“I lehn mi jetz nid an, an Hansi Hinterseer”

Wenn sich das A-HA-Konzert  vor wenigen Wochen im Hallenstadion gelohnt hat, dann wegen Max von Milland. Und ich meine jetzt nicht, weil er und seine Band sich nach dem Auftritt zufälligerweise ausgerechnet neben mich gesetzt haben und ich den Sänger sogleich um ein baldiges Telefoninterview und ein Fan-Selfie bitten konnte. Nein, ich meine, weil der Auftritt so wahnsinnig schön war. Weil mich dieser riesengrosse, bodenständige Musiker, seine hinter einer Bergkulisse spielende Keyboarderin (“die Wendy”) und sein Schlagzeuger mit sowas für mich Neuartigem wie Südtiroler Mundart-Pop total vom Hocker bliesen. So simpel, so bescheiden, so wuchtig!

Und ja, inzwischen hab ich Max von Milland eben anrufen dürfen.

Hallo?

Hallo, hier ist Miriam.

Hi Miriam, grüss dich, alles klar?

Ja, alles klar, bei dir auch?

Alles fein, alles fein. Du bist ja pünktlich wie ein Schweizer Uhrwerk.

Ja ich habs grad gesehen, ich bin ein wandelndes Klischee. Ist es richtig, dass dies dein erstes Schweizer Interview ist?

Ja, ich glaube, das ist so. Es war ja auch unser erstes Schweizer Konzert, im Hallenstadion. Das wird mir ewig in Erinnerung bleiben.

Wärs für dich okay, Dialekt zu sprechen?

Logisch, kan Problem.

…mit dem Risiko, dass ich nicht alles verstehe.

I versuech a bissl a abgschwechte Version.

Da kommt mir gerade in den Sinn, ich habe nach dem Konzert in Zürich am Bahnhof einen Verwandten von dir kennengelernt.

Den Dennis? Ah lustig, ja, das ist mein Cousin mütterlicherseits, der wohnt in Zürich. Der hat a Musik im Blut, der ist Jazz-Schlagzeuger. Mir machen immer Witze gegenseitig, diesen Spruch halt: A Jazzmusiker spielt 3000 Akkorde vor zehn Leit, a Rockmusiker, der spielt drei Akorde vor 1000 Leit.

Warum bist du eigentlich nicht längst in die Schweiz gekommen mit deiner Musik? Mundart ist ja hier ganz gross.

Es hat sich eifach nid ergebn. I kanns dir nid genau sogn.

In allen Interviews, die ich von dir gelesen habe, wirst du gefragt, ob du nicht lieber Hochdeutsch singen möchtest. Nervt das nicht extrem?

Nerven isch jetz übertrieben, weil i kann ja nachvollziehen, warum die Frage kimmt. I grenz die Zielgruppe natürlich ein. Und es isch nid so, dass ich kategorisch ablehn, irgendwann mal ein deitsches Lied zu singen. Aber i fühl mi halt nid wohl. Und i sog net, ah, des hat jetzt grad nid funktioniert bei die Leit, deshalb sing i jetz hochdeitsch, das bi ned ig, das isch ned das, was i mog. Aber wenns vom Herzen heraus kimmt und wenns natürlich wirkt, dann isch alles okay.

Ist es nicht vor allem auch marketingtechnisch schwierig, ein Musiker aus Südtirol zu sein, der nicht Schlagersänger ist?

Jaa, jaa, das ist des grösste Problem an der ganzen Gschicht. Im Südtirol, da sind die Kastelruther Spatzen, dann ist das Tirol mit dem Hansi Hinterseer – es gibt zuwenig andere. I mues so viel Überzeugungsarbeit leistn. Wenn i irgendwo bin und sog, i bin der Max von Milland und i mach Tiroler Mundartmusik, dann denkt jeder gleich, i steh mit Lederhosn auf der Bühne. Das ist es, wogegen i am meisten kempf.

Welchen Bezug hast du denn zur volkstümlichen Musik?

Also wenn i daham bin, und da spielt a Bend, dann spieln die natürlich Schloger oder Polka. Damit sind wir alle aufgewachsen. Das ist drin bei mir im Herz, aber i lehn mi jetzt nid an, an Hansi Hinterseer, weni meine Musik spiel.

Ein Song von dir heisst “Geh, loss dir nix sogn”. Es gibt zwei Schweizer Musiker, die haben Songs zum gleichen Thema gemacht, Bligg (“Lah si redä”)  und Gölä (“La se la redä”). Das scheint in der Männermusikwelt ein wichtiges Thema zu sein.

Das Bild, der Max von Milland, der Südtirolerdialekt singt und schreibt, der im Hallenstadion Zürich, im Olympiastadion München und in Stuttgart in der Schleyerhalle vor A-HA auf der Bühne steht – da mussti mi am Abend schon mal kurz kneifen und sogn, wo bist du eigentlich ankemen? Das sind so e bissl die Sachn, die i bis jetz gelernt hab, dass eben nix unmeglich ist. Wenns für di passt, musst du di davon lösen, was andre sagen. Du musst ja niemandem Rechenschaft ablegen ausser dir selber. Di Sachn, die du net gemacht hasch bereusch du viel mehr als die, die du falsch gmacht hasch.

Du wirkst aber, als würde es dir ziemlich leicht fallen, so zu sein wie du bist.

I ha schon a Downs. Wasch es isch so wi wenn man Arbeit suecht und du kriegsch ersch mal fünf Absagen reingedruckt, dann tut das schon weah auf Dauer. Du bringsch a Platte raus und es lehnt oan Radio nach dem andern ab, das sind so Rückschlege wo du denksch, nah, wiso, jetz hab i doch gedenkt, do liegen si mir alle zu Füessen. Andererseits isch es das Hauptproblem unserer Gesellschaft, dass alles in null komma nichts mit Superlativen beschrieben wird. Dann muesch du di jedes mal selber übertreffen, mit jedem Song, um des aufrecht zu erhalten. Und do bini ehrlich gsagt ganz froh und entsprechend selbstbewusst: Di grossen Karrieren haben langsam angfangen, bei Herbert Grönemeyer haben vier Alben gfloppt, bei S.T.S. haben fünf Alben gfloppt, die habens einmal aus dem Label auseghaut … im Musikbusiness geben sie dir nicht mehr die Zeit, dich zu entwickeln. Entweder du hasch en Hit und dann bisch in der Maschinerie drin, volle Kanne. Aber so schnell wi du obn bisch, bisch wider untn.I glaube, Künschtler brauchen ihre Zeit, sich zu entwickln.

Was wäre eigentlich aus dir geworden, wenn du in Südtirol geblieben und nicht erst nach Berlin und dann nach München gezogen wärst?

Ehrlich gsagt, vielleicht wär i so a ganz normaler Bartingler geworden. Na, i kanns der nett sogn.

 

Ich hab leider total vergessen, meinen Lieblingssatz von Max von Milland, er sagte ihn nach seinem Konzert, ins Gespräch einzubauen. Ich hol das jetzt nach, den irgendwie passts: Danke fürs Zuhoachn!

MAX VON MILLAND: “BIS DIR OLLS WIEDER GFOLLT”, Out (0472 Records)

(Bilder: Rockette und Presse)

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