Über das Herumamorn

Der Marco Michael Wanda steht neben der Schlange beim Volkshaus, er trägt Schlabberpulli in undefinierbarer Farbe und raucht. Es ist 20.10 Uhr, gefühlte Minusgrade, und niemand scheint ihn zu erkennen, irgendwie seltsam, Wanda sind schon lange ausverkauft, Zürich liebt die Band, und die Band liebt Zürich, also die Schweiz („Wanda und die Schweiz, wir verstehen uns!“, steht auf Facebook). Stunden oder so später: Keyboarder Christian lehnt im Saal an der Wand ganz vorne rechts, er wartet auch auf die Vorband, und sie kommt dann auch schon, und sie ist grossartig. Drei Lehrer aus Köln! Shiit, denkt man, und dann fangen sie an zu singen und die Lehrer sind gar keine Lehrer! Sondern Türken! Kent Coda machen Hochzeitsmusik, und singen „Bologna“ auf Türkisch und wir lernen, dass Telefon telefon heisst, und der Sänger hat soo eine erotische Stimme, wenn er spricht, und das Traurige, finde ich, sind nicht die traurigen Nachrichten aus ihrer Heimat, wie die erotische Stimme sagt, sondern, dass sie ein Lied namens „Ach, was ist das Leben schön!“ ankünden mit: Wir meinen das nicht ironisch, ohne Scheiss! Und es fühlt sich dann plötzlich an, wie ein Abend am Bosporus, ohne Scheiss! Die Temperatur stimmt ja.

Über Wanda schreiben ist schwierig, weil das Stefanie Sargnagel getan hat, und besser wird das nimmer. Wanda sind unbestritten eine PartyKonzertband. Wer kein Bier trinkt, hats schwer, denn ohne sind sie nicht auszuhalten, obwohl ihre süffigen Lieder tiefer gehen, das hat mir der Marco mal gesagt auf einer lauten Zugfahrt, also ich im Zug, er in Wien am Zigarettenrauchen. Wie jetzt, gesoffen und geraucht wird eigentlich immer auf der Bühne, hat man den Eindruck, selbst wenn die Whiskyflasche und Rauch grad nicht zu sehen sind. „Das letzte verzweifelte Schwanz-Rausholen, bevor das Matriarchat endgültig eingeläutet wird“, hat Stefanie (siehe oben) die Gebärde der Band beschrieben, und das ist es wohl. Michael Marco Fitzthum versprüht auch ohne Künstlernamen unbestritten heftiges Charisma, und wenn er ins Mikro schreit, „ich möcht mit Anlauf in euch hineinamorn“, während er sein Hemd aufknöpft (das zerknitterte Jackett ist weg), dann ist das irgendwie rührend, und halt doch ein bisschen cool, weil es so uncool ist.

Wanda2
Wo ist Marco?

In die Menge reinamorn tut er dann, und man denkt: Die haben keine Groupies, sondern nur Frauen, mit denen sie nächtelang rumsaufen! Bei „Bologna“ bin ich dann dummerweise am Neues-Bier-Holen, aber egal, die Halle scheint zu kochen, um diesen grässlichen Ausdruck mal unterzubringen, und mir sind kochende Hallen nicht geheuer.

Überhaupt ist dann e chli die Luft raus, als Zugabe „A Hard Day’s Night“, ah, nee, wasn‘ das jetzt? Im Dezember hatten sie anscheinend noch „Out of The Dark“ gecovert, passt doch so viel besser, Wanda kriechen ja auch jeden Tag aus ihren Betten in ihren abgedunkelten Zimmern. Wollen sie zumindest glauben machen. Jedenfalls: Fertig, aus, Servus! und Bussi, ich kann auch gar kein Bier mehr trinken.

Wanda bleiben … kontrovers. Sind kindisch und doch irgendwie geil. Über Wanda schreiben ist schwierig. Sollen sie weiter herumamorn. Tut ja niemandem weh.

P.S. Der Held des Abends, und das ist jetzt ganz persönlich, ist sowieso der Roadie, der grosse mit dem schönen Bart. Er weiss wieso.

 

 

 

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