Katy Perry war schon immer eine der Letzteren, die ich mir im Festival Lineup gewünscht hatte. Und seit sie mit einem Frauengrüppli in Jeff Bezos "New Shepard" ins All geflogen ist, um den Männern zu zeigen, dass Frauen das auch können, hätte ich ehrlich gesagt erwartet, dass das auch Veranstalter:innen so geht. Doch am Paléo 2026 ist die US-Amerikanerin der Samstagsheadliner und das Gelände dermassen voller Fans, dass wir Rocketten sie von unserem Platz aus nicht einmal mehr als kleines Pünktchen wahrnehmen können. Wir müssen (dürfen) das Konzert also hinter dem nächsten Staubhügel bei den Käse- und Weinständen ab Bildschirm konsumieren. Und dort treffen wir dann auch tatsächlich auf Menschen, die Perrys Auftritt ähnlich verwirrt zur Kenntnis nehmen wie wir - und auf ein Barpersonal, das die Plastikbecher bis zum Rand hoch mit Wein füllt. Damit wir durchhalten, vermutlich.
Einige erinnern sich vielleicht: Ich habe einmal ein U2-Konzert verlassen, weil mich Bonos Gesülze so nervte. Damals war ich aber immerhin überrascht, dass es mir so ging. Bei Katy Perry rechne ich von Anfang an mit einer harten Zeit. Ihre Musik interessiert mich null und als Feministin hat sie mich auch noch nie überzeugt. Am Paléo - und das hätte ich dagegen nie im Leben erwartet - gehöre ich damit offenbar einer Minderheit an. Da sind kleine Kinder, grosse Frauen, viele Männer, ganze Gruppen, die ihr zujubeln. Eben noch alternatives Burning-Man-Atmosphäre, jetzt eine Stimmung wie im Stadion.
Das Konzert wird anstrengender als gedacht. Das hängt zu grossen Teilen an der inszenierten Mondlandung mit Schweizer Fahne, den übergrossen Handys und Laptops auf der Bühne, die mich total überreizen, der KI-Verherrlichung (oder ist es eine Kritik? Ich kann es nicht wirklich abschätzen), den genähten Muskelkostümen der männlichen Tanzcrew, der USA-Kravatte, die Katy Perry bei jeder Gelegenheit in die Kamera drückt, und dem kindlichen Kokettieren, wenn sie ihr mit "I AM NOT A ROBOT" bedrucktes Männerhemd hochzieht, um das Hösli zu zeigen, oder später, als ihr die Brüste aus dem Oberteil rutschen: "OMG, my boobs just fell out - so whaaaaat?". Es ist einfach alles ein kleeeeeines bisschen weird, muss ich sagen. Und dass Katy Perry sich für alles rechtfertigt, das man ihr ankreidet (ihren Flug ins All, das Playback...), kommt bei mir auch nur mässig gut an. Sie wirkt zwischendurch richtig passiv-aggressiv, und so gerne ich auch würde: Ich kann darin keine Kunstform erkennen.
Aber offenbar, so finden Nina und ich nach dem Konzert heraus, verstehen wir Perrys Humor einfach nicht. Während wir auf den richtigen Shuttle warten (wir wollten kurz davor gerade in den Bus der Katy-Perry-Crew steigen, weil wir meinten, der fahre zu unserem Hotel), treffen wir einen Mitarbeiter von Perrys Label, der die Künstlerin etwas persönlicher kennt als wir. Und er meint, "Keidi" sei selbstironisch und wirklich unglaublich nett. Und auch sehr engagiert. So habe sie sich vor dem Konzert etwa ausgiebig Zeit für ein krankes Mädchen genommen, dessen grösster Wunsch es war, den Star einmal persönlich zu treffen. Pro Bono!
Aber sie ist halt eben auch in diese Raumkapsel gestiegen!
Ja, aber es sei etwas unfair, in dem Zusammenhang immer nur sie zu erwähnen, wo doch noch andere Frauen mit an Bord waren, heisst es weiter. (Stimmt, es waren auch die Wissenschaftlerin Amanda Nguyen, die ehemalige Nasa-Raketenforscherin Aisha Bowe und weitere drei Nasen aus dem Show- und Milliardärinnenbiz dabei: CBS-Moderatorin Gayle King, Filmproduzentin Kerianne Flynn und Jeff-Bezos-Ehefrau Lauren Sánchez.) Und wie sich Katy Perry in ihrer Show äussert, brauche es für so einen Flug ins All "fucking courage".
Die ganze Aktion war aber eben trotzdem nicht geil!
Wir erkundigen uns, um das Thema zu wechseln, nach Perrys Boyfriend, dem ehemaligen kanadischen Premierminister Justin Trudeau. Er soll die Künstlerin Berichten zu Folge auf der Tour begleiten. Und für ihn mussten wir am Konzert schliesslich Noise machen, als Perry "I'm His, He's Mine" zum Besten gab und sagte, sie sei noch nie so verliebt gewesen wie jetzt, mit 41 Jahren. Über diese Art von Gossip kann uns das Label aber keine Auskunft geben. Und so bin ich denn irgendwie auch am Ende meines Lateins angelangt.