Das Prinzip Paradisco – VIDEOPREMIERE

Sie sind ja schon ganz raffinierte Schlaumeier, Lea Heimann und Katharina Reidy. Da taufen sie ihre Band Paradisco und einer wie ich sieht dann schon italienische Gelati vor sich und denkt, okay, das ist jetzt so ein nettes Wortspiel mit Paradiso und Disco. Aber wenn du dich dann auf das Interview mit den beiden Frauen vorbereitest, schnappt bei dir im Hirn plötzlich eine Synapse zu: Aufgepasst! Da war doch noch etwas mit Para. Das ist nicht ganz so unschuldig, wie es zuerst getönt hat, man denke nur an Paramilitär und Parasiten. Und an Paranoia.

Die Geschichte von Paradisco ist rasch erzählt: Lea hat schon immer Musik gemacht, Katharina noch nie. Zusammen gingen die beiden Freundinnen viel an Konzerte. Und dann, im 2015, war Lea ihrem Saxophon überdrüssig – sie interessierte sich nun stärker für Electronica, für Sounds und für Noises – und fast gleichzeitig griff sich Katharina die App ihres Musikerfreundes und produzierte selber Beats und Loops damit. Drei Monate später standen sie schon ein erstes Mal im Fri-Son in Fribourg auf der Bühne, als Paradisco.

Mit ihrer Musik wollen Paradisco das Digitale und das Analoge zu einer Fusion verschmelzen. “Wir sind auf der Suche nach Tönen, nach Klangstrukturen, die zusammen eine Kugel ergeben”, sagt Lea. “Wir möchten eine digital-analoge Annäherung provozieren, bei der der Hörer nicht mehr merkt, was das eine ist und was das andere.”

Lea Heimann

Die Kugel ist ein wichtiges Bild, wenn Paradisco von ihrer Musik erzählen, gerade für Lea. Wer dabei an eine glitzernde Discokugel denkt, greift schon wieder zu kurz, wie ich zu Beginn meiner Bekanntschaft mit Paradisco. “Die Kugel”, sagt Lea, “steht parabolisch für eine Emotion, die wir vermitteln wollen, ein bewusstes, intensives Gefühl.” “Wir möchten unsere Hörerinnen in die Kugel hineinziehen und ihnen eine neue Welt anbieten”, ergänzt Katharina.

Eine neue Welt, in der wohl Liebe der prioritäre Zustand wäre. “Love is my lifestyle” lautet der Titel des ersten Albums von Paradisco, das 2019 erschienen ist. (In weiblichem Understatement nennen Paradisco ihre Platte eine EP, obwohl sie immerhin sechs Songs enthält und diese allesamt besser sind als das Lebenswerk von manchem hochgehyptem Künstler.) Ja, Liebe ist ihr Motto, sagen Paradisco dazu, und sie versuchen das jeden Tag von neuem zu leben. “Es ist ist ein bewusster Entscheid, so durchs Leben zu gehen”, meint Lea, “aber es gibt auch schwierige Momente, wo man an die Grenzen kommt. Aber wir haben uns entschieden, mutig zu sein und nicht zu denken, am Schluss tut doch alles weh.”

Nun war ja die Disco schon Schauplatz vieler Herzschmerzmomente. Aber hier haben wir es nun eben mit Paradisco zu tun, der Disco neben der Disco, der Disco, die keine richtige Disco ist, sondern etwas auf der anderen Seite der Strasse. (Für Sprachwissenschaftlerinnen: Para ist ein griechischer Präfix und kann mit “bei”, “neben” oder “gegen” übersetzt werden.) Erklären wir doch das Prinzip Paradisco am Beispiel von “Two Old Stones”, dem neuen Video der Band (das hier heute exklusiv seine Premiere hat). Das Lied beginnt mit den vordergründig unverdächtigen Textzeilen I told my mom about you; I said that you are no good for me.

“Macht man das als Frau”, frage ich Lea und Katharina, “bei der Mutter über den schlimmen Boyfriend motzen?”

