„Ich habe gelernt, mich nicht mehr über meinen Hut zu identifizieren“

Wesley Schultz hat einen neuen Hut! Er hat ihn in Zürich gekauft!

Bis zu diesen Breaking News verging eine gewisse Zeit. Und da war auch noch Frank Turner! Aber von Anfang an: Ich sass frierend Backstage Gurten und wünschte mir, Frank Turner nähme mich an der Hand und ziehe mich in seinen Container. Der (Container) stand nämlich neben jenem mit dem Zettel „The Lumineers female“, in dem wir – Wes und ich – uns dann niederlassen durften für das Interview. Aber eben, zuerst frieren, weil es einfach saukalt war am Donnerstag auf diesem Gurten. Und bis die Crew auf dem Berg war, dauerte es – irgendwelche Flüge in den USA wurden gestrichen, verschoben, waren verspätet oder wurden umgeleitet. Ich also draussen am Plastiktisch, mit Blick über Bern, und bei Frank schienen sie es sehr lustig zu haben.

Es kam, wie es immer kommt in solchen Situationen: Frank nahm mich nicht bei der Hand, sondern ging mit einem Nicken vorbei, immerhin. Und irgendwann stand Wesley Schultz, The-Lumineers-Frontmann, dann doch noch da, in beneidenswert warm ausschauender Jacke – und sagte: „Ich verhungere.“

Dabei kam er nicht mal von Denver, wo er lebt, sondern von Zürich her. In der provisorischen Umkleide stopfte er sich dann Snickers oder so rein und leerte ein Saftfläschchen auf Ex. Ich dann so: „Ho hey! * Können wir jetzt anfangen?“

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Wesley Schultz mit neuer Jacke und neuem Hut im The-Lumineers-Container auf dem Gurten.

Spielen Sie gerne auf Festivals?

Yeah. Wir spielen ja oft auf Festivals. Es gab einen Sommer, da waren es 45 Open-Air-Auftritte.

O my.

Ja. Ich muss sie mögen, sonst könnt ich das nicht tun. Und Festivalpublikum ist toll – das würde niemals an ein normales Konzert kommen. Für uns eine echte Herausforderung, wir müssen denen ja was bieten.

Wie ist das: Habt ihr ein schlechtes Gewissen, wenn ihr auf der trockenen Bühne steht, und draussen kübelt es?

Normalerweise stehe ich auch im Regen. Letztes Mal musste mein Hut dran glauben, so fest regnete es. Gut, ich hatte ihn nach dem Konzert auch einfach in den Koffer gestopft, und am nächsten Tag sah er gar nicht mehr wie ein Hut aus. Also: Ich werde auch nass. Ich finde Regenkonzerte gut. Wer ausharrt, will das Konzert wirklich hören.

Und Sie selber gehen noch an Festivals?

Nicht mehr so viel. 2001 war ich am ersten Bonnaroo-Festival überhaupt, in Tennessee. Wir brauchten 14 Stunden von der Westküste her. Im Jahr darauf nahmen wir den Greyhound-Bus und hatten 16 Stunden. Wir zelteten, ich liebte es. Heute arbeite ich auf Festivals, und deshalb ist das Ganze nicht mehr so spannend. Aber das ist ja in jedem Job so: In der Freizeit macht man gern was anderes.

Aha. Sie gehen Ihren Hobbys nach?

Mmmh. Ja, nein. In fünf Jahren dann vielleicht. Seit 2011 ist es ziemlich busy. Ich habe das Gefühl, ich hätte im Moment gar kein Recht auf Freizeit.

Hä?

Naja, ich fühle mich irgendwie verpflichtet, viel zu arbeiten. Ich kann schliesslich das tun, wovon ich sehr lange geträumt habe. Und hey, ich hatte vorher genug Freizeit, das ist schon okay so, wie es jetzt ist. Als Band mussten wir viel lernen, keine Freizeit haben, das Aufnehmen, und vor allem das Performen. Das ist so weit weg von dem, was wir eigentlich wirklich gut können.

Und das wäre?

Songs schreiben.

