Der Punk am Klavier

Das Erste das mir bei Hania Rani auffällt, als ich sie treffe und später auf der Bühne sehe: Die Frau hat die Ruhe weg. Sie kommt mit Verspätung zum Soundcheck und wir haben eigentlich keine Zeit mehr für ein Interview? Kein Problem, sagt sie, wir können später reden, bei ihrem Nachtessen gleich vor dem Konzert.

Hania Rani ist eine Pianistin und Komponistin aus Polen. 2019 ist ihr erstes Jahr von internationalem Ruf, nachdem sie im vergangenen April „Esja“ veröffentlicht hat, ihr Debütalbum. Das Album findet sich auf vielen Best-Of-Listen von 2019 wieder. Auf ihrem Debüt spielt Hania Rani zehn eigene Kompositionen für Solopiano, jedes Stück ein Juwel der neoklassischen Musik, einem Megatrend des aktuellen Musikschaffens. Ihre Musik hat Hania Rani dieses Jahr weit in der Welt herum gebracht. Sie spielte ein akustisches Set in einem kleinen Jazzklub in Aarhus in Dänemark; sie spielte in einer Kirche in Holland; und sie reiste auch rasch nach Japan und trat dort in einer Halle vor über tausend Leuten auf.

„Wie ist dein neues Leben auf der Tour?“, frage ich Hania Rani. „Wie bleibst du körperlich und geistig gesund bei so vielen Reisen?“

„Am Anfang war es nicht einfach“, sagt sie. „Aber das ist ein Job wie jeder andere auch. Ich muss fokussiert bleiben. Ich spiele fast jeden Abend das gleiche Programm und die Leute, die an die Konzerte kommen, erwarten viel von mir. Es war schwierig, aber ich habe mich daran gewöhnt. Ich liebe es, für ein Publikum zu spielen. Das ist etwas, das mir gut tut.“

Hania Ranis Album „Esja“ wurde teilweise in Reykjavik aufgenommen und nach einem nahegelegenen Berg benannt. Die Musik auf „Esja“ ist erhaben und auf eine subtile Weise delikat, mit einer Hania Rani, die sorgsam ihren Weg durch die Songs ertastet, genau wie mein Auto seinen Weg durch den frisch fallenden Schnee sucht, als ich wenige Tage vor ihrem Konzert in Bern in mein Büro fahre und dabei „Esja“ laufen lasse. Eines der Markenzeichen der neoklassischen Musik ist es ja, das Piano als organischen und mechanischen Körper zu zeigen. Bei Stücken wie Biesy, Luka und Glass hört man logischerweise wie Hania Rani die Tasten drückt und die Melodien spielt. Aber man hört auch das arbeitende Klavier, das knarrt und stöhnt wie ein Schiff in schwerer See.

Das Publikum im Casino in Bern ist sehr aufmerksam und auf Empfang geschaltet. Paare lassen sich zu Küssen hinreisen, wenn Hania Rani spielt, und Köpfe drehen sich verachtungsvoll herum, als jemand es nicht schafft, eine Plastikverpackung lautlos zu öffnen. Das ist eine Messe des göttlichen Klangs, Herrgott nochmal: Wer ist der Ungläubige im Saal? Hania Rani verbindet gerne zwei, drei ihrer Stücke und macht daraus eine längere musikalische Sequenz. Am Ende wagt man nicht zu klatschen, bevor man nicht hundertprozentig sicher ist, dass die Musik auch wirklich fertig ist. Keiner will die Erhabenheit des Moments töten und sich als Banause outen, der vorzeitig applaudiert. Wir alle kennen das: Wenn einer leise spricht, dann hört man ihm besser zu. Auf Hania Rani und ihre Musik trifft dies in besonderem Masse zu.

In ihrem Instagram-Profil bezieht sich Hania Rani auf Witold Gombrowicz. Einen, sagen wir mal, unkonventionellen polnischen Autoren, der auch schon als Protopunk bezeichnet wurde (ein Punk, bevor es Punk gab), weil er in fundamentalem Widerspruch zu vielen der gängigen Strömungen seiner Zeit stand. Hania Rani sieht nicht gerade punkig aus, aber sie sagt „in meinem Kopf bin ich gerne ein Punk“, als ich sie danach frage. „Was ich mache, ist für mich Punk. Ich spielte früher klassische Musik. Alles was ich heute spiele, ist eine Rebellion.“

Hania Ranis zweites Album ist bereits aufgenommen, abgemischt und wird dieses Jahr erscheinen. Es wird etwas anders tönen als „Esja“ und Hania Rani riskiert, gewisse Fans zu enttäuschen, was ihr leichte Sorgen macht. Natürlich werden wieder ein paar Stücke für Solopiano dabei sein, aber der Rest ist breiter instrumentiert, aufgenommen mit einer kleinen Band. Schon in Bern hat Hania Rani überrascht, als sie sang (obwohl sie das auf ihren früheren, polnischen Aufnahmen auch schon getan hatte). Als sie auf Facebook die neue Platte ankündigte, schrieb sie dazu: „Nothing has changed. Everything has changed“. Hania Rani liebt es, rätselhaft zu erscheinen und spitzbübische Nachrichten online zu posten.

„Auf der einen Seite hat sich mein Leben seit ‚Esja‘ völlig verändert“, erklärt Hania Rani. „Ich bin nun an einem total anderen Ort und mache total andere Dinge als früher. Ich könnte mit vielen interessanten Leuten zusammenarbeiten oder Filmmusik schreiben. Auf der anderen Seite glaube ich, immer noch dieselbe Person wie vor meinem Erfolg zu sein. Ich versuche, mein Leben genau gleich weiterzuführen.“

„Dann ist Hania Rani immer noch Hanna Raniszweska?“

„Genau!“

 

GUESTLIST: Kurt Werren lebt in Bern, der Libanon ist seine zweite Heimat. Er hat hat ein Flair für fruchtbare Begegnungen und ein Näschen für spannende Frauen und Männer sowie gute Musik. Und er betreibt seit Kurzem seinen englischsprachigen Blog The Open Enso.

 

 

 

(Bild: Kurt Werren)

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