Weil wir alle irgendwo einen Sprung haben

Wie soll man eine Review über ein Album schreiben, das auch nach mehrmaligem Hören eher so „njä“ ist? Zum Glück hat sich die Eso-Tante unter den Rocketten beim spacigen Abtanzen am Üetliberg dieses Wochenende dann doch noch mit der Muse getroffen und hat nun wirklich etwas zu sagen über das neue Killswitch Engage-Album „Atonement“.

Losed Chinde, es isch so, die erste Vorabsingle „Unleashed“:  supi. Knallt rein, macht Spass, hämmert, ist irgendwie – typisch Killswitch Engage unter der Feder von Jesse Leach – traurig. Die lang erwartete Vereinigung der beiden KSE-Sänger Jesse Leach und Howard Jones „The Signal Fire“: auch geil. Macht Spass. Tönt gut.  Und so geht es dann auch weiter. Anspieltipp „As Sure as the Sun Will Rise“: Adam D. grätscht die Gitarre rein, es ist eine wahre Freude. Die typischen KSE-Zutaten: alle da. Der erzwungene Stopp in den Album-Aufnahmen, die 2017 langsam in die Gänge kamen und von Jesse Leachs Stimmband-OP unterbrochen wurden, ist nicht zu spüren. Es flutscht und passt alles. Typisch KSE. Alles gut. Ja. Also. Das wäre die Review gewesen. Und hier kam das „njä“ ins Spiel – denn die analytische Reviewerin konnte eben nichts weiter finden. Weder Ups noch Downs.

Schreibblockade weggetanzt – Grammy-Nominierung gefunden

Um einen Text mit Nachhall zu schreiben, reichte der Inhalt von „Atonement“ einfach nicht aus. Da sich die Schreiberin das nicht eingestehen wollte, kam und ging der Release-Tag und die Schreibblockade musste als Ausrede hinhalten. Bis dann dieser Moment kam, wo sich die Finger plötzlich nach den Tasten sehnen. Die Muse hat an einem eher unerwarteten Ort auf einen Sprung vorbeigeschaut: Die Eso-Tante unter den Rocketten hat dieses Wochenende nämlich am Ecstatic Dance Festival am Zürcher Üetliberg das Tanzbein geschwungen. Für alle, die noch nie etwas von Ecstatic Dance gehört haben:  hat eigentlich den gleichen Effekt wie ein Metal-Konzert. Man schüttelt, schwingt und rüttelt den Körper einmal durch, ohne darauf zu achten, was der Nachbar denkt. Aber statt Bier gibt es Cacao und die Musik ist etwas spaciger. Der Jesse Leach ist ja auch leidenschaftlicher Reggae-Hörer, imfall.

Neben dem Tanzen wurde im Üetliberg-Wald jedenfalls auch in Circles (klingt sehr eso, ist aber faktisch eine Gesprächsrunde mit Fremden) darüber gesprochen, wie sich die Gesellschaft verändern würde, wenn wir alle authentischer wären, offener sagen würden, wie es uns wirklich geht (statt des üblichen „jo mir gots guet“). Und genau das macht „I Am Broken Too“, einen Song auf „Atonement“ zu einem Stück Musikgeschichte, für das KSE gleich nochmal für einen Grammy nominiert (und diesmal auch prämiert) werden sollten.

I see myself in you (in you)
I know you can make it through

I can see the truth ‚cause I am broken too
I am broken too (broken just like you)

Schon länger gibt Sänger und Songschreiber Jesse Leach offen zu, mit psychischen Problemen und Depressionen zu kämpfen. Wer seiner privaten Instagram-Seite @thewaybackwithin folgt, weiss, dass er schon länger das Hashtag #Iambrokentoo propagiert und sich offen gibt, was seine dunklen Momente anbelangt (und auch, wie rosarot verliebt er aktuell ist, aber das ist eine andere Geschichte). Wie Jesse Leach in diesem Interview mit einem Psychologie-Magazin erklärt, fühlte er sich allein, dachte an Selbstmord und wusste lange nicht, wie er seine Probleme artikulieren soll. Ihm habe es geholfen, darüber zu sprechen und zu merken, dass er nicht allein war.

“When I was younger… I had no language for it. There was no one talking about it. I didn’t have a language for it, probably until my late 20s early 30s. So for me, it’s the conversation, the dialogue. And that’s why it’s so important to continue that conversation, to ‘normalize’ talking about mental health. Because that was the gateway that made me feel less alone and more connected to people who were similar to who I’ve been and where I am and how I act,”
Jesse Leach, psychologytoday.com

Wir leben zwar im Zeitalter der „sozialen“ Medien – nie war es so einfach, Menschen auf der ganzen Welt innerhalb von Sekunden zu erreichen, gesehen und gehört zu werden. Was aber immer schwieriger wird, ist, sich authentisch zu zeigen. Klar, es gibt viel weniger Likes für ein Bild, auf dem man verheult ist, als für die netten Influencer-Bilder vom Strand. Auf die sind wir aber heimlich grün vor Neid – ein Bild von jemandem, der einen traurigen Moment teilt, könnten wir nicht nur nachempfinden, wir würden uns sogar besser fühlen und wissen: Ich bin nicht allein. Auch andere haben es mal schwer. Auch andere haben hie und da mal einen Sprung im Herzen (und vielleicht auch in der Schüssel). Die Welt ist für die meisten von uns keine sponsored Influencer-Kulisse.

Psychische Krankheiten, Depressionen, Hochsensibilität, ADHS, Suizid-Gedanken – alle diese Themen finden in der Öffentlichkeit statt, aber – wie Jesse Leach – offen dazu zu stehen, ist zwar Stars erlaubt, die schon etwas erreicht haben. Wenn du und ich aber öffentlich davon erzählen, dass es uns auch schon nicht gut ging, dass wir es grad schwer haben, dass wir grad traurig sind, ist das nach wie vor eine Schwäche. Dass eine Metal-Band wie Killswitch Engage einen Song mit dieser Thematik als Vorabsingle veröffentlicht und dann sogar noch einen Teil der Einnahmen an eine entsprechende Organisation spenden, macht das Album, auf dem der Song drauf ist, eben dann doch wieder zum Highlight.

Hier könnten noch etwa 200 Zeilen mehr stehen – da ich aber schon meine Rockette-Kolleginnen unter der Wortlänge meines Textes ächzen höre, nur noch kurz: #Iambrokentoo und ich stehe dazu. Sprung in der Schüssel und im Herzen. Und das ist ok so. Danke Killswitch Engage, dass ihr, wie es die Metal-Szene schon so lange macht, denen ein Zuhause gebt, die sich nicht gehört fühlen und meinen, nicht dazu zu gehören. Aber wir sprechen alle die gleiche Sprache. Und sollten auch mehr über unsere Sprünge und Kratzer sprechen, um mit der Laustärkte unserer gemeinsamen Worte etwas zu verändern. 

#Areyoubrokentoo?

 

KILLSWITCH ENGAGE: „Atonement“, out (Sony Music Entertainment)

LIVE: 08.11., Les Docs, Lausanne / 09.11. Z7, Pratteln

Killswitch Engage machen auf ihrer kommenden Europa-Tour übrigens gleich zweimal in der Schweiz Halt. Wir sehen uns dort. Und sprechen uns. Über Metal oder Mental – egal.

 

(Bilder: Sony)

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