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Naja, schaut doch ganz gut aus, das mit dem Performen!

Damit es dann jeder für alle Zeit weiss: Wie seid ihr zu eurem Namen gekommen?

Ah, das ist doch eine lustige Geschichte. Wir spielten in einem kleinen Club, dem „Lucky 7“ in Jersey City, und man hatte eine Band namens Lumineers gebucht – zur selben Zeit. Der Typ kündigte uns also an als „The Lumineers“ (Wesley zieht das in die Länge, als er das sagt, so cowboymässig), und wir noch so: No, no, wir sind Wesley Jeremiah! Aber es war geschehen. Der Name blieb. Das war unsere Taufe.

Und die Lumineers?

Ich glaube, die gibt es nicht mehr. Sie hatten den Namen von einer Dental-Politur-Firma gestohlen. Wir dachten immer, wir müssten den Namen irgendwann ändern wegen irgendwelchen Copyrights. Aber offensichtlich interessierte das niemanden.

(Wesley Schultz hat sehr schöne, weisse Zähne, das ist doch das, was euch jetzt interessiert, ne?)

Ich habe gelesen, Barack Obama hat euch auf seiner Spotify-Liste.

Mmh.

Wird Donald Trump euch auch auf seine Liste nehmen?

Weiss nicht. Ich will nicht mit Donald Trump in Verbindung gebracht werden.

Lieber Hillary Clinton?

Yeah, lieber Hillary. For sure. Jetzt, wo Bernie (Sanders, Anm. d. Red.) Hillary unterstüzt, finde ich das noch mehr. Ich mag den frischen Wind, den er unter die Demokraten gebracht hat, ein kleines Bisschen Bernie lebt jetzt in Hillary weiter, das ist gut. Trump hat keine Substanz. Aber ganz ehrlich: Ich fühle mich total im falschen Film. Die Kandidatur von Trump ist so seltsam, und es fühlt sich so schräg an, wenn man auf der ganzen Welt darauf angesprochen wird.

Okay. Anderes Thema: Sie hassen Handys.

Natürlich nicht. Ich mag es nur nicht, wenn am Konzert alle ihre Handys hochhalten. Manchmal höre ich einfach auf zu singen und mache die Leute darauf aufmerksam, dass ein Konzert doch einer der wenigen Momente im Leben ist, den es zu geniessen gilt. Das geht nicht, wenn man filmt. Es ist jedes Mal … schockierend, wie viele ihr Handy sofort wegstecken. Wohl, weil sie merken, dass das Filmen und Fotografieren einfach Gewohnheit ist, die erst noch akzeptiert ist. Und überhaupt: Würden die in einem Theater auch filmen? Wohl kaum.

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Kommen wir noch einmal auf den Hut zu sprechen: Geben Sie sich im Allgemeinen Mühe, gut auszusehen?

Die Jacke ist auch neu! Alles hat sich geändert, als wir bekannt wurden. Und ständig fotografiert wurden. Früher trug ich dieselben Jeans und den gleichen Hut, und meine Kleider waren Glücksbringer. Es war auch anstrengend, irgendwie. Sich so an Materielles zu klammern! Und die ständige Sorge, etwas zu verlieren! An einem der ersten Fotoshoots habe ich eine Stylistin sehr verärgert, weil ich meine Klamotten anbehalten wollte und die gesponserten abgelehnt habe. Das hat sich mittlerweile geändert. Ich bin, wer ich bin. Ich habe gelernt, mich nicht mehr über meinen Hut zu identifizieren. Mein letzter Hut ging im Regen kaputt? Also kaufte ich einen neuen. In Zürich.

* Hab ich natürlich nicht gesagt. Wie nervig wäre das denn gewesen, meine Fresse.

Während des ganzen Interviews hatte ich „Ophelia“ im Kopf. Lässt einen schon ungern wieder los, hat es sich erst mal eingenistet. The Lumineers haben übrigens seit kurzem ein neues Album. Es klingt wie das alte, also schön.

THE LUMINEERS: „CLEOPATRA“, out now (Universal Music)

 

 

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