Liebe auf den zweiten Blick

Das gibt es ja. Dass der Typ von nebenan erst auf den zweiten oder zwanzigsten Blick gefällt. Essen erst schmeckt, wenn man nicht mehr Kind ist. Mal ehrlich: Wer mochte als 5-Jähriger Oliven?! Eben. Geschmäcker ändern sich. Und plötzlich erhalten der Nachbar, die Olive oder ein alter Song eine zweite Chance. Dieses Glück verbindet auch Bands wie U2, Kraftwerk und Benny Mardones. Mit der alten Masche hatten die Musiker plötzlich nochmals unerwartet Schriss! Und das ging so:

Bennys Sturzflug. Benny Mardones kennt niemand. Eigentlich schade. Immerhin würde es der Ami in der Kategorie “Worst video clips ever” mühelos aufs Podest schaffen (Gucken! Unten! Gucken, bitte!). Einer in den Dreissigern, der aussieht wie Siegfried (oder Roy? Ich verwechsle die immer!) von Siegfried und Roy, der seinen Teppich im Wohnzimmer ausrollt und mit seinem “only 16 years old”-Teenieschwarm durchs offene Fenster in die Nacht hinaussegelt. Echt jetzt. Doch Mardones gebrochenes Herz hat die Welt berührt, mit seinem Schrei “Into The Night” flog der Mann 1980 senkrecht in die Charts, stürzte daraufhin ab und landete unsanft in der Kokain- und Alkoholhölle.

Doch sollte es dem One-Hit-Wonder mit seinem fliegenden Teppich neun Jahre später erneut vergönnt sein, abzuheben: 1989 wühlten sich die Moderatoren von KZZP, einem Radio in Arizona, in ihrer Sendung “Where are they now?” durch die musikalischen Schatzkisten und fanden ganz am Boden den Benny. Sie fragten sich: “What happened to the guy who sang into to night?” Scott Shannon vom Pirate Radio in Los Angeles fügte den alten Hit daraufhin wieder in seine Playlist – Radiostationen aus aller Welt taten es ihm gleich, into the night hatte es zum zweiten Mal in die Top 20 der Billboard Hot 100-Charts geschafft. Mardones stand übrigens bis vor kurzem noch auf der Bühne. Seinen fliegenden Teppich unfallfrei durch die Gegend zu steuern, damit hätte er wohl Mühe – leidet er doch an Parkinson.

 

https://www.youtube.com/watch?v=4aWhn0Hc8ps

 

Kraftwerks Kraftakt. Apropos Fliegen: Ich habe Kraftwerk 2013 live in Montreux gesehen, 3D, grossartiges Kino, eindrücklich, ich konnte nicht genug kriegen von den fliegenden Pillen und animierten Atomkraftwerken und den futuristischen Warnhymnen der Computermänner, die in hautengen Ganzkörperanzügen quasi regungslos hinter ihren Maschinen standen und die Masse bewegten. Früher fand ich Kraftwerk übrigens ziemlich langweilig, ich habe ihre Sprache noch nicht verstanden, nicht begriffen, wie weit die vier Düsseldorfer um Master Mind Ralf Hütter der Zeit voraus sind. Anyway, Kraftwerk lösten Anfang der 80er-Jahre verdienterweise eine musikalische Revolution aus, wichtige Komponente hierbei war “Das Model” (“… ich nehm’ sie heut gerne mit zu mir nach Haus…”).

Das Stück erschien erstmals 1978 auf dem Album “Die Mensch-Maschine”. Erst drei Jahre später jedoch sollte diese Liebeserklärung an ein Model Erfolg haben, und auch die englische Musikwelt begreifen, was die avantgardistischen Deutschen für Kunst geschaffen hatten. 1981 veröffentlichte EMI die englische Version von “Computerliebe” (“Computer Love”) als Single, auf der B-Seite befand sich die englische Version “The Model”. Im Zuge der New-Romantic-Bewegung spielten englische DJs The Model aber viel öfter als die eigentlich aktuellere A-Seite. Also veröffentlichte EMI das Stück neu, 1982 erreichte es den ersten Platz in den britischen Single-Charts und in Deutschland Platz 7. Der Song war Grundlage für die Synthie-Pop- und New-Wave-Szene und Inspiration für Bands wie Human League, Depeche Mode und OMD (“you have shown us the future!”). Bis heute ist “The Model” Kraftwerks erfolgreichste Single – was auch 2013 in Montreux nicht zu überhören war, das Volk flippte komplett aus.

 

 

Und was Süsses zum Schluss. Ich finde U2 ein bisschen überbewertet. OK: “Sunday Bloody Sunday” war stark und “One” wie auch “With Or Without You” tatsächlich zum Heulen. Die Songs hatten ja auch auf Anhieb immensen Erfolg ­– im Gegensatz zu dem hier: “Sweetest Thing” benötigte einen zweiten Anlauf. 1987 offiziell als B-Seite der Single “Where The Streets Have No Name” veröffentlicht, drang Bonos Entschuldigung an seine Frau Ali (weil er an ihrem Geburtstag im Studio arbeiten musste) erst 11 Jahre später in den kollektiven Gehörgang.

1998 nahmen die Iren den Song im Rahmen ihres Best-of-Albums erneut auf und vermarkteten die Single mit einem eigens kreierten Schoggiriegel (dieser kreative Chocolate-Bar-Wurf ist heute ein Sammlerstück). Die Anstrengung hat sich gelohnt: “Sweetest Thing” landete in Kanada und Irland auf Platz 1, in England auf Platz 3 und in den Billboard Hot 100 immerhin auf Nr. 63.

 

 

 

(Bild: Youtube)

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