Ich lebe an mehreren Orten. Natürlich, es gibt ein Haus, in das meine Post geliefert wird, und in dem meine meisten Möbel stehen. Hier halte ich mich aber nicht immer auf, ich bin so oft unterwegs, es gibt noch ein anderes Haus, und eine weitere Bleibe. Und es fehlt dann immer, was gerade nicht zur Hand ist resp. ist nie da, was da sein sollte, sondern es ist dort, wo ich nicht bin. Ein spezifisches Buch, die schönen Ohrringe, der neue Rock. Es ist das ungelöste Problem von Menschen, die zwischen Orten pendeln. Nur Badekleider habe ich an vier Orten deponiert. Einer davon ist das Auto.
Die Situation ist nicht ganz einfach, und wohl deshalb greife ich derzeit zu Büchern über das Wohnen. Gleich drei waren es in den letzten paar Wochen: Auf "Ein Raum zum Schreiben" von Kristin Valla hat mich Miriam aufmerksam gemacht. Sie hat hier sogar schon darüber geschrieben. Nur ging sie (Miriam) eher auf den Umstand ein, "sich vom journalistischen Schreiben zu lösen", und auch vom regelmässigen, absehbaren Lohn. Das beschäftigt mich auch, dieses Sicherheitsdenken, von dem ich mich nur halb verabschieden kann (obwohl: Ich hänge derzeit auf Alpen rum und schaue Käser:innen zu, wie sie Feuer unter dem Kessi machen und grossartigen Käse, es ist gut, es zählt sich nicht, es ist befreiend).
Aber mich faszinierte, wie Kristin Valla ihre Wohnung einzurichten versuchte, obwohl ich manches nicht ganz verstanden habe (zum Beispiel, wie diese Episode in ihrem Leben endete, sie war plötzlich einfach fertig). Wie sie erst das Haus kaufte, ja, und dann mit dem ganzen Scheiss, der schiefgehen kann, umgehen musste. Weil wir uns das nicht gewohnt sind, dass vieles schiefgeht (auf Instagram ist es nur ungefähr jeder 1000. Post, der das Scheitern beschreibt). Ich war einmal in einer ähnlichen Situation, nicht mit einem Haus, aber mit einem Wohnwagen, und er war einfach nie fertig eingerichtet. Bis er es dann war. Und dann verkaufte ich ihn.
Doris Dörrie schreibt über das "Wohnen" allgemein, so heisst auch das Buch aus dieser Reihe mit den "wichtigsten Themen des Lebens". Sie sagt Dinge wie: "Die Küche ist für mich ein zwiespältiger Ort. Als junge Frau hatte ich Angst vor ihr, als könne sie mich wie eine Krake in eine Rolle hineinziehen, die ich zutiefst ablehnte." Sie beschreibt ihre Familie, ihre Mutter vor allem, sie erzählt von Reisen, von ihren Filmen. Dieses Buch lesen ist wie durch ein schönes, lebendiges Haus gehen. In jedem Zimmer entdeckt man Neues.
Das wunderbarste Buch, das ich in letzter Zeit gelesen habe (und ich habe viel gelesen, es war Sommer, was soll man da anderes tun?), war Doris Knechts "Ja, nein, vielleicht". Es ist die Geschichte einer Frau, die etwas älter ist als ich, aber nicht viel, und die im Supermarkt einen ehemaligen Lover trifft und sich deshalb fragt, ja, nein, vielleicht gibts da was draus. Der Roman ist erfüllt von Wärme und von klugen Gedanken. Die Protagonistin lebt in Wien und auf dem Land, und oft geht es um ihr Haus oder um ihre Wohnung, die von ihrer Schwester besetzt wird. Bei Chick-Chat fragen wir uns manchmal: Möchten wir in diesem Buch wohnen?
Bei Doris Knecht würde ich hundertprozentig sagen: Ja! Unbedingt. Nina
Kristin Valla: Ein Raum zum Schreiben, Mareverlag
Dorise Dörrie: Wohnen, Hanser Berlin
Doris Knecht: Ja, nein, vielleicht, Hanser Berlin