Weiche Schale, harter Kern

Fiona Apple ist eine jener Künstlerinnen, von denen man weiss, die man aber doch nicht kennt. Wie Billie Eilish heute, stümte Fiona Apple als Teenager die musikalischen Bühnen und auch die Charts, mit einem ersten Album, das ihr einen Grammy als beste weibliche Rocksängerin und MTV Music Video Awards bescherte.

Nachher wurden die Preise seltener und zwischen den Alben und Tourneen von Fiona Apple vergingen Jahre, ja fast Jahrzehnte. Fiona Apple galt als schwierig und auch als eine, die bei Preisverleihungen nicht artig danke sagte, sondern klipp und klar die Welt als Bullshit bezeichnete und meinte, die kids out there sollten ihr eigenes Leben leben und nicht die vermeintlichen Stars im Rampenlicht imitieren. Einige Freunde nennen Fiona Apple auch den negative juicer, die negative Saftpresse. Auch aus eigentlich guten Dingen kann Fiona Apple immer noch etwas Schlechtes herauspressen. Sie kann halt nichts anders.

Selber litt und leidet Fiona Apple unter einem ganzen Sammelsurium von psychischen Krankheiten, schon seit der Kindheit. Sie kämpft mit Zwangsstörungen und Angstzuständen, leidet unter Depressionen und war bis vor zwei Jahren Alkoholikerin. Als Jugendliche wurde sie vergewaltigt und in der Schule gemobbt. Das prägt.

Und nun bringt Fiona Apple mit „Fetch the Bolt Cutters“ ein neues Album heraus, das direkt in den Magen, die Nerven und das Herz geht. Ein Album, das begeistert und einen staunen lässt. Keine Musik hat je so getönt. Niemand hat je so gesungen. Gleich beim ersten Anhören von „Fetch the Bolt Cutters“ wird das klar. Das amerikanische Musikmagazin Pitchfork gab Fiona Apple eine 10 von 10 für ihr neues Werk; die Maximalnote wurde seit 2010 (für Kanye West und sein grössenwahnsinniges Album „My Beautiful Dark Twisted Fantasy) nie mehr vergeben.

Fetch the Bolt Cutters“ ist musikalisch gesehen ein Drum’n’Vocals-Album. Alles fängt mit einem Rhythmus an, alles hat einen Groove. Bei Fiona Apple zuhause aufgenommen, diente nicht nur ein Schlagzeug als Rhythmusinstrument, sondern alles, mit dem Fiona Apple und ihre Mitstreiter schlagen oder worauf sie klopfen konnten: Pfannen, Türpfosten, das Sofa und der Cocktail-Shaker. Selbst die Holzkiste, in der Janets Knochen aufbewahrt sind – Fiona Apples Hund, der 2012 gestorben ist – wurde für die Perkussion zweckentfremdet. In die Album Credits hat es dann für Janet trotzdem nicht gereicht, im Gegensatz zu fünf anderen Hunden (Mercy, Maddie, Leo, Alfie und Little), die am Ende des Titelstücks fast eine Minute lang im Chor bellen.

Das ist eben die Ehrlichkeit, die für Fiona Apple sakrosankt ist: Nichts was einmal aufgenommen wurde und gut ist und den Moment feiert, in dem es entstanden ist, wird beim Mixen oder beim Mastering weggeschnitten, sondern ist auch auf dem Endprodukt enthalten. Das kann dann eben ein Hundechor sein oder ein ah, fuck, shit (weil sie beim Singen den Faden verloren hatte) in der Mitte von „On I Go“.

Mit oder ohne ah, fuck, shit: Fiona Apple ist eine grossartige Sängerin. Wie Janis Joplin kann ihre Stimme ihre Seele nach aussen kehren; wie Kendrick Lamar erzählt sie wortreich ihre Geschichten und die essentiellen Wahrheiten dahinter; wie Tom Waits kann sie einen bluesigen Flow entwickeln, der nur von Händeklatschen und rudimentärer Trommelei begleitet wird. „Fiona Apple hat keine Angst, ihre Stimme in den Raum zu tragen und dort zu belassen“, sagt ihr Gitarrist David Garza dazu. „Da wird nachher nichts noch digital geglättet.“ Und Bassist Sebastian Steinberg ergänzt im gleichen Artikel im New Yorker: „Das Motto ist einfach: Mach Platz, Musik, und überlasse Fiona Apples Stimme das Feld.“

Fiona Apple sagt es selber in „Shameika„, dem zweiten Song auf dem Album: Mein Hund, mein Mann und meine Musik sind meine Heilige Dreifaltigkeit. Mit den Hunden klappt es gut, mit den Männern geht es harzig und mit der Musik ist das so eine Sache. Es muss alles stimmen, damit Fiona Apple ein Konzert spielt oder neue Musik herausgibt. Halbe Sachen sind nicht ihr Ding. Wieso macht Apple überhaupt Musik, wieso schreibt sie diese Texte? In einem Artikel in Vulture hat sie erklärt warum: „Häufig wenn ich Lieder schreibe, ist es, weil ich es nicht schaffe, zu einer Person im richtigen Leben zu sprechen. Meine Eltern hörten mir nie richtig zu, wenn ich ihnen etwas erzählen wollte. Ich habe ihnen dann Briefe geschrieben, so konnten sie mich nicht unterbrechen.“ Und so geht es Fiona Apple heute noch.

Und die Texte, die sie dann schreibt, sind vor allem eines: brutal ehrlich. Das ergibt dann Zeilen wie „You raped me in the same bed your daughter was born in“ (aus „To Her“) oder „People like us, we play with a heavy balloon“ (aus „Heavy Balloon„, wo sie ihre Depressionen als schweren Ballon bezeichnet; von aussen betrachtet mag es den Betroffenen gut gehen, aber sie tragen eine grosse Last mit sich herum). Die Frage ist halt immer, wen die Ehrlichkeit mehr belastet, den Empfänger oder den Absender der Botschaft?

Man hört es Fiona Apple an, ihren Texten und ihrer Musik, dass nichts in ihrem Leben einfach geht. Da gibt es immer wieder Mauern, wo sie ansteht, und Hürden, die sie überwinden muss. Da gibt es immer wieder Situationen, die sie verarbeiten muss, für sich erklären muss, auch nach Jahren noch. Im besten Fall kann sie dann einen Bolzenschneider holen gehen (fetch the bolt cutter) und sich den Weg metaphorisch gesehen frei schneiden. Wenn nicht, wird es wieder ein Jahr ohne musikalisches Lebenszeichen von Fiona Apple. Aber dass Fiona Apple den Bolzenschneider überhaupt in ihrem Werkzeugkasten hat, ist bereits ein gutes Zeichen.

In der Summe ergibt das dann eine weiche Schale, die Fiona Apple verletzlich macht und sie leiden lässt. Aber der Kern von Fiona Apple, der ist hart, der kann etwas aushalten. Es ist dieser Kern, der es Fiona Apple möglich macht, so aussergewöhnliche Musik wie mit „Fetch the Bolt Cutter“ herauszubringen.

FIONA APPLE: „Fetch the Bolt Cutters“, out (Epic)

Videos von Fiona Apple finden: schwierig. Hier der Song „Criminal“, mit dem sie 1996 berühmt wurde.

 

GUESTLIST: Kurt Werren lebt in Bern, der Libanon ist seine zweite Heimat. Er hat hat ein Flair für fruchtbare Begegnungen und ein Näschen für spannende Frauen und Männer sowie gute Musik. Und er betreibt den englischsprachigen Blog The Open Enso.

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