Yello ist mein Herbst, oh yeah!

Es wäre extrem geblufft, wenn ich sagen würde, dass ich das Schaffen von Yello seit Jahren verfolge. Ich bin schon sehr lange begeistert von Dieter Meiers Wein, ja. Und von seinem Gin. Aber die Musik von ihm und Boris Blank, die war mir mit Ausnahmen lange Zeit nicht sehr vertraut. Dann kam 2009 „Touch Yello“ heraus und ich dachte mir nur: nicht viel verpasst. Es war mir insgesamt zu smooth, und dem Elevator-Jazz von Till Brönner habe ich noch nie so recht über den Weg getraut. Obwohl man fairerweise sagen muss, dass Yello, die den deutschen Trompeter damals und jetzt schon wieder ins Boot holten, nur das Beste aus ihm herauskitzeln.

Trotz diesem distanzierten Verhältnis habe ich seinerzeit im Halbschlaf Tickets für eines der Yello-Konzerte Ende Oktober in Berlin gekauft. Die „Godfathers of Electropop“ stehen erstmals in ihrer 38-jährigen Karriere mit einem abendfüllenden Konzert auf der Bühne – für solche PR-Texte bin ich halt genau die Richtige. Aber ich muss auch im Urin gespürt haben, dass das neue Album „Toy“, das jetzt erscheint und in Berlin zentral sein wird, die Reisekosten mehr als nur rechtfertigen würde. Unterdessen habe ich es gehört und eben, für Yello würde ich First Class auf den Mond reisen.

Ein Kollege würde jetzt gerade grediuselachen. Denn er geht mit „Toy“ sehr hart ins Gericht. Belanglos, ausgelutscht, „das war schon vor dreissig Jahren nicht mehr futuristisch oder avantgardistisch“, schreibt er mitunter. Und er vermutet, das Album sei eigentlich nicht viel mehr als ein Zusammengeflicke alter Soundelemente und ein „Promo-Vehikel“ für die Konzerte in Berlin. Lucky me, sag ich da nur, dass ich mich erst seit kurzem mit der Band befasse und die Entwicklung des Electro-Pop der vergangenen 40 Jahre jetzt nicht so detailliert verfolgt habe. Sonst wäre mir die Reiselust womöglich vergangen.

Doch auf mich wirkt „Toy“ ganz erfrischend und zu grossen Teilen sogar wahnsinnig sexy. Meiers dahingeschnurrtes „I’m in Limbo“ beispielsweise find ich scharf. Was für eine wunderbare Zeile und wie gut sie zu dem funky Techno passt. Natürlich kommen auch mir Erinnerungen an meine wilde Jugend in den angesagtesten Clubs der Millionenstädte dieser Welt auf, wenn ich „Dialectical Kid“ (der Song mit Heidi Happy war 2010 schon auf dem Album „Yello By Yello“), „Toy Square“ oder das Soundgschlirgg im Outro „Frautonium“ anhöre. Aber was soll ich mich nicht an diese nebligen Zeiten zurückerinnern wollen? Ist doch eh immer alles viel zu schnell überholt, ersetzt, erneuert heutzutage. Und auch flacher. Man muss die Beats, die Blank meinetwegen aus irgendeiner alten Schublade geholt hat, bloss mit ein paar Electro-Pop-Nummern von heute abgleichen. In Sachen Kreativität, Wucht und Ausstrahlung sind da schon markante Unterschiede zu spüren – und ich rede jetzt zu Gunsten der Altherren.

Ich bleib dabei: „Toy“ ist mein Spielzeug für die Nacht und ausgiebiges Egotanzen in Berlin. Vielleicht ziehe ich dafür sogar mal wieder die weissen Handschuhe an.

YELLO: „Toy“, out 30.09. (Universal Music)

Live und ausverkauft: 26./28./29.10., Kraftwerk, Berlin

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