Wenn Schweden leiden

Die zwei Schweden von Friska Viljor machen eine schwierige Zeit durch. Also vor allem der eine, und der andere macht mit. Ein Besuch in der Therapiesession im Plaza.

Dieser Text ist nicht von mir. Obwohl ich auch bei Friska Viljor war. Ich habe aber das Glück, Janine, eine studierte Skandinavistin, als Freundin zu haben. Mit ihr an ein solches Konzert zu gehen ist super. Aus mehreren Gründen. 1. Weil sie so viel Fachwissen hat, dass sie danach gleich selbst einen Text schreibt. Und 2. Weil wir uns, nicht zuletzt dank ihrer Schwedisch-Kenntnisse (und ein bisschen vielleicht auch dank unserer Dreistheit) trotz des Verbots des Tourmanagers zum Leadsänger vordrängten und ein bisschen mit ihm plauderten. Aber jetzt, Janine, bitte:

Love hurts. Das wissen wir alle. Und Joakim Sveningson will, dass alle wissen, wie fest sie ihm weh tut. Der Frontman von Friska Viljor hat im neusten Album der Band eine schmerzhafte Trennung verarbeitet. Das neue Album „Broken“ ist das Musik gewordene Beispiel eines Briefes, den man an die verflossene Liebe geschrieben hat, aber nie abschicken sollte. Sveningson hat daraus 13 Songs gemacht.

Der erste ist noch in ganz vergnüglicher, an vergangene Zeiten erinnernde Indierock-Manier, Danach nimmt die Fröhlichkeit aber so rapid ab wie das Tageslicht in Schweden Ende Oktober. In vielen Songs fragt sich Sveningson, wie es so weit kommen konnte, dass die Mutter seiner zwei Kinder ihn verliess. Er fleht sie an, zurückzukommen, kann es einfach nicht fassen. Und drei Jahre nach dem Break up besingt er auch auf der Bühne in Zürich noch sein gebrochenes Herz.

Trauriger Blick

„If something breaks, you break“, sagt er. Stimmt, Joakim. Aber selbst der besten Freundin will man drei Jahre nach der Trennung nicht mehr beim Heulen zuhören. Für alle, die jetzt glauben, dass Joakims fragiler Zustand nur PR-Strategie für das neuste Album ist: Als wir ihn nach der Show auf das Thema angesprochen haben, musste er zunächst ganz tief durchatmen. „Die inevitable has happened“, sagte er in seinem herzigen Singsang-Schwedisch-Englisch. „Sie hat einen Neuen.“ Auf die Frage, ob er denn auch jemand Neues kennengelernt habe, gab es nur einen traurigen Blick, umrahmt von viel Bart und wildem Wikinger-Haar.

Friska Filjor, schweden, plaza zürich
Hier scheint nicht die schwedische Sonne.

Sveningsons Bandmate Daniel Johanson ist unendlich geduldig. Und er ist auch der Grund, dass es die Band noch gibt. Joakim wollte in seiner Krise gleich alles hinschmeissen und nie mehr Musik machen. Daniel redete ihm diesen Blödsinn zum Glück wieder aus.

Sie waren mal fröhlich

Denn Liebeskummer ist das Fundament von Friska Viljor. 2005 wurden Joakim Sveningson und Daniel Johanson beide von ihre Freundinnen verlassen. Gebrochenen Herzens soffen sie sich durch Stockholm und gründeten eine Band. Im Gegensatz zur aktuellen Trennungsphase entstand auf dem ersten Album „Bravo“ der typische Sound der Band. Fröhlich und massentauglich. Indiepop mit ein bisschen Folk bis Electro, und ab und zu verzücken die Herren mit ihren herrlich mitreissenden Falsettostimmen. Alles in allem: Partymusik vom Feinsten.

friska viljor, janine
Neben Janine konnte Joakim sogar ein bisschen lächeln – trotz allem.

Frohen Mutes

Auf diesen Sound wartete dann auch das Publikum im Plaza am letzten Freitag. Zwar nicht ganz alle. Als Joakim und Daniel die Bühne für mehrere Songs in ein musikalisches Herzschmerz-Fest verwandelten, krallten sich die Paare im Raum freudig aneinander und liessen die Smartphones steigen.

Alle anderen nutzten die Gelegenheit, um ein bisschen zu plaudern oder für einen Gang an die Bar. Schön sind die Lieder allemal. Aber so hoffnungslos und melancholisch. So, wie nur Skandinavier leiden können. Denn sie wissen, wie es ist, wenn die Sonne heute nicht aufgeht. So traurig sind die Lieder, dass sie einen vielleicht selber an den letzten richtig schlimmen Heartbreak erinnern. Und das ist nach einer langen Woche am Freitagabend ein bisschen starker Tobak.

Doch Joakim und Daniel überwanden – zumindest während der Show – die Krise und fanden wieder zum gewohnt leichtfüssigen Sound zurück. Und so konnten die Konzertbesucher*Innen nach der Show frohen Mutes in die Dezembernacht tanzen. Frohen Mutes ist übrigens auch die freie Übersetzung von Friska Viljor. Und hoffentlich das Motto, zu dem Joakim bald zurückfindet. Allt kommer att blir bra – alles wird gut!

(Bilder: Rockette)

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