“Es ist eine ungute Beziehung”, sagt Katharina, “so schlimm, dass ich es der Mutter erzählen muss.”

“Das Lied ist durchaus auch ironisch gemeint”, sagt Lea, “aber wenn du es der Mutter erzählst, hat es schon eine gewisse Tragweite.”

“I told my shrink about you ging einfach nicht gut über die Zunge”, gibt Katharina zu bedenken.

Katharina Reidy

Dann holt Lea zum grossen Schwung aus. “Der Song hat auch etwas Repetitives, wir brauchen das als Stilmittel”, sagt sie. “Es geht aber auch um Normen. Wer sagt, dass eine Norm eine Norm ist? Ist es die Gesellschaft und was ist, wenn man die Normen durchbricht und die Ordnung verändert? Was ist, wenn man ausbricht?”

“Das sind nun aber grössere Fragen, als ich vom Songtext her vermutet hätte”,  gebe ich zu.

“Das ist eben Paradisco. Eine glatte Oberfläche, aber darunter steckt Philosophie!”

Ausbrechen, und die Normen und die Schuldgefühle hinter sich lassen, damit kämpfen wir alle im Leben, nicht nur Paradisco. Im Originalsong heisst es später: it’s time to get away, but I can’t. Mittlerweile singen Paradisco auf der Bühne …and I can. Was hat zu diesem Perspektivenwechsel geführt, frage ich Lea nachträglich über WhatsApp. “Die ersten Male, als wir dieses Lied auf der Bühne spielten, habe ich gemerkt, dass sich für mich meine Sicht der Dinge geändert hat”, antwortet sie. “Mich hatte zwischenzeitlich das Leben gestärkt und ich realisierte, dass ich definitiv eine Wahl und auch die Kraft habe, Dinge zu ändern. Diese Opferhaltung – but I can’t – hat überhaupt nicht mehr gepasst.”

Im Video zu “Two Old Stones” ist es der Schauspieler Andri Schenardi, der sich in der Rolle des Ausbrechers versucht. Er sitzt gelangweilt bei sich zuhause – prophetisch wie Paradisco sind, haben sie das Video schon vor dem aktuellen Corona-Lockdown produziert – und macht immer skurrilere Sachen, auch mit dem Selfiestick, um sich zu beschäftigen. Ein Video ganz im Sinne einer Kritik der heutigen Zeit, in der die Selbstdarstellung das bevorzugte Mittel der Kommunikation ist und sexuelle Fantasien und experimenteller Fetischismus umständehalber alleine ausgelebt werden müssen. Aber eben: Man will ja nicht aus Plastik sein, und auch nicht aus Stein, und tanzt sogar mit einem gebrochenen Nacken, wie Paradisco in ihrem Lied “Fantaplast” selber singen.

Wo wollen Paradisco hin mit ihrer Band und Musik? Auf jeden Fall wollen wir weitermachen, sagen Lea und Katharina unisono, unser Projekt entspringt einer inneren Notwendigkeit. Als Ergebnis ihrer Liebe als Lebensstil bekommen Paradisco auch viel Liebe zurück. Sie arbeiten gerne mit anderen Künsten, Künstlern und Künstlerinnen zusammen und werden deswegen auch immer wieder kontaktiert. “Die Leute haben Lust, bei uns mitzumachen.”

Eine Lust, die auch Charlotte Gainsbourg, eine musikalische Favoritin von Lea und Katharina, nicht fremd ist. Das Prinzip Paradisco hat sie in einem Lied für sich selber so definiert. In Paradiscos, we’re confined to only pleasure; When you’re a flame, you’ll burn forever. Ob aufwärts oder abwärts, die Rolltreppe zum ewigen Jive – als eines der möglichen Reiseziele – fährt für Lea Heimann, Katharina Reidy und Paradisco immer weiter und weiter.

 

GUESTLIST: Kurt Werren lebt in Bern, der Libanon ist seine zweite Heimat. Er hat hat ein Flair für fruchtbare Begegnungen und ein Näschen für spannende Frauen und gute Musik.

 

 

 

(Bilder: Paradisco)

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