Bei Colin Stetson in Sax-Therapie

Irgendetwas ist mit mir passiert. Seit ich in jüngster Vergangenheit Inside The Baxter Building, man kann ruhig sagen, ausprobiert habe, und wieder richtig häufig Mario Batkovic höre, denk ich bei Rock-Pop-Neuheiten tatsächlich öfter: laaaangweilich! Eben war ich noch so pop und jetzt juckt es mich auf einmal, dieses Unkonventionelle, Nie-Gehörte.

Der amerikanische Jazzmusiker Colin Stetson, der sich in den letzten Jahren seiner Bläsertätigkeit ganz unauffällig unter uns so liebe Musikergruppen wie The National, The Chemical Brothers, Arcade Fire oder TV On The Radio mischte, ist nicht nur deshalb speziell, weil sein Sound ein bisschen klingt, als würde er auf dem Dach sitzen und durch den Kännel runterprusten. Oder weil er während seinen Konzerten ununterbrochen vor- und zurückwippt, die Augen nicht ein einziges Mal öffnet, während sein Kopf abwechselnd die Farben Zündrot und Weissgelb annimmt. Er ist vor allem deshalb so eigenwillig, weil sein Instrument ein Saxofon ist und diesem ja ein gewisses Klischee anhaftet.

Doch Stetson. Macht sowohl mit Bass- wie mit Altsaxofon Musik, die einem wie eine Naturgewalt erfasst und je nach Gattung den Hang runter rollt, verschüttet oder wegschwemmt. Ihm zuzuhören ist mit dem Gefühl vergleichbar, gegen Windstärke 13 anzukämpfen, immer hat man das Gefühl, sich irgendwo festklammern zu müssen. Das ist Erlebnismusik pur – und eine gratis Sax-Therapie dazu.

Vor einem Jahr hat Stetson das Album “Never Were the Way She Was” mit Arcade Fire-Geigerin Sarah Neufeld veröffentlicht. Ein toller Song daraus ist: “The rest of us”. Morgen erscheint “Sorrow”. Etwas ganz anderes, eine eigene Interpretation der berühmten 3. Sinfonie des polnischen Komponisten Henryk Minolaj Górecki, um genau zu sein. Die Originalnoten hat Stetson nicht angerührt, er holte aber erneut Geigerin Neufeld sowie den ehemaligen Liturgy-Drummer Greg Fox und andere hinzu, um dem klassischen Werk noch ein paar Windstärken mehr reinzubrätschen.

COLIN STETSON: „SORROW“ Out: 08.04. (Norman Records)

(Bild: Pressebild)

 

 

 

 

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