DIE Vorband

Kamikaze

Der Auftritt einer Vorband kann ein Sprungbrett sein. Eine Ehre, eine einmalige Chance. Kamikaze hatten ihr Konzert im Fri-Son vom letzten Freitag denn auch euphorisch angekündigt: “We will support Tricky!!”, ist ja auch eine grosse Sache, den britischen Trip-Hop-Altmeister kennt man schliesslich.

Kamikaze sollte man auch kennen. Die Schweizer Jungs um Fabio Pinto pendeln zwischen Lausanne und Berlin, machen Future Pop und haben jüngst ihre neue EP “Velvet Ghetto” rausgebracht. Aber man sollte noch mehr wissen: Dieser Sound ist grossartig! Und das Publikum im Fri-Son war 1,5 Stunden vor Tricky viel zu klein! Kamikaze haben mehr verdient als an einem Freitagabend als Vorband für einen bescheidenen Haufen Menschen zu spielen, die zwar sichtlich Freude an der Musik zeigen, aber doch irgendwo zwischen Arbeitswoche und Wochenende steckengeblieben sind.

Der Raum war also halb leer, doch vermochten Kamikaze ihn mit ihren sphärischen, elektrisierenden Klängen zu füllen, den Raum und mich, von oben bis unten, ich war hin und weg. Die Kombination aus New-Wave-Synthiesound, Bass und der betörenden Stimme liess mich fühlen als wäre ich jemand anderes irgendwo anders. Mit seinem hochpräzisen Drumspiel und den Solos erinnerte Alexandre Maurer immer wieder daran, dass die Musiker ihre Wurzeln im Jazz haben.

Vor zwei Jahren schon prophezeite die internationale Musikpresse den Multiinstrumentalisten Höhenflüge. “We predict big things”, schrieb electronic beats, “luxurious and rich”, lobte the independent, und auch in der Schweiz siedelte man Kamikaze als grosse Nachwuchshoffnung in der “Elektro-Heimcomputer-Szene” an.

Von wegen Todesflug Kamikaze. Senkrechtstarter sollen sie sein, hoffentlich konnte ihnen die Bühne im Fri-Son doch auch als Rampe für einen weiteren Anlauf dienen – das war ja schon bei anderen so. Ein Vergleich: Depeche Mode waren mal Vorband von Fad Gadget. Als der Erfolg des avantgardistischen Londoners in den frühen 90ern abklang, machte er Pause, feierte 2001 sein Comeback und – begleitete Depeche Mode als Vorband auf deren Tour.

Ich wünsche Kamikaze Ähnliches. Jedenfalls war ihre Zeit auf der Bühne in fantastique Fribourg viel zu rasch um. Als sich rund um mich alles für Tricky in Position brachte, dachte ich: Ich will mehr von alledem, von den düsteren Hymnen, den schönen Gestalten, mehr von diesem Ort, an den sie mich mitgenommen haben. “I fell in love with it immediately”, schrieb das Gumball Mag über Kamikaze. Me too! Merci beaucoup, c’était grand. unique. magnifique.

(Bilder: Enrique Muñoz García)

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