Amorph killed it

Ich habe es schon länger geahnt, doch jetzt weiss ich es mit Sicherheit: Ich gehe wegen der Musik und nicht wegen der Show an ein Konzert.

Ich meine das natürlich differenzierter als es klingt. Und gebe gerne ein Beispiel: Vor ein paar Wochen war ich in Lörrach, da spielten Who Killed Bruce Lee aus Beirut und Amorph aus Basel. Für WKBL-Sänger Wassim Bou Malham war ein stillstehendes Publikum inakzeptabel. Er wollte die Leute toben, schwitzen, bestenfalls aufeinander rumturnen sehen. Begründet hat er den Überschwang mit seinem libanesischen Temperament und der puren Lust, jeden noch so stieren Anlass in eine rauschende Party zu verwandeln. Doch mich beschlich zuweilen das Gefühl, da sei auch ein Schuss Spott für die lahmen Europäer im Spiel. Wie auch immer: Es war toll, aber auch ein bisschen anstrengend.

Im Gegensatz zu Amorph, an deren Konzerte es sich haargenau umgekehrt verhält. Die Band kümmert sich primär um das interne Zusammenspiel, um Sound und Effekte. Die Musik wächst mit der Zeit quasi über deren Erzeuger hinaus, türmt sich auf wie ein Gitarrengerüst auf absolut taktsicherem Drumfundament, umgeben von einer grossflächigen Synthiefassade. Wie mir Keyboarder Alain Schnetz kürzlich erzählte, sind er und seine fünf ehemaligen Schulkollegen auf der Bühne tatsächlich schüchtern, stellen statt sich selbst lieber ihre Musik in den Vordergrund. Und was fällt auf? Das Publikum geht trotz fehlender verbaler Interaktion kein bisschen weniger ab, als wenn es mit aller Vehemenz zu Jubel und Heirassa verdonnert wird. Weil kein Theater nötig ist, wenn der Sound was kann.

Warum ich über Amorph schreibe, obwohl sie gerade weder auf ein Konzert noch auf ein neues Album hinzuweisen haben? Das Spektakel, das diese betörend unaufgeregte Band in Lörrach erzeugte, währte ganz einfach länger als mein Äckegstabi nach dem Headbangen zu WKBL. Und jetzt, wo ich zudem weiss, dass Amorph einst als Teenie-Punktruppe startete und irgendwann zu einem eigensinnigen Instrumental Prog Rock fand, dass in der Band die Freundschaft soweit geht, dass man lieber jahrelang auf ein reisendes oder sonstwie unabkömmliches Mitglied wartet, anstatt einen Ersatz zu suchen, dass die Songs basisdemokratisch geschrieben werden, und man fernab karrierefördernder Gepflogenheiten eine Do-it-yourself-Mentalität pflegt, EPs in Eigenregie aufnimmt, gerne an eigens organisierten Partys spielt und nach zehn Jahren gesangslosen Musizierens plötzlich einen Sänger ins Boot holt, haben sie mich endgültig im Sack. Und wie es so ist, wenn man unterwegs zufällig an etwas Schönes heranläuft, man kommt zurück und erzählt allen davon.

Die noch gesangslose EP “Dreiundzwanzig” gibt es übrigens hier in voller Länge und live zu hören. Und mehr von Amorph, hier.

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