Der Sturm nach der Ruhe

Was hat eine Seite A und eine Seite B? Läuft meistens 60 oder 90 Minuten? Kann mit einem Bleistift repariert werden? Und wenn nicht, reisst mit dem elenden, dünnen, verzworgelten braunen Band auch gleich der letzte Nerv!? An alle Rockette-Fans, die zu den Digital Natives gehören: Die Rede ist von der Compact Cassette (CC). Dem kleinen, analogen Tonträger, der so oft zur persönlichen Botschaft für die beste Freundin oder den Schwarm wurde, Mix-Tapes wurden zusammengeschustert, Rec and Play drücken, Volume auf, bis die Nadeln des (Marantz-)Verstärkers so weit in den roten Bereich fahren, dass ein kleines Licht aufleuchtet, (“too loud”), egal, die Hitparade will festgehalten werden, wir befinden uns irgendwo in den Siebzigern oder Achtzigern.

Dann wurde es ruhig um die CC. Es kam die CD. Dann MP3. Alles wurde kleiner und kompakter, nur noch HC-CC-Freaks fanden das Tape cool. Heute sind diese Analogfans wieder voll bei den Leuten, sie geben den Ton an. Die CC ist die neue LP! Bald wird wohl in jedem Hipsterhaushalt das Kassettengerät direkt neben dem Plattenspieler stehen. Einer, der diese Retrobewegung begeistert feiert, ist Steve Stepp, Inhaber der National Audio Company in Springfield, Missouri. “The audiocassette isn’t done!”, verkündet Stepp, der auch in der grössten Krise immer an das Cassette-Comeback geglaubt hat.

Schon wieder ein Quiz: Wann verkaufte Stepp am meisten Kassetten?

a) 1980

b) 1989

c) 2015

Antwort c) ist richtig. Noch nie hat die National Audio Company so viele Kassetten produziert und verkauft wie 2015. Millionen waren es, und bis heute liefert Stepp wöchentlich mehrere tausend Stück aus. Seine Firma existiert seit 1969 und ist heute angeblich die weltweit einzige Bude, die noch Audio-Tapes herstellt.

“We’re into analog. We like touching things. We like feeling. We’re sensitive. And take things to heart. It’s the binary code. So much is lost in translation, frequencies and things, it’s hard to describe in nature what it is. The computer can only pick up ones and zeros. Things get lost.”

Dinge gehen in der Zeit verloren. Fallen zwischen den Jahren herunter und bleiben verschollen. Manchmal aber sind sie bloss irgendwo steckengeblieben – und irgendjemand holt sie wieder an die Oberfläche. Eine Nostalgiewelle schwemmt die alten Teile an den Strand einer neuen Welt, deren Bewohner begeistert applaudieren. Freaks retten ein bisschen unseren kranken Planeten, finde ich. Denn der besteht in der Tat aus mehr als den Zahlen 0 und 1.

 

 

 

(Bild: Facebook)

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