Live at X, heute: Rote Fabrik, Zürich

Die Coronakrise hat auch die Betreiber*innen von Konzertlokalen hart getroffen. Seit dem 13. März und auf nicht absehbare Zeit können keine Konzerte veranstaltet werden, auf jeden Fall keine mit Publikum im Saal. Wie geht es den Lokalen, wie gehen sie mit der Krise um? Unser Gastautor Kurt Werren hat herumgefragt. Teil 10: Rote Fabrik, Zürich. Die Antworten kommen von Kyros Kikos (Co-Leitung Konzeptbüro) und Evelyn Curnis (Co-Leitung Musikbüro).

Wer ist die Rote Fabrik? Wofür steht ihr? Welche Musik programmiert ihr?

Das Kulturzentrum Rote Fabrik befindet sich auf dem Areal einer ehemaligen Seidenweberei, die 1892 erbaut wurde. Rund ein Dutzend verschiedener Gruppierungen, Vereine und Organisationen sind auf dem Gelände ansässig, wobei die IG Rote Fabrik, die als Verein die Vermittlung und Förderung von zeitgenössischer und kritischer Kultur bezweckt, die grösste Einzelorganisation darstellt. Als im Mai 1980 im Rahmen der Jugendunruhen endlich Freiräume für die „Kulturleichen der Stadt“ gefordert wurden, erschallte auch der Ruf, „Leben in die Tote Fabrik“ zu bringen. Diese war seit 1977 durch das Ergebnis einer Volksabstimmung als Kulturzentrum vorgesehen, zwischenzeitlich war aber nichts passiert. Ein knappes halbes Jahr und unzählige Demonstrationen später, wurde die Rote Fabrik für sieben provisorische Betriebsjahre geöffnet, bis im Dezember 1987 die Zürcher Stimmberechtigten der definitiven Nutzung als alternatives Kulturzentrum zustimmten.
Seitdem organisiert die IG Rote Fabrik als Mehrspartenhaus ein Programm für Lust, Kopf und Bauch aus den Bereichen Musik, Film, Theater, Medien-, Performance- und bildender Kunst und fördert Debatten zu gesellschafts- und kulturpolitischen Themen. Das Musikbüro ist für einen Grossteil der Konzerte auf dem Gelände verantwortlich. Die aktuellen Schwerpunkte sind: Hip Hop, Reggae, Rock, Lo-Fi, & Folk. Das Konzeptbüro widmet sich primär thematischen Schwerpunkten, die mittels Kunst, Unterhaltung, Wissenschaft und Debatte im Programm Einzug finden. Ausserdem macht es ein regelmässiges Programm zu Vortragskunst, Satire und Poesie.

Wie wirkt sich die Coronakrise auf die Rote Fabrik aus? Wie geht ihr damit um? 

Alle Veranstaltungen vom März bis Ende Juni wurden komplett abgesagt oder in den Herbst verschoben. Ganz traurig ist das besonders hinsichtlich der geplanten Sommerveranstaltungen. Die Open-Air-Konzerte werden nicht stattfinden können, die Lethargy ist abgesagt und das Gastieren des Theaterspektakels auf unserem Gelände fällt wohl auch flach. Zum Glück konnte zwischenzeitlich die Geländebeiz „Ziegel oh Lac“ mit Einschränkungen öffnen, so dass das Leben wieder aufs Gelände zurückgekehrt ist.

Wie plant die Rote Fabrik den Neustart? 

Wir hoffen natürlich, dass wir die geplanten Veranstaltungen ab September über die Bühne bringen können. Evtl. unter Auflagen, aber zumindest müssten wir sie nicht absagen. Was den Sommer über passiert, müssen wir abwarten. Wir sind optimistisch, dass zumindest unser Freiluftkino „Film am See“ stattfinden kann, mit entsprechendem Sicherheitskonzept natürlich. Ob wir ein improvisiertes Ersatzprogramm für die abgesagten Konzerte und Festivals auf die Beine stellen werden, müssen wir in den nächsten Tagen klären. Wir müssen erst ein Bild machen, was die Umsetzung der geforderten Sicherheitskonzepte technisch und logistisch bedeutet, um dann zu sehen, welche Veranstaltungsarten unter diesen Bedingungen überhaupt sinnvoll funktionieren.

Wie kann man die Rote Fabrik unterstützen, aktuell und überhaupt? 

Da der Verein IG Rote Fabrik von der Stadt Zürich subventioniert wird, hängt zum Glück kein Damoklesschwert des finanziellen Ruins über unseren Köpfen. Falls kulturinteressierte Menschen in dieser Lage spenden möchten, ist es sicher sinnvoller, die fragilen Nischen der Kultur zu unterstützen. Wir denken dabei an kleine Kulturvereine, Rockbeizen, Kunstgruppen, etc., die nicht öffentlich gefördert sind und darum ständig ums Überleben kämpfen.
Auf dem Areal der Roten Fabrik könnte sicher der „Ziegel oh Lac Unterstützung gebrauchen. Als wirtschaftlich eigenständige, nicht subventionierte Genossenschaft litt er, wie alle Beizen, extrem unter der Schliessung. Und der Support wäre ganz einfach und dabei auch lustvoll: Kommt einfach in die Fabrik raus, trinkt und esst was Feines. Bei uns am See zu sitzen, ist auch unabhängig von Veranstaltungen eine wunderbare Sache und die lustigen Genossinnen des Ziegel oh Lac bieten auch unter eingeschränkten Möglichkeiten eine leckere Küche, Getränke und eine prima Aussicht auf den See an.  

Gibt es Musik „live in der Roten Fabrik“, die ihr gerne vorstellen möchtet, als Verantwortliche der Roten Fabrik, aber auch als Fans?

Nehmen wir doch Patrick Watson. Es war das letzte grosse Live-Konzert in der Aktionshalle, das vor der Absageflut Anfang März stattfinden konnte – und zudem war es grandios und mit Gänsehautfaktor.

Patrick Watson ist eine Art Nick Cave ohne Bibel-Plugin, der mit melancholischer Stimme aus seinem Gefühlsleben berichtet. Auf der Bühne sitzt er am Klavier, tigert manchmal mit dem Mikrofon auf und ab, singt und erzählt mit seiner unverwechselbaren Stimme Geschichten. Manchmal ganz leise, dann wieder aufbrausend, führt er sein Publikum durch eine Soundlandschaft von unendlicher Schönheit. Und dann lacht er über seine eigenen Sprüche, ein Lachen, das nicht mehr aus dem Ohr geht.

GUESTLIST: Kurt Werren lebt in Bern, der Libanon ist seine zweite Heimat. Er hat hat ein Flair für fruchtbare Begegnungen und ein Näschen für spannende Frauen und Männer sowie gute Musik. Er betreibt den englischsprachigen Blog The Open Enso und mit seiner Frau May die Künstleragentur Putzi Productions. Hier gehts zu den anderen Teilen seiner Corona-Serie.

 

(Bilder: Rote Fabrik)

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