Niemand nervt, niemand!

Beim Betreten des Xtras vor dem Libertines-Konzert durfte man das Schlimmste erwarten, es gibt hier Pizza und alles scheint ein bisschen zu wohlgeordnet in dieser seelenlosen Konzertfabrik, unmöglich, hier eine gute Rock’n’Roll-Show zu sehen. Und dann weiss man ja nie: Wie ist Pete Doherty drauf? Eigentlich erstaunlich, dass er überhaupt noch lebt, wird er halbwegs in der Verfassung sein, ein ganzes Konzert zu spielen? Und werden sie überhaupt Freude haben am Spielen, nach der langen Trennung, oder mussten sie diese Tour nur machen, weil sie das Geld brauchen?

Und dann betreten The Libertines die Bühne, Doherty und Carl Barât rauchen, und sofort ist etwas in der Luft, nicht nur wegen des Rauchens, das heute der letzte Akt der Rebellion ist. Es ist sofort alles richtig: Die Gitarren klingen manchmal schief, die Stimmen gut, diese wahnsinnigen Melodien sind da, diese hingeschnodderten Zeilen, das Set ist über weite Strecken überraschungsfrei, aber mitreissend, intensiv, die Band scheint irgendwie präsent zu sein, die beiden Chefs necken sich, küssen sich, scheinen vielleicht selber sogar ein wenig Spass zu haben, auch wenn Carl Pete manchmal Mut zusprechen muss („You can do it!“), wenn der aussieht, als würde er den nächsten Song nicht hinkriegen, und es dauert alles schön lang, wie früher Konzerte dauerten, und kein einziges Mal blicke ich auf die Uhr, wie ich das sonst ehrlich gesagt bei fast jedem Konzert einmal verstohlen mache, weil es einfach langweilig wird.

Die Menschen im Publikum vorn pogen, einmal gibts eine kleine Schlägerei, und es scheint, als wäre der Sänger der uninteressanten Vorband darin involviert, die Leute rauchen, sie kiffen und trinken, zweimal fliegt mir Bier an den Kopf, ich lache, niemand nervt mich, niemand!

„Zurich, we forgive you“, sagt Pete Doherty am Schluss, vielleicht spricht er auf den Auftritt am Zurich Open Air im vergangenen Jahr an, und „Zurich, you got it“, sagt später der Schlagzeuger, Gary Powell, der danach noch im Gonzo ein bisschen auflegt, dort sind die Türleute streng und es ist schön und schummrig und verraucht, der Abschluss eines perfekten Konzertabends.

What became of the dreams we had?, fragen die Libertines in „What Became Of The Likely Lads“. Die Träume, die Sehnsüchte, sie sind immer noch die genau gleichen wie vor zehn Jahren, Träume werden niemals alt, wir vergessen sie nur zeitweilen, bis sie uns an einem solchen Abend plötzlich wieder haben, und das Kopfweh am nächsten Tag ist die beste Erinnerung daran.

Woke up again
To my chagrin
Getting sick and tired
of feeling sick and tired again

 

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Fotos: privat

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