Keine Hypocrisy-Shirts am Lindemann-Konzert

Es soll ja Leute geben, die das T-Shirt einer Band immer dann anziehen, wenn sie an ein Konzert ebendieser gehen – damit jeder weiss, was für Sibäsiächä und grösste Fans sie sind. Dass bei der Band Lindemann nebst Till Lindemann auch der Hypocrisy-Sänger Peter Tägtgren dabei ist, interessiert aber anscheinend niemanden. Am Lindemann-Konzert in der Samsung Hall waren nämlich Hunderte Rammstein-Shirts zu sehen, doch kein einziges von Hypocrisy. Der arme Peter.

Blue Man Group.

Lindemann (die Band) polarisieren. Die Headlines in Klatschblättern überbieten sich bei jeder Musikvideoveröffentlichung: „Er hat es schon wieder getan!“, „Der alte, geile Till!“, „MUSS DAS SEIN?!“. Zensierte Musikvideos, makabre Texte und ein Video, das es nur auf einer Pornoseite zu sehen gibt (natürlich gegen einen Unkostenbeitrag). Diese ganze Provoziererei ist aber nicht neu, das tun Rammstein seit über 20 Jahren, und auch dort ist Till Lindemann Aushängeschild und Treiber. Zwischen den ganzen Headlines finde ich, sollten einige Aussagen mal kommentiert werden:

  • Die Lieder und Videos drehen sich ausschliesslich um Sex. – Das war schon beim ersten Lindemann-Album so.
  • Der Till entblösst sich schon wieder. – Stichwort: „schon wieder“.
  • Das Musikvideo zu „Platz Eins“ ist nur auf einer Pornoseite unzensiert zu sehen. – Hat Rammstein schon bei „Pussy“ gemacht.
  • Der Till ist schon über 50 Jahre alt! Muss das noch sein? – Gibt es ein Alter, in dem man das nicht mehr darf?
  • Es reicht, warum muss der Till immer provozieren? – Wäre ja nicht lustig, wenn er plötzlich damit aufhören würde.
  • Während des Lindemann-Konzerts gab es explizite Inhalte und praktisch nur nackte Frauen auf dem Bildschirm. – Ja, das muss nicht unbedingt sein. Aber: SO WHAT?
  • Der Till hat mit Fischen um sich geworfen!!!!!  – Ja okay, einen Fisch möchte ich echt auch nicht im Gesicht. Das Lied dazu heisst jedoch „Fish On“ … Doch Plastikfische wären auch okay gewesen.

Viel Trala also. Doch die einzig entscheidende Frage stellt sich niemand: Hätte der Till das ganze Projekt Lindemann nicht auch mit Rammstein machen können? Die Ähnlichkeiten sind nicht übersehbar: Kritische und anzügliche Texte, schwere Riffs und das zweite Lindemann-Album „F & M“ hat deutsche Liedtexte (das erste Album „Skills in Pills“ ist in Englisch). Und der Peter wird ja sowieso ausgeblendet, also wäre er kein wirkliches Hindernis, die Songs mit Rammstein aufzunehmen. Lediglich der Sex ist bei Lindemann (der Band) mehr präsent, vor allem live. Aber wir haben doch schon alle nackte Füdlis und Co. gesehen, sollte also nichts Neues sein. Und obwohl man wusste, dass es am Lindemann-Konzert viel nackte Haut geben wird, waren die meisten Leute letzte Woche in der Samsung Hall doch irgendwie überrascht. Dass das Musikvideo zu „Platz Eins“ nach dem Konzert auf Grossbildschirm übertragen wurde, ist doch eigentlich ganz nett: Man muss nicht extra dafür zahlen, dafür sollte man Lindemann danke sagen. Aber es sind halt eben alle lieber wieder mal empört.

Trouble in a bubble.

Dass Peter und Till während des Konzerts in einer grossen Kugel durch die Menge fuhren und so noch mehr Nähe zum Publikum schufen, vergessen leider viele. Dass der Sound gut abgemischt war, ebenfalls. Dass der Till selbst von einem Fisch getroffen wurde (jemand aus der Menge hat ihn zurückgeworfen), davon spricht man auch nicht. Beim Song „Allesfresser“ wurden Kuchen umhergeschmissen und die vorderste Reihe bei „Blut“ mit Wasser bespritzt (ob mit rotem Licht beschienen, tatsächlich eingefärbt und ob das überhaupt Blut war, ist unbekannt). Es war echt ein gutes Konzert, das überschattet wird von der Engstirnigkeit einzelner. Denn hey: Wenn es so stört, dass eine nackte Frau auf dem Bildschirm gezeigt wird, warum bleibt man denn noch stehen und schaut weiter zu?

Dass der Till so getrieben ist von seiner Libido, das ist ja nett und interessant. Und dass der Till das auch gredi use zu formulieren wagt in Zeiten von MeToo, ist löblich. Aber seine Sexereien sind eben auch gerade wegen MeToo eine reine Provokation. Und von reinen Provokationen lassen wir uns schon lange nicht mehr beunruhigen…

Seis drum. Kleine Geschichte am Rande: Vor mir stand ein Typ, der hatte einen kleinen Feldstecher dabei. Ich fand das eine so geile und doch so simple Idee, dass ich ihn fragte, ob ich auch mal gucken darf. Da hat er mir den Feldstecher in die Hand gedrückt. Und während des ganzen Konzerts immer mal wieder gefragt, ob ich nochmals durchschauen will. Total nett, der Typ. Netter als der Jens.


GUESTLIST: Aline Hug, Nidwaldnerin in Bern, geht stets all in – das passt zum Namen wie ein Stempel auf die Stirn. Die Helden: Lemmy Kilmister, Jimi Hendrix, Jim Morrison. Mag: Konzerte, CDs, unangebrachten Humor, viel Metal. Und viel Nicht-Metal. Und so.

 

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