Backflash im Background

Vor einiger Zeit war ich im grossen Coop beim Bieler Bahnhof, um für ein Sommerfest einzukaufen, es gab ein freudiges Familienereignis zu feiern. Ich plante, spielte im Kopf durch, was ich alles auftischen wollte, befand mich also zu 100% in der Zukunft. Als Bäähm! zwischen Bier und Chips und vielen Menschen ein Song aus den Lautsprechern tönte, der mich um Jahrzehnte zurückwarf.

Ich blieb stehen und lauschte zu Ende, erinnerte mich an das Lied, ohne zu wissen, wer da singt. Irgendwas zwischen 1980 und 1990, vielleicht Carly Simon oder Fleetwood Mac oder Suzanne Vega, denke ich, Herzschmerz auf jeden Fall, genau mein Beuteschema. Zurück zu Hause gings ans Googeln, Interpreten, Lyricsfragmente, “Coop Supermarktmusik”, alles versucht, erfolglos, frustriert räumte ich die Einkäufe in die Schränke. Später summte ich die Melodie meinem Freund vor. Nein. Erst Wochen später, auf einem Spaziergang durchs centovallische Dörfli Rasa, kam der Moment: Joey! Honey! Angry! Joey I’m not angry anymore!! Nochmals Google. CONCRETE BLONDE, eine US-Rockband öppe so alt wie ich, nie zuvor hatte ich den Namen gehört.

 

 

  • Singer-Songwriterin und Bassistin Johnette Napolitano und Gitarrist James Mankey musizieren seit 1982 miteinander, zu Beginn unter dem Namen Dream 6.
  • Michael Stipe von R.E.M. schlug dem Duo den Bandnamen Concrete Blonde vor. Dieser sollte den Kontrast zwischen der etwas härteren Rockmusik und den weichen Lyrics hervorstreichen.
  • Concrete Blonde veröffentlichten 12 Alben und 15 Singles, die letzte erschien 2011, Rosalie.
  • Joey wurde 1990 veröffentlicht und im selben Jahr in der Fernsehfassung des Schimanski-Tatorts Zabou verwendet.

Mich nahm dann zum Schluss der Joey-Odyssee noch Wunder, wie Coop überhaupt dazu kommt, in den Supermärkten solche Perlen zu spielen. Ramon Gander von der Medienstelle erklärt: Ein externer Experte wählt die Musik aus. Die Playlist ist in der ganzen Schweiz dieselbe, sie wird mehrmals jährlich neu zusammengestellt. Coop achtet darauf, dass:

  • die Musik nicht polarisiert
  • bei geeigneten Promotionen zu Themen wie Italien oder Weihnachten der Sound thematisch angepasst wird
  • die Musik nicht zu laut ist
  • die Leute die Musik kennen, also Klassiker oder Radiohits gespielt werden.

Der letzte Punkt steht wenig im Einklang mit verschiedenen Studien zur Hintergrundmusik in Supermärkten. Die besagen nämlich, dass bekannte Musik ablenkend wirken kann. Die Zuhörer würden dann ihre Aufgaben vernachlässigen und sich stattdessen auf die Musik konzentrieren. Die Musik solle im Umfeld verschwinden, ein Gefühl der Ruhe oder Energie vermitteln, ohne abzulenken. Chart-Hits würden dies aber zu stark tun und im Einzelhandel zu weniger Verkäufen und einer niedrigeren Arbeitsproduktivität führen.

Joey! Honey! Du hast mich da zwischen Bier und Chips und vielen Menschen tatsächlich für ein paar Minuten total aus dem Konzept gebracht.

(Bild: Youtube)

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