Alles andere als armi Siechä

Kürzlich – wobei, nicht kürzlich. In einer anderen Zeit. Als Corona noch ein Bier war, war ich in der Hafenkneipe in Zürich. Irgendwie landete ich mit der Vorband Call me Kodo am Lichtpult. Armi Siechä, dass die für den Main Act lichteln müssen, dachte ich. Da wusste ich noch nicht,  dass die von Call me Kodo auch schon in krassen Locations gespielt haben.

Call me Kodo waren an diesem Abend Vorband von Gran Noir. Ihnen wurde eröffnet, dass die vom Main Act keinen Lichtler dabei hatten, und dass das die Vorband übernehmen müsse. Was man nicht so alles macht, auf dem Weg nach oben, dachte ich und lauschte zunächst mal Call me Kodo. Wunderschön diese ruhigen Klänge mit Klavier und Gitarre und die zarten Melodien! Der Sänger und Songwriter Rolli Häusler und der Pianist Christian Wild vermochten das auf Rock eingestellte Publikum ruhig zu stimmen und einzuwickeln. Andächtig hörten die Leute zu und kaum jemand redete.

So tönen Call me Kodo:

 

Kaum waren sie fertig, füllte sich die Kneipe mit den richtigen Rock-Anhängern und die Vorband verzog sich in die hinterste Ecke ans Licht. Ich ging mit. Ein Fehler, dachte ich zuerst. Denn ich sah wirklich überhaupt nicht auf die Bühne. Nichts sah ich. Ich wollte mich schon mühsam durch die Menge kämpfen, als ich merkte, dass es dort hinten ganz gemütlich war. Ich konnte der Musik von Gran Noir unabgelenkt lauschen. Die war ziemlich gut, wirklich solider Rock. Das ist zwar nicht unbedingt ein Kompliment, wenn jemand dreckig rockig klingen möchte. Aber ich meins durchaus positiv. Die können wirklich was. Trotzdem tönten die Songs, zumal ich keinen kannte, nach einer Weile als würden sie immer wieder zwei Ähnliche und einen Gleichen spielen. Ich begann also, mich ein bisschen umzusehen.

Gegen vorne sah ich wie gesagt nichts. Also ja, das:

A place with a view

Hinter mir waren die WCs. Und die Bildchen drauf auch ganz lustig. Vor mir hatte eine ein Tattoo mit den Computertasten für Copy und Paste. Sehr schön. Vielleicht ist sie Lina-Button-Fan (eins ihre Alben heisst „Copy & Paste“).

An der Wand hingen ein paar Bilder von Schiffen, die in See stechen. Hm, bei Theodor Fontane, in diesem Buch „Irrungen Wirrungen“ steht doch die Beschreibung eines solchen Bilds symbolisch für den heimlichen unehelichen Sex der Protagonisten.

Ein fast pornografisches Bild.

Ob dieses Bild hier auch etwas Sexuelles vermitteln will? Vielleicht. In der Hafenkneipe ist die Stimmung jedenfalls aufgeladen. Das bekomme ich sogar in meiner Ecke beim Lichtpult mit. Als Gran Noir aufgehört haben, kann man sich wieder unterhalten. Der von Call me Kodo spuckt mir ein paar Mal ins Auge, als er mir erklärt, er sei noch Frontsänger von Me Man Machine. Eine Rockband, die vor einigen Jahren etwa am Zürich Open Air spielte und in grossen Hallen für Bands wie Status Quo eröffnete. Aha. Der macht diese Lichtsache also nicht, um ganz gross rauszukommen. Der Call-me-Kodo-Pianist muss einem erst recht nicht leid tun, der spielt sonst bei Pegasus und ist sich anderes als die Hafenkneipe gewohnt.

(Bilder: Rockette)

Tags:

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.