Liedtexte für Drauskommer

Peter Licht kennt ihr alle. Sein grösster Hit ist auch nach 15 Jahren noch auf hoher Rotation bei SRF3, zusammen mit allen möglichen uralten Nervtötern. Kennt ihr, gell:

Aber der Mann ist eigentlich überhaupt kein One-Hit-Wonder. Sondern ein Künstler, dessen Gesamtwerk so überhaupt nicht zu SRF3 passt. Im Gegenteil.

Meide,
Meide die Popkultur,
Dann gehts dir besser.

Nach den “Vierzehn Liedern” (mit besagtem “Sonnendeck” drauf) hat er fünf weitere Alben herausgegeben, er hat am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb gelesen und dabei sein Gesicht nicht gezeigt, und er hat zu seinem gecrowdfundeten (oh, super Wort) Album “Lob der Realität” (2014) einen Prosaband herausgegeben, eine Sammlung von Gedichten und Zeichnungen und allerlei Kunstzeug.

Morgen singt er in der Dampfzentrale in Bern, und man möge nicht kichern am Konzert, hat Benedikt Sartorius in seinem schönen Newsletter geschrieben und auf diesen Artikel aus der “Süddeutschen” verwiesen, aber da ihr den ja eh nicht lesen geht, zitiere ich daraus:

“Was stört an dem Kichern? Es ist das verdammte Kultur-Kichern der Netzavantgardisten, der geduschten Samstagabendpärchen und Spinatquiche-Famos-Finder. Einer nicht unsympathischen, in der Masse aber anstrengenden Schicht, die nur in Städten mit Hochschulen vorkommt. Da aber häufig.”

Oh. Ich hab so Freude an dieser schönen, bösen Textpassage. Das “verdammte Kultur-Kichern” ist ja das Pendant zum frühzeitigen Jubeln am Rockkonzert, sobald die Band auch nur einen Akkord anspielt. Es will sagen: “Ich kenn das Lied im Fall! Ich komme draus!” Und so Drauskommer hats sicher auch morgen in der Dampfzentrale viele.

Macht nichts. Ich würd dennoch hin. Es blüht dem Publikum viel Schlauheit. z.B. hat er allerlei schon 2001 vorweggenommen. Damals, als noch niemand selber imkerte oder Urban Gardening betrieb, alle schön unkritisch dem Kapitalismus huldigten und auch noch nicht alles immer ironisch meinten.

Wir sind jung und wir machen uns
Sorgen über unsere Chancen
auf dem Arbeitsmarkt und
unser berufliches Fortkommen

Wir sind jung und wir machen
uns Sorgen denn später
wollen wir uns ja auch einmal
etwas leisten können
momentan da geht’s ja noch
weil unsere Ansprüche
noch niedrig sind
aber später wollen wir uns
ja auch mal was gönnen können
denn wir wissen wenn man sich
erst einmal an einen
Lebensstandard gewöhnt hat
dann ist es schwierig
später wieder mit
weniger auszukommen

Und wenn jemand kommt
und unsere Situation verschlechter
dann finden wir das nicht gut
und machen uns dann wieder
Sorgen über unsere Chancen
auf dem Arbeitsmarkt
das ist alles so ungerecht
denn wir haben immer
unsere Hausaufgaben gemacht
und alle Vorraussetzungen erfüllt
uns sogar spezialisiert
das finden wir nicht gut
denn es ist wichtig sich auch mal
was leisten zu können
damit der Alltag der grau ist dadurch
ein bisschen abwechslungsreicher
gestaltet werden kann
damit wir auch mal die Seele
baumeln lassen können
wenn das gefährdet ist
dann finden wir das nicht gut
und sind enttäuscht

Wir sind jung und wir machen uns
Sorgen über unsere Chancen
auf dem Arbeitsmarkt

(“Wir sind jung und machen uns Sorgen über unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt”, 2001)

Nun. Es ist wichtig, auch mal einen ganzen, langen Liedtext zu bringen in einem Blog. Und sich auch einmal ein schlaues Konzert zu leisten.

lob der realitaet

PETER LICHT: LOB DER REALITÄT (2014, Staatsakt).
Live: Morgen Freitag, 18. März, Dampfzentrale, Bern.

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