Good News aus England

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es in meiner Altersgruppe irgendjemanden gibt, dem es bei Harry Styles‘ Balladen dermassen von innen her gegen den Brustkasten drückt, dass die Tränen hochsteigen. Ausser mir, mein ich.

In Deutschland seien die Musikjournalisten kürzlich zu einem geheimen Hearing von Harry Styles‘ neuem Album „Fine Line“ eingeladen worden, habe ich diese Woche erfahren. Und gekocht – also vor Enttäuschung, essen konnte ich ja sowieso nichts mehr. Ich habe mich seit Monaten dermassen gefreut, und ich hätte die Erste sein wollen, die die neuen Songs hört. Nun, seit heute sind sie für alle zugänglich, und ich sags euch, ich schwelle innerlich schon wieder an.

Falling“ ist auf diesem Album so etwas wie „Signs of the Times“ auf „Harry Styles“ (2017). Eine grandiose Pop-Schmachte, zu der man irgendwo in der Weltgeschichte stehen bleiben, ins Leere starren und alle vergangenen Liebesenttäuschungen kumuliert hochkommen lassen kann. Das Perverse an diesen Momenten: Man geniesst dieses Schmerzgefühl so sehr – und tut sich gleichzeitig wahnsinnig leid dafür. Ich liebs.

Und ich amüsiere mich, wenn diese Tage überall steht, Harry Styles habe sich mit „Fine Line“ endgültig von seiner Boygroup-Vergangenheit gelöst. Als müsste er das. Harry Styles ist jetzt einfach nicht mehr dreijährig und seit einer Weile als Solokünstler unterwegs. Aber seine Balladen beispielsweise, die sind nun wirklich immer noch haargenau gleich triefend wie damals bei One Direction. Und deshalb sooo schön.

Kantiger und somit massiv weniger chartskonform („reifer“ würde in den Zeitungen stehen) ist dagegen der Rest. Ist es okay, wenn ich mir dazu jetzt keine Floskeln aus den Fingern sauge? Hört doch mal in „Sunflower, Vol. 6″ oder “ To Be So Lonely“ rein, schaut euch die Länge von „She“ an (sechs Minuten) oder diesen easy Clip hier –  ich geh derweil in der Tiefgarage meinen platten Reifen wechseln.

Was wir vor lauter Good News aus England bitte nicht vergessen sollten: Fuck Boris!!!! Und zwar in der Manier von Stormzy. Der britische Rapper, der mich mit seiner stichsicheren Weste am diesjährigen Glastonbury aus der Ferne zu Tränen gerührt hat, veröffentlichte heute seine neue Platte „Heavy Is the Head“. Eine Wucht, wenn man den düster-dunklen Grime so sehr liebt wie ich. Aber auch gerne mal ein paar lichte Momente zulässt.

Hässig sein für eine gute Sache, das ist Stormzy. Es hat allerdings eine Weile gedauert, bis ich seine unglaubliche Liebenswürdigkeit (er sei einer der nettesten Interviewpartner, las ich kürzlich), seinen tiefen Gottesglauben, über den er mir in seiner Biografie (man kann sie bei Bookette per Mail bestellen!) leider einmal zu oft geschrieben hat, und diese wütende Sprache, mit der er sich gegen das System auflehnt, zusammenbrachte. Ich wusste manchmal nicht, ist der nun cool oder eine Kommerz-Douche? Ab heute ist mir die Frage relativ scheissegal: Fuck the government, fuck Boris – ja, den hab ich von Stormzy.

 

HARRY STYLES: „Fine Line“, out (Columbia)

STORMZY: „Heavy Is the Head“, out (Atlantic Records UK)
STORMZY LIVE: 05.03.2020, X-TRA Zürich

(Bild: Rockette)

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