So soll es sein

Joe Volk war der erste Musiker, den ich für Rockette interviewt habe. Mit ihm hat für mich gewissermassen ein neues Leben angefangen. Jetzt klingt es, als würde es enden – und wenn mans nicht ganz so dramatisch ausdrücken will, dann endet mit seinem neuen Album „Primitive Energetics“ meine Fähigkeit, der Musik Worte hinzuzufügen. Trotzdem ein Versuch.

Vielleicht rührt meine Hemmung daher, dass es hierbei um gefühlt viel mehr als Musik geht. Die Songs liegen gleichzeitig tiefer und höher als das Beschreibbare. Schon die Stimmung von „The Decline“ ist kaum zu definieren. Hier braut sich was zusammen, ohne jedoch richtig auszubrechen. „Pioneer of Colour“, ein Titel, als würden sich die Wolken lichten, bevor es wieder düster wird. Auf diesem Album gibt es nichts, woran man sich festhalten könnte, keine offensichtlichen Wiederholungen, die Reise geht einfach immer weiter und keiner weiss, was als nächstes kommt. Dann diese Schreie in „Into Your Movements“, so durchdringend, so verzweifelt, nachdem der Song doch so liebevoll auf einen zugeschritten war. Erst mit der letzten Nummer „Whitesheet“ setzt dann wieder so etwas wie ein Durchatmen ein – doch der Schluss: „Left. Right. Left. Right. Dead.“

Dieses Album verlangt dem Hörer viel ab. Nicht zuletzt Geduld, denn Joe Volk lässt sich Zeit und gibt seinen Empfindungen Raum, bis jeder sie nachfühlen kann. So bin ich nun irgendwie voll und irgendwie leer. Und der Moment ist gekommen, in dem ich Akkordeonist und Rockette-Telefonjoker Mario Batkovic anrufe. Er ist in diesem Fall nicht nur ein musikalischer Mitwirkender (am offensichtlichsten im Song „Pioneer of Colour“), sondern auch ein Freund Volks. Und wenn einer das Unsagbare in Worte fassen kann, dann er.

Die Musik von Joe Volk ist erst flüssig und verdampft allmählich. Dann ist sie aber nicht weg, sondern bleibt zurück – als Duft, als Wolke. (Mario Batkovic)

Inhaltlich ist „Primitive Energetics“ dagegen eine fette schwarze Linie. Ein Strich unter eine Geschichte, die enden
musste. Nachdem die Texte auf dem Vorgängeralbum „Happenings and Killings“ noch kryptisch waren – zu grossen
Teilen eine Sammlung von Worten, deren Klang Volk gefiel – sind die Lyrics auf „Primitive Energetics“ viel klarer verständlich. Es geht um Schmerz, aber auch um das Ehren des geteilten Schönen, um Wege, die sich trennen, und darum, an dieser Erfahrung zu wachsen.

Was Joe Volk vor ein paar Jahren aus einem musikalischen Umfeld in Bristol, von dem hier viele träumen, nach Bern gezogen hat, schrieb ich seinerzeit in diesem Text. Wie er hier seither als Künstler wahrgenommen wird, fragte ich Batkovic.

Seine Musik ist nicht mehr und nicht weniger als seine Persönlichkeit. Man muss ihn kennen und live erleben, um das zu verstehen. Joe ist als Künstler schwer fassbar, aber mit Sicherheit viel bedeutender, als er selber denkt. Er hat eine gesunde Bescheidenheit, kann andere mit seinen Ideen anstecken und sich um nächsten Moment total zurückziehen.

Das Schöne an diesem Album ist, dass es in der Schweiz gemacht wurde, ohne danach zu klingen. Es ist viel mutiger als man es sich hier gewohnt ist. Joe geht das Risiko ein, nicht zu gefallen. Es geht ihm nur um seine Vision, die vollbracht werden muss, egal, ob er dafür gewürdigt wird oder nicht. Er fragt sich nie, wie seine Songs auf andere wirken oder ob er damit Konzerte spielen kann – ihm geht es einzig und allein um die Musik. (Mario Batkovic)

Ich empfehle wärmstens, sich auf das musikalische Universum von Joe Volk einzulassen. Auf die früheren Alben und insbesondere auf diese schwer zugängliche Platte, die er mit seiner Band Naiare (Thys Bucher, drums, und Jürg Schmidhauser, bass) sowie weiteren Musikern wie Julian Sartorius, Jim Barr (Portishead) oder eben Mario Batkovic aufgenommen hat. Joe Volks Musik tut manchmal weh, genau so, wie sie sich im nächsten Augenblick so schützend über einen legt, dass man nie mehr von ihr weg möchte. Und sie ist, das sagt er selbst, haargenau so geworden, wie sie werden sollte.

(Okay, so schreibt man also einen Text über ein Album, für das man keine Worte findet.)

 

JOE VOLK + NAIARE: „Primitive Energetics“, erscheint am 24. April (Glitterhouse Records) / Live-Daten werden hoffentlich kommen.

(Bild: Kim Corti)

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