfolgen. Ich weiss, wenn es mich stört, könnte ich ja einfach wegschauen. Aber in einem dunklen Konzertlokal ziehen diese verdammten leuchtenden Handys automatisch jeden verfluchten Blick an. Nur damit ihr dann ein völlig übertöntes, raschelndes Video an irgendwelche Halbbekannten senden könnt, die es nach 3 Sekunden sowieso wieder schliessen. Aber mit Sachen wie „so cool, bella, wünscht i wär ou dert“ antworten. „Danke fürs geile mit dem Handy aufgenommene Konzert-Video!“ – said no one ever. Aber eben, nicht an diesem Konzert. Leute, macht es wie die Stoner und zückt euer verdammtes Handy einfach nicht an Konzerten. Kein Mehrwert für euch – Minderwert für eure Mitmenschen.

An dieser Stelle noch ein riesen shout-out an die warm-up Band Aziz. Fetter Sound. Keine Ahnung, wie ich diese lokale Band bisher verpasst habe.

Und nochmals zum Einheitsbrei: Was hat es eigentlich mit diesen dämlichen Jacken mit Schiffskordeln als Kapuzenbändeli auf sich? Sie sind plötzlich überall. ÜBERALL! AAAAAAAAAAAH!

 

GUESTLIST: Wir kennen Baba nicht, er ist uns zugelaufen. Scheints hat er schon zwei bis drei Konzertbesuche hinter sich. Das sollte also als Qualifikation für emotionale Konzertberichte ausreichen. Ganz im Sinne von alternativen Fakten halt.

(Bilder: Facebook / Baba)
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