Man sieht sich immer zweimal

Ich kann mit offenen Augen durchs Leben gehen und trotzdem alles verschlafen. Und ich kann nach einem strengen Arbeitstag mit schweren Lidern und eingezogenen Antennen durch den Bahnhof Bern stolpern und dabei die skurrilste Band der Welt entdecken. Und zwar so:

„I know you!“ Ein blonder Typ mit jungenhaftem Gesicht springt mir aus dem Nichts vor die Füsse, keine Ahnung woher wir uns kennen. Oder doch, die Szenerie kommt mir irgendwie bekannt vor. Genau an dieser Stelle hat mir nämlich vor rund drei Jahren eine Band ihre CD angedreht. Die hiess aber anders als die von diesem Typen, der mir nun ebenfalls ein Album vor die Nase hält.

Unterdessen weiss ich, Illumenium nannten sich mal Defrage und ihre Platte hiess „Jackal“. Ich fand sie nicht so schön, und das Cover mit dem mondanheulenden Wolf war auch nicht ansprechend genug, um sie am Flohmi als Katze im Sack loswerden zu können. Aber immerhin, für das Video zum Song „Save Us from Religion“ gewann die Metal-Rock-Band 2009 in ihrer Heimat Estland den MTV Music Award in der Kategorie Bestes Musikvideo.

illumenium 3

Was seither karrieretechnisch passiert ist, ist mir schleierhaft. 2015 haben Illumenium mal in Worblaufen gespielt, soviel ist dem Internet zu entnehmen. Aber sonst? Gemäss einem Artikel im österreichischen Heavyzine „Stormbringer“ haben sich Defrage, Illumenium oder wie sie sich gerade zu nennen pflegen, vor allem als Randalierer, Diebe und aggressive Passanten-Schocker einen Namen gemacht. Dass sie auf Grund ihres delinquenten Verhaltens nirgends mehr willkommen sind, führte dann scheints dazu, dass die sechs Bad Boys 2012 beschlossen, nur noch zu touren. Also, ich nehm an, nur noch im Bus oder gar nicht zu schlafen. Mit Ausnahme von dieser einen Nacht in Salzburg, als sie in ihrem Hotelzimmer ein verlassenes Baby fanden.

Meine Meinung: Illumenium sollten gschider mehr live spielen (das haben sie vor, in nächster Zeit allerdings hauptsächlich in Deutschland) anstatt künstliche Skandälchen zu produzieren. Denn sie können was, das habe auch ich mittlerweile eingesehen. Das mit 18 Songs vollbepackte Album „Towards Endless 8“, auf dem der eine oder andere Titel drauf ist, den mir die Esten schon mit „Jackal“ untergejubelt haben, ist grossartig. Düster, hart und so wunderbar baltisch. Und ehrlich, bei der Tatsache, dass die Band fürs Schreien und Knurren ein Extramitglied hat, geht mir das Herz auf. (Im folgenden Video haben sie ein Extramitglied für das Wort „Cocaine“ – die sind richtigrichtig witzig!)

ILLUMENIUM: „TOWARDS ENDLESS 8“ (ILLUMENIUM), das Album ist in keinem Laden erhältlich – wer meins mieten will, bitte Kommentar hinterlassen.

(Bilder: Illumenium)

Newsletter abonnieren

Die Rockette-Woche zusammengefasst im Newsletter.
Tags:

2 thoughts

  • Tatsächlich eine nicht so schlechte Band, allerdings sollten sie den Leuten nicht weismachen, daß sie Rock spielen würden. Die Musik hat definitiv nicht das geringste mit Deep Purple zu tun, wie sie auf dem Parkplatz beim Verkaufen der CD behaupten.
    Schlicht und einfach Metal. Ein Volksmusiksänger behauptet ja auch nicht er würde Pop machen, um mehr zu verkaufen.

  • Habe diese Gruppe am Wochenende in einem tollen Hotel in Pilsen angetroffen. Ich habe für 20 Euro eine CD gekauft. Die Musik finde ich ganz gut. Auf jeden Falls sind die Leute fleissig in Europa unterwegs. Ob sie häufig spielen, wage ich zu bezweifeln. Sie kennen aber die gängigen Locations in der Schweiz wie Z7, Komplex 457, Samsung Hall. Gespielt haben sie zumindest hier noch nie. Auf jeden Fall scheint es ihnen finanziell gut zu gehen. Der Wagenpark ist ganz ansehnlich und in einem guten Zustand. Die Masche mit den CD Verkäufen scheint offensichtlich gut zu funktionieren.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.