Die Fixanstellung zu kündigen und an einem idyllischen Ort am Meer als Schriftstellerin zu leben, ist der schönste Traum, den ich habe. Und ich weiss: Ich bin nicht die einzige. Die Voraussetzungen sind nicht einmal schlecht. Mit meiner Schreibe verdiene ich schon ein halbes Leben lang einigermassen solide Geld. Und auch die Sache mit den Zeitfenstern wird immer besser, seit meine Kinder allesamt über zehn sind. Ich hätte im Fall sogar sehr vage Ideen. Ungefähr 30 für Sachbücher und eine im Segment der Fiktion. Aber ich KANN einfach nicht anfangen. Mein Blatt bleibt leer, wenn kein konkreter Auftrag vorliegt, ich schaffs nicht, einfach drauf los zu schreiben. Für mich.
Stattdessen vetrödle ich Wochen mit dem Lesen von Büchern übers Kreative Schreiben. Von Menschen, denen es gelungen ist, auf Papier zu bringen, was in ihnen schlummerte. Natürlich sind auch sie gescheitert, schlimmstenfalls im Sinne von: keinen interessierts, aber das sei völlig normal im Prozess, schreiben sie, bloss nicht irritieren lassen. Denn böse Stimmen, ob von innen oder von aussen (Milena Moser nennt sie "Affen"), liessen sich ausblenden (wie denn?). Indem man einfach weiterschreibe (was denn?).
Ich bin leider zur Erkenntnis gekommen, dass mich diese Art von Literatur massiv unter Druck setzt. Ich fange manchmal fast an zu kotzen, wenn ich realisiere, dass ich gemäss dieser Ratgeber für eine Schriftstellerinnenkarriere absolut prädestiniert wäre, mich wohl aber einfach nicht locker machen kann.
Das erste für mich persönlich wirklich nachvollziehbare Buch übers Schreiben hat die norwegische Schriftstellerin und Journalistin Kristin Valla geschrieben. Vor den Geburten ihrer Kinder hatte sie es zwar auf eine was weiss ich für eine Weise schon geschafft, zwei Romane zu veröffentlichen. In «Ein Raum zum Schreiben», ihrem neuesten Buch, spricht sie dann aber genau das an, worunter ich leide. Die Schwierigkeit, sich vom journalistischen Schreiben zu lösen, vom regelmässigen, absehbaren Lohn – und sich dem Ungewissen hinzugeben. Ihr Buch handelt von der klaren Absicht, ein Buch zu schreiben, ohne die Lebensumstände, die einen von genau diesem Plan abhalten, auszublenden. Ich finde das wunderbar! Denn auf einmal wird klar, dass das Schreiben eben nicht zwingen der einzige Weg zum Schreiben ist. Kristin Valla würdigt den kreativen Umweg. In ihrem Fall über das Renovieren einer Bruchbude in Südfrankreich.
Während mir also Bücher übers Schreiben vor allem suggerieren, dass ich nicht im Stande bin, mein Talent richtig auszuleben, hat Kristin Valla (die natürlich inzwischen wieder reihenweise Bücher veröffentlicht) die Lust geweckt, andere kreative Fähigkeiten in mir zu entdecken. Und mir den Druck zu nehmen, dass Schreiben auf allen Ebenen die einzige Erfüllung in meinem Leben ist. Miriam
Kristin Valla: Ein Raum zum Schreiben, Mareverlag (2025)
Und hier noch meine Buchtipps für alle, die ihre Schreibblockade intensivieren wollen (oder das Gegenteil):