Warum muss man Frauen eigentlich mögen?

Neulich las ich auf Facebook folgende böse Statusmeldung:

“Auf Geheiss all meiner Schweizer Freunde hab ich mir jetzt Sophie Hunger angehört. Es tut mir Leid, aber ich kann mit dem Gewimmer und diesem ‘Töchterchen aus reichstem Hause und Spross einer ehemaligen SVP-Generalsekretärin macht jetzt auf verpeilte Künstlerin’ nichts anfangen.”

Und als ich ankündigte, dass ich etwas Kleines zu Frau Hungers neuem Video machen würde, meinte eine der Rocketten: “Ich mag sie nicht. Dieses Getue seit Jahren!”

Nun, es gab eine Zeit, in der ich das verstand. Das war damals, als Frau Hunger wirklich noch überfordert schien mit ihrer neuen Bekanntheit, ältere Hörer erinnern sich an ein desaströses DRS3-Interview 2008, in dem sie einfach furchtbar rüberkam. Diesen Ruf wird sie offenbar nicht mehr los. Ich hab sie ein paar Mal erlebt, bei einem Konzert im Dachstock, wo ihr ehemaliger Unihockeyverein im Publikum stand und johlte und sie völlig unprätentiös und herzig war. Oder einmal privat im Ausgang in Zürich, sie wirkte wie eine bescheidene, freundliche Person.

Aber eigentlich ist das auch scheissegal. Muss ein Künstler ein guter, sympathischer Mensch sein, damit seine Kunst gut ist? Was kann Frau Hunger für ihre Herkunft? Ist es nicht viel mehr eine Leistung, sich von seinem Elternhaus zu emanzipieren?

Ich finde: nein, nichts, ja.

Natürlich darf man Kunst nicht mögen, man muss gewisse Dinge vermutlich hassen, sonst kann man andere kaum lieben. Ich verstehe, dass gewisse Leute z.B. Sophie Hungers Bowie-Coverversion an den Swiss Music Awards affektiert und/oder furchtbar fanden (mir gefiel sie. Und Frau Hunger war ja eine der wenigen – oder die einzige?, die die Eier hatte, an diesem “Event” live zu singen). Item: Es ist legitim, nein, sogar super, über Musik zu streiten.

Mich irritiert vielmehr, wenn man Frauen ihre Unangepasstheit vorwirft, man sich daran stört, wenn eine mal nicht krankhaft liebenswert sein will. Würde man einem Mann sein “Getue” vorwerfen? Ich fürchte nicht. Warum muss man Frauen eigentlich immer mögen?

Ich finde: Sophie Hungers Musik ist Schweizer Weltklasse, sie ist der wohl einzige Schweizer Act, bei dem es mir nicht kalt den Rücken runterläuft, wenn ich aufs Englisch höre, ihre Musik ist grösser als dieses Land, sie ist der Roger Federer der Schweizer Popmusik. Jetzt hat sie ein neues Video gemacht, die Melodie ist schön, der Text poetisch, das Video witzig, und – pardon, das sagt man halt auch nur bei einer Frau – ihr Outfit grossartig. Voilà.

(Bild: Facebook)

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