Yes, we Can!

Gegen den Lärm der Grossstadt Beirut kämpfen Kinematik mit ihrer eigenen Kakophonie an. Ausserdem nehmen sie gerade die Musik zu einem Stummfilm von 1932 auf. Ein Gespräch mit Gitarrist Anthony Sahyoun.

Die Kinematik ist ein Gebiet der Mechanik, das die Bewegung von Körpern geometrisch beschreibt. Wieviel Mathematik ist in eurer Musik?

Anthony Sahyoun: Wenn man sagt, dass Musik mathematisch ist, wird das sofort mit technisch und langweilig gleichgesetzt. Von daher ist unsere Musik überhaupt nicht mathematisch, weil wir gar nicht so viel an unserer Technik als Musiker arbeiten. Wir haben eher einen intuitiven Ansatz.

Aber Mathematik und Geometrie können auch spannend sein.

Ja, genau. Wir glauben, dass Mathematik sehr stark mit Intuition verbunden ist, gerade in einer Welt, in der es für ein Problem eine unendliche Anzahl Lösungen gibt.

Unendliche Anzahl Lösungen: Was heisst das für einen Musiker?

Für uns heisst das: Improvisation. In diesem Sinn sind Mathematik und Improvisation das gleiche für uns.

Kommt da der Zuhörer noch mit?

Das kommt auf den Zuhörer an. Hoffentlich kann er soweit folgen, wie uns die Musik auch selber mitnimmt.

Mathematik und Improvisation: Ist Kinematik eine verkappte Jazzband?

Nicht alles bei uns ist improvisiert. Die Songs unseres Albums „Ala'“ sind alle mehr oder weniger ausgeschrieben. Es gibt eine Struktur. Macht uns das zur Jazzband oder nicht? Es ist wohl eine Frage der Haltung.

Eure Musik wird oft als Post-Rock bezeichnet? Was kommt nach Post-Rock?

Für uns bedeutet Post-Rock die Dekonstruktion von Rockmusik. Demnach wäre Post-Post-Rock wieder bloss Rock. Tönt doch ziemlich mathematisch, oder?

Kinematik zitieren ja oft die deutsche Krautrockgruppe Can als ihren wichtigsten Einfluss. Zwei von Can haben bei Stockhausen studiert und waren Musiker der klassischen Avantgarde. Wo kommt ihr als Musiker her?

Eine klassische Ausbildung hatten wir nicht, zum Glück, aber auch unglücklicherweise. Wir sind alles Do-it-yourself-Musiker, die gerne auch zeitgenössische Klassik hören. Aber Akademiker wie die von Can sind wir nicht.

Bei eurem Stück „Hhx“ fiedelst du mit einem Bogen auf der Gitarre…

Ja, das stimmt. Das ist aber eher eine Frage unseres Sounddesigns als eine Hommage an klassische Geiger.

Wenn wir gerade von „Hhx“ sprechen: Teile davon haben mich an die japanische Post-Rock-Band MONO erinnert. Was ist euer bevorzugtes Sushi-Restaurant im Libanon?

Barbar! Die servieren zwar kein Sushi. Aber es ist trotzdem unser Lieblingsort für Sushi.

Und von wegen Krautrock: Welches deutsche Essen mögt ihr am liebsten?

Bier!!

In euren Songs gibt es keinen Gesang. Seid ihr alle schlechte Sänger?

Wir können singen, kein Problem. Nur haben wir bislang noch nichts gefunden, worüber wir singen möchten.

Seid ihr fortschrittliche Innovatoren oder Nachahmungsmusiker? 

Haha. Wir sind fortschrittlich beim Kopieren.

Ich höre Kinematik, wenn ich im Gym bin? Was hört ihr beim Training?

Wir trainieren eigentlich gar nicht. Der einzige, der fit und gesund ist, ist Akram, unser Schlagzeuger. Der hört dann jeweils Techno im Gym.

Müsst ihr physisch zwäg sein, um eure Musik auf der Bühne zu spielen?

Nein, nicht wirklich. Nur Akram vielleicht, der braucht ja seine Muskeln, um den Rhythmus zu hauen.

Ich mag die dissonanten Elemente in euren Songs. Wie viel Libanon findet sich in der Musik von Kinematik?

Unsere Musik wurde im Libanon komponiert und aufgenommen. Alles ist also Libanon. Selbstverständlich ist es keine traditionelle Musik, aber alle Themen und Farben kommen von unserem Land, das wir lieben, im Schlechten wie im Guten.

Inmitten der Kakophonie einer nahöstlichen Stadt: Wie haltet ihr eure Ohren offen, um eure Musik noch zu hören?

Die Geräuschverschmutzung in einer Stadt wie Beirut ist wirklich enorm und kann einen verrückt machen. „Ala'“, unser Album, wurde allerdings in einem kleinen, ruhigen Dorf in den Bergen komponiert. Da waren wir dann die Kakophonie.

Kinematik machen auch Kino. In euren Shows braucht ihr Videos, um das Live-Erlebnis zu steigern. Wie kann ich diese Bilder wiederholen, wenn ich Kinematik auf Spotify höre?

Unsere Videokünstlerin heisst Cynthia el-Hasbani, ihre Arbeiten finden sich bei lookmaitmoves. Wenn man also unsere Musik hört, könnte man sich auf ihrer Webseite inspirieren lassen. Allerdings soll ja unser Album in erster Linie ein Hörerlebnis sein. Die eigene Imagination wirds schon richten.

Für welchen Film hättet ihr gerne den Soundtrack geschrieben?

Für Carl Theodor Dreyer’s „Vampyr“, einen stummen Horrorfilm von 1932 – und das taten wir dann auch. Im Moment nehmen wir die Musik auf und es läuft wunderbar.

Was geht als nächstes bei Kinematik? Können wir euch schon bald für Konzerte in Europa erwarten, eventuell sogar in der Schweiz?

Ja! Wir planen eine Europatournee im kommenden Herbst und eine der Shows sollte auch in der Schweiz sein. Details dazu wird es nächstens auf unseren Social-Media-Kanälen geben.

Letzte Frage: Wie kommen vier Achtzigerjahre-Kids aus dem Libanon dazu, die Musik einer deutschen Rockband aus den Siebzigern als Referenz zu haben?

Es gibt Musik, die zeitlos und nicht raumgebunden ist.

 

GUESTLIST: Kurt Werren lebt in Bern, der Libanon ist seine zweite Heimat. Er hat hat ein Flair für fruchtbare Begegnungen und ein Näschen für spannende Frauen und gute Musik.

 

 

 

(Bilder: Facebook)

 

Tags:

Schreibe einen Kommentar