Verhindertes Tortengirl

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Gestern hab ich mit Angel Olsen einen Kuchen gebacken. Das hat mehrere Gründe: 1.The Great British Bake Off läuft wieder, mittwochs, BBC 1, beste Sendezeit (hier: 21 Uhr). 2. Es war ein Zucchettikuchen, Ernte sei Dank, und so ein Erntedankfest feiert ja gerade auch die Musikindustrie, was da Alben auf den Markt geworfen werden! Eben auch “My Woman” von Angel Olsen. 3. Die Amerikanerin (geboren in St.Louis, lebt in Asheville, North Carolina), habe ich irgendwo gelesen, hat voll die unspektakulären Hobbys, reading, rollerskating, going to softball games, making films and writing letters to friends. Jetzt mal abgesehen von der Filmmacherei, ich hoffe, das passiert mit einer richtigen Kamera, sind das alles ziemlich normale Dinge, backen könnte man sich dort auch vorstellen, auch wenn es vielleicht auf den ersten Blick nicht gerade in Angel Olsens Programm passt, dieses Hinter-dem-Herd-Stehen, weil “My Woman” auch eine Hommage an alle Frauen ist. Auf den zweiten eventuell schon, fand ich, das Meditieren über das Frausein heutzutage gelingt jedenfalls mir ziemlich gut beim Teig rühren.

Das erste Stück, “Intern”, hab ich hier ja schon einmal propagiert.

Die lustige Perücke, die näselnde Stimme, „Maybe you know that it’s been too long/ Going through the motions as you sing your song/ Doesn’t matter who you are or what you’ve done/ Still gotta wake up and be someone“ – das ist Humor mit ein bisschen Tiefgründigkeit vermischt. Genau richtig zum Butter abwägen und Zucker und Salz.

Die Eier kommen bei “Never Be Mine” dazu, das ist trauriger, und “Shut Up Kiss Me” ist ein noch trüberes Beziehungsstück. Das ging bei mir im Lärm der Kitchen Aid unter, wie auch “Give It Up”, bin fast noch froh.

Und jetzt merke ich, dass Lieder aufzählen voll langweilig ist für Menschen, die diese noch gar nie gehört haben. Ich machs jetzt trotzdem. “Not Gonna Kill You” ist ein Meisterstück, rauf und runter gehts, sowohl inhaltlich als auch stimmlich. Olsen versprüht überhaupt immer Glamour, als ob sie beruflich eine Tänzerin wäre, die aus Torten springt. Manchmal begleitet von 70er-Disco-Elementen, oder 60er-Rock-Sound und Folk auch, immer aber mit dieser zeitlosen, dunklen Soulstimme.

“Heart Shaped Face” beginnt ruhig und wird immer verzweifelter, und gerade als man denkt, nein, so geht das nicht mehr, jetzt stell ich die Küchenmaschine an, damit ich nichts mehr hören muss, das zerreisst mir das Herz, das ist keine Tortenfröhlichkeit mehr, ist fertig. Nummer 7 ist mein Liebling. Ein fast 8-minütiges Stück. Ihr müsst selber hören. Bisschen Country, bisschen Pop, bisschen unentschlossen. Und gerade das macht das Lied aus. Wie übrigens das ganze Album.

Der Kuchen ist jetzt im Ofen, und “Those Were The Days” geniesst meine volle Aufmerksamkeit. Bei Liedern mit diesem Titel falle ich ja – okay, je nach Tagesform – manchmal in tiefste “Wie schön waren die unbeschwerten 90er-Jahre, als wir immer dieses Lied gehört haben und wussten, bald sind wir so weit und halten es nicht mehr aus”-Depressionen. Auch bei Angel Olsen schwingt Melancholie mit, aber im Gegensatz zu Mary Hopkins ist das bei ihr ein fröhlicher Song. Mehr so: Gut sind sie vorbei, diese Tage.

Mir fällt dann noch ein, dass ich das Backpulver vergessen habe. Dabei können Frauen Multitasking, ihr wisst schon. Ich mische das dann noch unter, mit einem Holzstäbchen, während “Woman” läuft, ich nehme an, es wäre der relevanteste Song, aber mir geht er ein bisschen auf die Nerven. Auch wegen dem Backpulver, ja. Und dann revidiere ich noch das mit dem Liebling, der kommt erst jetzt. “Pops”.

“Take my heart and put it up on your sleeve/Tear it up so they can all sing along.”

Klavier und Angel Olsen. Der Kuchen hat ein Gefälle, er ist nicht gleichmässig aufgegangen, gut ist er trotzdem. Wie dieses Album.

ANGEL OLSEN: MY WOMAN, out: 02.09. (Jagjaguwar)
(Wer soll sich das Album anhören? Fans von Kurt Vile, Bleached, Unknown Mortal Orchestra, Ty Segall Band, sagt Irascible Music. Alle, die mal einen schönen Kuchen backen wollen, sage ich.)

Konzert: 27.10. Bogen F | Zürich

(Bilder: Presse)

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